Geschäftsführer des Vegetarierbundes hält Fleisch für überflüssig

"Vegetarismus und Veganismus haben den Weg in den Mainstream gefunden"

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Vegetarische und vegane Produkte im Supermarkt: Eine Kundin hält vegane Lebensmittelprodukte in der Hand. Lebensmittelketten entdecken Vegetarier und Veganer als attraktive Zielgruppe.

Berlin. Der deutsche Lebensmittelhandel entdeckt die Vegetarier als attraktive Zielgruppe. Darüber sprachen wir mit Sebastian Zösch, Geschäftsführer des Vegetarierbundes Deutschland.

Waren Soja-Schnitzel, Wurstaufschnitt ohne Fleisch und veganes Fruchtgummi bislang vor allem nur in Naturkostläden zu finden, haben sie mittlerweile Platz in den Regalen „normaler“ Supermärkte erobert. Aldi Süd gab unlängst bekannt, die vegetarische Produktpalette erweitern zu wollen. Der Verzicht auf Fleisch ist salonfähig geworden, sagt Sebastian Zösch, Geschäftsführer des Vegetarierbundes Deutschland.

Herr Zösch, auch Aldi Süd möchte sein vegetarisches Portfolio erweitern: Tritt der Vegetarismus somit endgültig aus dem Nischendasein?

Sebastian Zösch: Ja, auf jeden Fall. Wir stellen schon seit Jahren fest, dass Vegetarismus und Veganismus den Weg in den Mainstream gefunden haben. Das zeigt sich daran, dass Firmen wie Aldi Süd, Frosta, aber auch viele Caterer vermehrt vegetarisch-vegane Produkte anbieten.

Aus welchen Gründen wurden Sie Vegetarier?

Hintergrund: Vegetarier, Veganer, Frutarier 

Fleischlose Ernährung wird zunehmend beliebter, doch den Begriff Vegetarismus gibt es bereits seit dem 19. Jahrhundert. Im Jahr 1847 wurde in England die erste vegetarische Gesellschaft gegründet. Heute gibt es viele Formen der fleischlosen Ernährung. Ein Überblick:

Vegetarier: Sie essen vereinfacht ausgedrückt keine Produkte, für deren Verzehr Tiere getötet werden müssen, also kein Fleisch, keine Wurst, keinen Fisch. Dabei gibt es verschiedene Abstufungen: Zusätzlich zu pflanzlicher Nahrung bezieht die ovolacto-vegetarische Kost Eier und Milchprodukte ein. Die lacto-vegetarische Kost nimmt nur Milchprodukte. Die ovo-vegetarische Kost wird lediglich durch den Konsum von Eiern ergänzt.

Veganer: Sie essen keinerlei tierische Produkte, also auch keine Eier, keine Milchprodukte wie Käse, keinen Honig und keine Gerichte mit tierischen Zusatzstoffen. Auch bei der Kleidung sind Tierprodukte wie Wolle und Leder tabu.

Frutarier: Sie sind Extrem-Veganer, die sich nur auf der Basis von Früchten ernähren. Sie nehmen dabei nur pflanzliche Produkte zu sich, bei deren Ernte die Stammpflanze nicht beschädigt wird. Manche Frutarier essen nur Obst, das bereits vom Baum gefallen ist. (kle)

Zösch: Bei mir sind es ethische Gründe. Ich hab mir überlegt, ich würde niemals meinen Hund oder meine Katze essen und konnte so nicht rechtfertigen, ein Schwein zu essen. Da habe ich es einfach mal ausprobiert, vegetarisch und später vegan zu leben und bin dabei geblieben. Einerseits bin ich fitter und fast nie krank und andererseits fühle mich grundsätzlich wohler, weil ich im Einklang mit meinen Werten lebe.

Häufig heißt es, Vegetarismus und Veganismus sind Lebenseinstellungen.

Zösch: Es handhabt natürlich jeder anders: Es gibt Leute, die gesundheitlich motiviert sind und hauptsächlich auf die Ernährung achten. Leute, die vegan leben, tragen aber auch keinen Pelzmantel, keine Lederschuhe und kaufen keine Kosmetik, die an Tieren versucht wurde.

Nach wie vor hängt das Vorurteil in der Luft, vegetarische oder vegane Ernährung hat mit Verzicht zu tun.

