„Viele sind ganz zufrieden“

Interview: Markus Göring, Pfarrer auf der Krim, über die Lage nach der Annexion

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Pfarrer Markus Göring

Kassel/Kiew. Sechs Monate nach der russischen Annexion der Krim haben die Bewohner der Halbinsel erstmals nach neuem Recht ein Kommunalparlament gewählt. Der evangelische Pfarrer Markus Göring hat zweieinhalb Jahre auf der Krim gearbeitet. Nun ist er zurück in Deutschland.

Pfarrer Göring, alle Ihre ukrainischen Telefonnummern sind auf Anrufbeantworter gestellt. Woran lag das?

Markus Göring: Anfang August war ohne Vorankündigung der größte ukrainische Mobilfunkanbieter auf der Krim plötzlich nicht mehr erreichbar. Die Schuld dafür gaben sich Russland und die Ukraine gegenseitig.

Haben Sie nach der russischen Annexion Repressionen bei der Arbeit gespürt?

Göring: Nein. Die neue Regionalregierung hat gesagt: Wenn ihr euch darauf einlasst, dass die Krim jetzt russisch ist, dann könnt ihr frei eure Religion ausüben.

Wie reagierten Ihre Gemeindemitglieder darauf?

Göring: Die haben es überwiegend positiv gesehen und sind eigentlich ganz zufrieden damit, dass sie von der Ukraine losgekommen sind. Die meisten haben gesagt, wir haben immer in der Sowjetunion gelebt, und eines Morgens wachten wir auf und lebten in der Ukraine. Das war im Jahr 1991. Sie haben sich damit nie richtig abgefunden.

Wie steht es um unabhängige Medien vor Ort?

Göring: Die einheimischen Medien haben sich, ob freiwillig oder nicht, in der prorussischen Berichterstattung eingeordnet. In Hochhäusern, wo es Kabelfernsehen gibt, wurden einige Sender abgeschaltet, Internet ist aber frei empfangbar.

Wie ergeht es der russlanddeutschen Minderheit?

Göring: Deren Organisationen sind zufrieden. Sie empfinden die neue Situation auch nicht als Unterdrückung. Schwieriger hat es die tatarische Minderheit. Sie war Russland gegenüber immer kritisch eingestellt und setzt Russland mit dem Sowjetregime und der Deportation gleich, die dieses Volk 1944 erleben musste. Diejenigen, die sich zur Ukraine bekennen, sind unter deutlichem politischen Druck.

Wie äußert sich das?

Göring: Menschen, die sich weigern, russische Pässe anzunehmen, stehen vor bürokratischen Hürden, die man durchaus als Schikane bezeichnen kann. Da müssen Leute stunden-, manchmal tagelang anstehen, um Genehmigungen zu bekommen.

Gab es Situationen, in denen Sie sich unsicher gefühlt haben?

Göring: Ganz am Anfang, in den ersten Märztagen, als die sogenannten grünen Männchen, also die wahrscheinlich russischen Soldaten ohne Abzeichen in der Stadt unterwegs waren und in der Innenstadt mit schweren Waffen Position bezogen haben, da war es schwierig, und wir wussten nicht, wie es weitergehen würde. Aber nach dem Referendum über die Krim hat man gesehen, dass es zumindest gegen die Zivilbevölkerung friedlich blieb.

Was ist für die Menschen jetzt das größte Problem auf der Krim?

Göring: Da ist die Sorge um die kriegerische Situation in den benachbarten Regionen. Und wie es weitergeht mit den Flüchtlingen, die von dort kommen.

Wie würden Sie die politische Situation auf der Krim einschätzen?

Göring: Die russische Regierung ist bemüht, die Herzen der Menschen weiterhin zu gewinnen. Die werden umworben. Wer für Russland ist, soll es möglichst gut haben. Wer dagegen ist, hat es schwer. Die Menschen haben mir aber oft gesagt, dass sie nicht verstehen können, wie schlecht in westlichen Medien über die Situation berichtet wird.

Wurden die Menschen der Krim von der ukrainischen Regierung ausgebeutet?

Göring: Die Regierung war völlig korrupt. In Korruption steckt immer auch eine Art von Ausbeutung.

Geht es den Menschen mit der russischen Regierung besser?

Göring: Wirtschaftlich geht es etlichen Menschen besser. Die Renten und Staatsgehälter wurden verdoppelt.

Warum haben Sie die Krim verlassen?

Göring: Mein Dienstherr wollte nicht die Verantwortung dafür übernehmen, dass ich mit Frau und Kindern in einer Region mit der schärfsten Reisewarnung bleibe und hat uns gebeten zurückzukommen.

Von Jürgen von Polier

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