Gräueltaten am Anfang der modernen Türkei

Völkermord an den Armeniern: Und alle haben es gewusst

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Armenier und Osmanisches Reich

Ankara/Kassel. Vor fast 100 Jahren begann in der Türkei der Völkermord an der armenischen Minderheit. An die bis heute in der Türkei nicht aufgearbeitete Ermordung und Vertreibung erinnert der neue Film von Fatih Akin.

Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“ So fragte Adolf Hitler seine Oberkommandierenden in seinem Einsatzbefehl vom 22. August 1939, wenige Tage vor dem Überfall auf Polen. Die Tatsache, dass die Ermordung von hunderttausenden Armeniern in der Türkei nur wenige Jahre zuvor weitgehend ungesühnt geblieben war, konnte aus Hitlers Sicht nur als Ermutigung verstanden werden.

Die Opferzahlen schwanken. Gustav Stresemann (1878-1929), späterer deutscher Reichskanzler, notierte 1916 nach einem Gespräch mit dem türkischen Kriegsminister Enver Pascha: „Armenier-Verminderung 1–1½ Millionen“. Also fast alle der 1,7 Millionen Armenier, die vor dem Krieg in Anatolien lebten.

Mit dem systematischen Massenmord an Armeniern im Osmanischen Reich, nur weil sie Armenier waren, versank das multireligiöse Vielvölkerreich zwischen 1915 und 1917 in einem Sumpf von Blut und Verbrechen.

Der kranke Mann am Bosporus - so wird das einst so gefürchtete Osmanische Reich schon lange vor dem Völkermord genannt. Unterstützt von Engländern und Franzosen begehren die Araber im Süden auf, im Westen schütteln Albaner, Serben, Rumänen und Bulgaren die türkische Herrschaft ab. Die Griechen machen sich an der türkischen Westküste breit. Österreich-Ungarn annektiert Bosnien. Und die Italiener schnappen sich Libyen.

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Am Vorabend des ersten Weltkriegs sind die Osmanen, deren Macht einst bis kurz vor Wien reichte, in Europa bis in die heutigen Grenzen der Türkei zurückgedrängt. Hunderttausende zum Teil mit brutaler Gewalt aus Europa vertriebene Muslime tauchen in Konstantinopel und anderen türkischen Städten auf.

Und dann sind da noch die Deutschen und Russen. Letztere gebärden sich zunehmend als Schutzmacht der christlichen Armenier in der Türkei. Offen wird erwogen, ob nicht in Ostanatolien armenische Provinzen unter internationaler Kontrolle eingerichtet werden sollten.

Gegen all dies richtet sich der Nationalismus der 1908 an die Macht gekommenen jungtürkischen Erneuerer. Sie glauben, dass der osmanische Rumpfstaat, die heutige Türkei, nur eine Zukunft als ethnisch reiner Nationalstaat hat. Drei Militärputschisten, Enver Pascha, Cemal Pascha und Talât Pascha, geben der Bewegung bis 1918 aggressive Schärfe. Eines der größten Verbrechen des 20. Jahrhunderts, der Völkermord an den Armeniern, beginnt.

Obwohl es schon bald nach Kriegsausbruch 1914 im ganzen Land zu Feindseligkeiten gegen Griechen und Armenier kommt, ist ein Brennpunkt der christenfeindlichen Gewalt Ostanatolien. Dort ist die russische Front nah. Die türkischen Truppen werden zurückgedrängt und erleiden große Verluste. Aus jungtürkischer Sicht ist der anschließende Gewaltausbruch gegen die Armenier im Land eine Präventivmaßnahme gegen die Spaltung des Reiches. Die Ausschreitungen verlaufen planvoll und im ganzen Land. Selbst aus dem heute syrischen Aleppo werden Armenier deportiert.

Es ist immer das gleiche Schema. Zuerst werden die wehrfähigen Männer entwaffnet, armenische Soldaten in „Arbeitsbataillone“ gezwungen und dann in großen Gruppen ermordet. Frauen, Alte und Kinder werden vertrieben und auf lange Todesmärsche in die syrische Wüste gezwungen - angeblich zur Umsiedlung, in Wirklichkeit in den Tod.

Im Juni 1915 wird die Vertreibung per Gesetz abgesichert. Plündereien armenischen Eigentums durch ortsansässige Türken und Kurden werden vielfach von den türkischen Behörden gefördert.

Auch mit der mit deutscher Hilfe gebauten Bagdad-Bahn werden Armenier deportiert - in Viehwaggons. Deutsche Militärs, die dem osmanischen Bündnispartner gegen Russen und Engländer zur Seite stehen, sind an den Deportationen beteiligt. Die deutsche Reichsleitung ist bis in Details informiert. Aber die Kriegsziele sind wichtiger.

Obwohl fast alle Historiker den Völkermord als erwiesen ansehen und selbst Staaten wie Frankreich, Kanada, Schweiz und Niederlande offiziell von einem Genozid an den Armeniern sprechen, tut Deutschland das bis heute nicht. Wieder aus Rücksicht. Oder immer noch.

Chronologie

• Seit 1885 im osttürkischen Van armenische Autonomiebestrebungen. Ermordung osmanischer Beamter.

• Seit 1891: Gründung irregulärer Kampftruppen, oft mit Kurden, gegen radikale Armenier. Sultan Abdülhamid II. will „armenische Frage“ durch Einschüchterung und Dezimierung lösen.

• 1894-96: Landesweit Pogrome gegen Armenier - 80 000 bis 300 000 Tote. Armenische Auswanderungswelle, vor allem in den Kaukasus.

• 1895: Armenische Demonstration in Konstantinopel wird zusammengeschossen.

• 1896: Nach Geiselnahme in Konstantinopel durch radikale Armenier blutige Übergriffe gegen Armenier in der Stadt, von Behörden gefördert, 6000 bis 14 000 tote Armenier.

• 1905: Radikale Armenier verüben Attentat auf Abdülhamid II. Der Sultan überlebt, 28 Menschen sterben.

• 1909: Massaker an 20 000 bis 30 000 Armeniern im südosttürkischen Adana.

• 1914: Kriegseintritt der Türkei an der Seite Deutschlands und Österreich-Ungarns. Gebietsverluste im Osten an Russland. Weil armenische Freiwillige mit Russen kämpfen, werden Armenier in Türkei nun kollektiv verdächtigt.

• 1915-17: Deportationsgesetz gegen Armenier. Aufstand in Van. Landesweit Verhaftungswellen gegen Armenier. Massenhaft Ermordungen und Vertreibungen. Todesmärsche und Transporte in syrische Wüste. (tpa)

Von Tibor Pézsa

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