Zösch: Das hat sich in den letzten Jahren komplett gewandelt. Allein im vergangenen Jahr sind über 50 vegane Kochbücher erschienen: Sie strotzen nur so vor leckeren Gerichten. Man kann deftig essen, süß essen, üppig essen.

Was antworten Sie Kritikern, die Vegetarismus und Veganismus als Mode abtun?

Zösch: Es ist natürlich momentan sehr in Mode, vegan zu leben. Die Gründe dafür werden – ob es die Lebensmittelskandale sind, ob es der Klimawandel ist, ob es der Welthunger ist, ob es die Kosten im Gesundheitswesen sind oder ob es die Massentierhaltung ist – alle noch an Brisanz zunehmen. Die Gründe, die gegen eine vegetarisch-vegane Lebensweise sprechen, werden dagegen weniger: Das vegane Essen ist schmackhafter als noch vor Jahren und die Unsicherheit, ob man vegan überhaupt leben kann, ist auch weg. Daher bin ich überzeugt, dass Vegetarismus und Veganismus nicht nur wachsen, sondern auch an Geschwindigkeit zunehmen werden.

Belastet der Fleischesser die Umwelt?

Zösch: Da gibt es Studien zu. Mit dem Konsum von Fleisch geht eine ganze Kette von negativen Auswirkungen auf die Umwelt ein. 18 Prozent der Klimagase gehen weltweit auf den Fleischkonsum zurück. Auch beim Wasser verbraucht man das Fünffache einer rein veganen Lebenseinstellung. Es hat viele Vorteile, vegetarisch oder vegan zu leben.

Braucht der Mensch Fleisch?

Zösch: Nein, mit einer ausgewogenen vegetarisch-veganen Ernährung kann der Mensch alle nötigen Nährstoffe aufnehmen.

Von Alexander Koch

„Wachsende Nachfrage“ - Vegetarische Produkte sind fester Bestandteil der Supermärkte

Die HNA stellte die Frage, ob die großen deutschen Lebensmittelketten ihr Angebot vegetarischer und veganer Lebensmittel ausbauen wollen:

Rewe: „Unsere Supermärkte haben grundsätzlich ein deutlich größeres Sortiment als Discounter. Daher finden Vegetarier und Veganer in unseren Rewe-Märkten bereits eine große Zahl an Produkten für ihre Ernährung. Es ist nicht geplant, diese deutlich auszubauen.“

Tegut: Laut der Lebensmittelkette werde der Sortimentsbereich vegan mit den Kunden stetig weiterentwickelt. Aufgrund der zahlreichen Kundenwünsche sei in vielen Tegut-Märkten ein Regalbaustein mit veganen Produkten eingeführt worden.

Edeka: „Unsere selbstständigen Kaufleute bieten eine große Vielfalt an vegetarischen oder veganen Produkten. Generell beobachten wir in den vergangenen Jahren eine stetig wachsende Nachfrage nach vegetarischen und veganen Produkten. Dies gilt insbesondere für städtische Regionen.“

Lidl: „Da wir ständig unser Sortiment optimieren, beschäftigen wir uns dabei auch mit der Thematik Vegetarische und vegane Produkte. Wir bitten jedoch um Verständnis, dass wir dazu keine weiteren Angaben machen.“

Aldi Nord: „Unseren Kunden bieten wir seit längerer Zeit vegetarische Lebensmitteln in unserem Sortiment. Sollten sich weitere vegetarische-vegane Produkte als erfolgreich erweisen, denken wir über eine Aufnahme nach.

Gründe fürs Fleisch-Essen

Natürlich gibt es auch gute Gründe für das Essen von Fleisch und Wurst, vor allem den leckeren Geschmack. Die deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt aus gesundheitlichen Gründen 300 bis 600 Gramm Fleisch pro Woche zu essen, das ist allerdings nur die Hälfte der heute durchschnittlich konsumierten Menge.

Fleisch liefert nach Angaben der Fördergemeinschaft Nachhaltige Landwirtschaft hochwertiges Eiweiß, viel Eisen und Vitamine. Nutztierhaltung sei ein wichtiger Erwerbszweig, die bäuerliche Haltung erfülle strenge Qualitätsstandards. Diese seien in Deutschland im Handelsklassengesetz sowie im Lebensmittel-, Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuch geregelt.

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