1. Startseite
  2. Politik

„Viele Israelis sind Muslime“: Autor Shalicar plädiert für realitätsnäheren Blick auf Nahen Osten

Erstellt:

Kommentare

Ella Waweya
Beispiel für die Top-Karriere einer Muslima in Israel: Ella Waweya. Die Majorin ist Sprecherin der Israelischen Armee. Sie stammt aus einem Dorf in Nordisrael. © Privat

Bekannt wurde der deutsch-persisch-israelische Autor Arye Sharuz Shalicar einem größeren Publikum, als er vor zwölf Jahren über seine Kindheit in Berlin schrieb. Sein neuestes Buch „Schalom Habibi“ thematisiert die neuen Beziehungen Israels zu arabischen Staaten. Wir sprachen mit ihm.

Herr Shalicar, Sie sind 2001 als 23-Jähriger nach Israel ausgewandert. Was machen Sie dort heute?

Neben meinem Schriftsteller-Dasein bin ich Sprecher der israelischen Armee in Reserve und arbeite im Büro des Ministerpräsidenten. Mein Aufgabenbereich sind internationale Beziehungen. Als Berater des ehemaligen Außenministers hatte ich auch die Chance, die Länder kennenzulernen, von denen ich in meinem neuen Buch erzähle.

Welche Passagen halten Sie denn als Autor selbst für die wichtigsten?

Die, in denen ich über die Beziehungen zwischen Juden und Muslimen in Israel schreibe. Das sind Geschichten wie die über die Kindergärtnerin meiner Tochter und über Ella Waweya. Ella ist als arabische und muslimische Frau Offizierin und Sprecherin der israelischen Armee geworden. Viele Israelis sind Muslime.

Das sind Dinge, die viele Deutsche nicht wissen.

Deswegen finde ich es auch so wichtig, darüber zu informieren. Zwanzig Prozent der Israelis sind Muslime. Sie sind in allen Bereichen der israelischen Gesellschaft vertreten, in Politik, Justiz, Krankenhäusern, Schulen, Armee und Polizei. Genauso wenig bekannt ist ja in Deutschland, wie gut und vielfältig sich die israelisch-arabischen Beziehungen entwickeln. Deswegen erzähle ich auch von meinen persönlichen Begegnungen im Oman, in der sudanesischen Hauptstadt Khartum, in Marokko, Ägypten oder auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Schließlich halte ich noch das Kapitel für besonders wichtig, in dem ich über den deutschen Tunnelblick auf den Nahostkonflikt schreibe.

Sie meinen damit den Konflikt zwischen Israel und Palästinensern?

Ja. In Deutschland wird oft so getan, als gebe es im Nahen Osten nur diesen Konflikt und als hänge von seiner Lösung alles andere ab. Das ist aber eine riesige Lüge. Überall um Israel herum toben weitaus blutigere Konflikte.

Aus deutscher Sicht ist die Fokussierung auf Israel doch verständlich?

Aus historischen Gründen schon. Doch die verstellen vielen Deutschen offenbar einen entspannteren und klaren Blick auf die gegenwärtige Realität im Nahen Osten.

Wer so in Deutschland spricht, gerät schnell in Verdacht, das Holocaustgedenken zu beenden. Was unterscheidet Ihre Kritik von solchen Schlussstrich-Forderungen?

Niemand sollte den Antisemitismus auf deutschen Straßen dafür ausnutzen, um der eigenen Fremdenfeindlichkeit Legitimität zu verschaffen. Die Verniedlichung der Nazizeit als „Vogelschiss der Geschichte“ durch den AfD-Politiker Alexander Gauland war eine Verhöhnung der Holocaustopfer, nicht nur der Juden. Ich appelliere demgegenüber, die Vergangenheit nicht zu vergessen, sie zu respektieren und zu verstehen. Aber das sollte einem entspannten, positiven, freundschaftlichen Verhältnis zu Israel und Juden nicht im Wege stehen. Umgekehrt ist der israelische Blick auf Deutschland schon längst so.

In Deutschland scheint sich niemand daran zu stören, dass in palästinensischen Gebieten kein einziger Jude leben kann, Homosexuelle mit dem Tod bedroht werden und korrupte Autokraten herrschen. Wie kommt es zu dem verzerrten Blick auf die Region?

Das sind die Fragen, die ich in meinem Buch thematisiere. Warum wird in Deutschland „Israel - Kindermörder“ gerufen, wenn das Land sich gegen Raketenbeschuss seiner Dörfer wehrt? Und gleichzeitig werden tausende Menschen im Jemen, in Syrien ermordet und niemanden interessiert das, weil das ja nicht „der“ Nahostkonflikt mit dem bösen Israel als Dauer-Schuldigen ist?

Was empfehlen Sie?

Ich warne vor Verallgemeinerungen und hoffe, dass der deutsche Blick in die Welt realitätsnäher wird. Ich als Jude habe persönlich erlebt, dass es Leute gibt, die dir nur deswegen Böses wollen. Aber ebenso habe ich auch Schutz und Freundschaft erfahren, gerade durch Muslime. Zur jüdischen Erfahrung gehört es verständlicherweise, sich verteidigen zu können.

Auf staatlicher Ebene: Wie stabil ist das Abraham-Abkommen Israels mit arabischen Staaten?

Die Beziehungen entwickeln sich sehr gut, weit über die sicherheitspolitische Zusammenarbeit hinaus. Es gibt zwar mit dem Mullah-Regime im Iran einen gemeinsamen Feind. Aber wir arbeiten auch in allen möglichen technologischen Fragen zusammen, etwa bei Medizin-, Wasser- und Agrartechnik, zunehmend auch im Tourismus und vor allem bei der Energieversorgung. Während wir dieses Interview führen, werden neue Vereinbarungen getroffen. Wer heute in Marokko oder den Emiraten unterwegs ist, wird dort sehr wahrscheinlich Israelis begegnen. Das ist alles sehr ermutigend.

Arye Sharuz Shalicar
Arye Sharuz Shalicar © Privat

Arye Sharuz Shalicar (45) ist ein deutsch-persisch-israelischer Schriftsteller. Er ist in Göttingen geboren und in Berlin aufgewachsen. Der Vater von zwei Kindern lebt mit seiner Familie in der Nähe von Tel Aviv. Bekannt wurde er 2010 mit seinem verfilmten Buch „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude: Die Geschichte eines Deutsch-Iraners, der Israeli wurde“. Sein neuestes Buch ist ein Plädoyer für jüdisch-muslimische Freundschaft: „Schalom Habibi: Zeitenwende für jüdisch-muslimische Freundschaft und Frieden“ (Hentrich & Hentrich, 162 S., 18 Euro). 

VON TIBOR PÉZSA

Auch interessant

Kommentare