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Niedersachsen: Vier-Tage-Woche wird immer mehr zum Trend

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Von: Nail Akkoyun

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In vielen Ländern wird sie teils schon praktiziert, in Deutschland ist die Vier-Tage-Woche hingegen noch kaum angekommen – nun wird in Niedersachsen getestet.

Hannover – Das klassische Arbeitszeitmodell zu erneuern, ist für viele Beschäftigte ein attraktiver Gedanke: Laut einer Forsa-Umfrage befürworten 71 Prozent der Deutschen ein gesetzliches Recht auf die Vier-Tage-Woche, wie es seit Kurzem in Belgien existiert. Das Gehalt bleibt dort gleich – die Arbeitszeit allerdings auch. Für die Umsetzung gibt es verschiedene Modelle, die den Arbeitnehmern mehr Freizeit ermöglichen sollen.

Eines davon testet in Niedersachsen derzeit die Firma Borco Höhns, ein Hersteller von Wochenmarkt-Wagen. Die 240 Beschäftigten des Betriebs in Rotenburg bei Bremen können jeden zweiten Freitag freinehmen, wenn sie dafür jeden Arbeitstag eine halbe Stunde länger bleiben. „Das funktioniert sehr gut, alle zwei Wochen ein langes Wochenende zu haben, ist einfach eine tolle Sache“, sagte Klaus Meyer, technischer Direktor der Firma. Zwar habe es zuerst Bedenken gegeben wegen der zusätzlichen 30 Minuten Arbeitszeit pro Tag, „die haben sich aber zerstreut, das geht ganz hervorragend“.

Während die Vier-Tage-Woche in manch anderen Ländern schon gang und gäbe ist, hat sich der Trend in Deutschland noch nicht durchgesetzt. (Symbolfoto)
Während die Vier-Tage-Woche in manch anderen Ländern schon gang und gäbe ist, hat sich der Trend in Deutschland noch nicht durchgesetzt. (Symbolfoto) © Christian Vorhofer/Imago

Zuvor arbeiteten die Beschäftigten freitags nur fünf Stunden, diese Zeit wird jetzt weitgehend auf die restlichen Werktage verteilt. In Summe sinkt die wöchentliche Arbeitszeit von durchschnittlich 37 Stunden auf 36,5 Stunden.

Vier-Tage-Woche in Niedersachsen „Zunehmender Wunsch“ nach mehr Freizeit

Noch befindet sich das Modell, das Anfang September eingeführt wurde, in einer Testphase, mit der die Firma prüfen will, ob sich die Produktivität aufrechterhalten lässt. „Bisher sind wir da auf einem sehr guten Weg“, sagte Meyer. Es werde auch überlegt, ob man jede Woche zur Vier-Tage-Woche machen könnte. Die Idee für das Modell sei aus der Geschäftsleitung gekommen. „Wir wollen unseren Mitarbeitern ein tolles Umfeld bieten und hoffen, dass es auch generell zukunftsträchtig ist“, sagte Meyer.

Einen „zunehmenden Wunsch nach selbstbestimmter Lebenszeit und einem Mehr an Freizeit“ sieht auch die IG Metall bei den Beschäftigten, wie der Sprecher der Gewerkschaft im Bezirk Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, Jan-Niklas Hartge, sagte. Dies sei ein Trend, der auch mit einem Wertewandel der jüngeren Generation zusammenhänge. „Eine reduzierte Wochenarbeitszeit kann aber auch älteren Beschäftigten mehr Zeit für Freizeit, Ehrenämter oder Familie einräumen“, betonte Hartge. Eine Vier-Tage-Woche ergebe zudem nur Sinn, wenn dieselbe Arbeitszeit nicht einfach in vier Tage gequetscht werde.

In der Realität seien die Arbeitgeberverbände jedoch an gegenteiligen Entwicklungen interessiert und wollten die wöchentliche Arbeitszeit wieder hochschrauben, erklärte Hartge aus Sicht der Gewerkschaft: „Die Arbeitgeber wollen das Rad der Zeit zurückdrehen.“

Vier-Tage-Woche: Unternehmerverbände Niedersachsen kritisieren Pläne

Skepsis gibt es in der Tat. So sagte Christoph Meinecke von den Unternehmerverbänden Niedersachsen: „Es wirkt völlig realitätsfern, wenn wir in Deutschland über Arbeitszeitverkürzungen per Gesetz nachdenken, obwohl wir einen gravierend anwachsenden Fachkräftemangel haben.“ Die Fünf-Tage-Woche schaffe ein perfektes Verhältnis von effektiver Arbeit, Verpflichtungen und Erholung im Privaten.

Doch auch einige Arbeitgeber sind offen für das Modell. So erklärte Wiebke Krohn vom Arbeitgeberverband Lüneburg-Nordostniedersachsen, der mehr als 750 Unternehmen in der Region vertritt, es lasse sich ein Trend zu flexibleren Arbeitszeitregelungen erkennen. „Wer sich vor Trends und Neuerungen verschließt, wird langfristig keinen Erfolg haben“, sagte Krohn. Das gelte auch für neue Arbeitszeitmodelle.

Außerdem könne damit dem Fachkräftemangel entgegengewirkt werden. „Sollten sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf ein Arbeitsmodell für eine Vier-Tage-Woche einigen, kann es aus meiner Sicht Vorteile in Bezug auf die Produktivität, Work-Life-Balance, Modernisierung des Geschäftsmodells sowie Vereinbarkeit von Familie und Beruf geben“, so Krohn weiter. Dies zeigen auch Erfahrungen in einem nordhessischen Betrieb, welches die Vier-Tage-Woche eingeführt hat.

Niedersachsen: Vier-Tage-Woche bringt laut Expertin viele positive Aspekte mit sich

Die Arbeitszeitexpertin der Hans-Böckler-Stiftung, Yvonne Lott, befürwortet eine Vier-Tage-Woche ebenfalls. Diese gebe gerade in Zeiten des Fachkräftemangels Unternehmen die Möglichkeit, Bewerberinnen und Bewerber anzuziehen. Bei zahlreichen Unternehmen in den USA und Großbritannien habe das bereits funktioniert. Auch in Niedersachsen gebe es immer mehr Betriebe, wie beispielsweise Friseure, die das Modell anbieten. Zum anderen sei ein freier Tag mehr pro Woche „förderlich für die Gesundheit sowie für die Vereinbarkeit von Freizeit, Familie und Beruf“, betont Lott. Auch mit Hinblick auf die Gleichstellung von Mann und Frau habe das Modell Vorzüge: „Beide Elternteile arbeiten etwas kürzer und können dann im gleichen Maße Erwerbs- und Sorgearbeit übernehmen.“

Bisherige Versuche, wie beispielsweise durch die Bewegung „4 Day Week Global“, haben laut der Arbeitszeitexpertin zu positiven Resultaten geführt. „Die Evaluationen haben ergeben: Die Mitarbeiterzufriedenheit, Engagement und Produktivität sind gestiegen.“ Zwar sei der Wunsch nach verkürzter Arbeitszeit bei jüngeren Generationen häufiger vertreten, doch es sei auch bei Älteren ein Thema: „Viele Menschen, zum Beispiel im Schichtdienst, können die regulären Arbeitszeiten gar nicht durchhalten bis zum Renteneintritt“, sagte Lott.

Die Expertin hebt dabei hervor, dass sie nicht für eine staatlich eingeführte Vier-Tage-Woche plädiert. Stattdessen könnten immer mehr Unternehmen das Modell einführen und testen. Profitieren könnten davon dann beide Seiten, Arbeitgeber wie Arbeitnehmer. (nak/dpa)

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