Historikerin Birgit Hofmann zur Geschichte eines gefährlichen Begriffes

Unwort des Jahres: „Volk und Verrat sind mythisch belegt“

Der Schriftzug „Dem Deutschen Volke“, vorgeschlagen von Reichstag-Architekt Paul Wallot, wurde erst 20 Jahre nach Fertigstellung des Gebäudes 1916 angebracht. Zuvor hatte es eine Debatte gegeben, wer wem etwas widmen kann – schließlich sei das Volk der Bauherr. Foto: dpa

Kassel. Es ist eine gute Wahl, sagt Birgit Hofmann über das Unwort des Jahres. Wir sprachen mit der Heidelberger Historikerin.

Frau Hofmann, was sagen Sie zur Wahl der Unwort-Jury? 

Birgit Hofmann: Es ist eine gute Wahl. Der Begriff macht das Ausmaß gegenwärtiger gesellschaftlicher Polarisierung unter anderem auch in der Flüchtlingsdebatte deutlich. Den Populisten dient der Begriff zur Diffamierung und er ist für sie zugleich identitätsstiftend in ihrem völkischen Denken.

Was genau ist an diesem Begriff so geeignet, Hass zu erzeugen? 

Hofmann: Er erzeugt eine Stimmung, die sich sowohl gegen Minderheiten als auch gegen Eliten wie etwa Politiker richtet. Gegen „die da oben“, die vermeintlich gegen „unsere“ Interessen agieren. Zugleich sind „Volk“ und „Verrat“ mythisch belegte Begriffe, wenn man etwa an die Dolchstoßlegende nach dem ersten Weltkrieg denkt.

Wie definiert man das Volk?

Hofmann: Die Populisten vertreten einen ethnischen Volksbegriff. Dieser steht im Gegensatz zur Idee des Staatsvolkes im Grundgesetz. Dort ist zwar auch die Rede von „Volk“, hier wird dieses aber nicht durch Ethnie, Kultur oder Rasse definiert, sondern durch Staatsangehörigkeit.

Das war in Deutschland aber nicht immer so. 

Hofmann: Nein, sowohl der Begriff des Volkes im Sinne einer Bluts- und Schicksalsgemeinschaft als auch der des Volksverräters haben eine lange, problematische Tradition, die bis zurück zu den Befreiungskriegen gegen Napoleon Anfang des 19. Jahrhunderts eiucht. Der Historiker Ernst Moritz Arndt etwa sagte, ein Volk brauche den Hass, um sich gegen seine Feinde, in diesem Falle die Franzosen, zusammenzuschließen. Die völkischen Bewegungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatten ähnliche ethnische und antisemitische Vorstellungen von „Volk“. In der Weimarer Republik schließlich wurden mit der Verwendung des Ausdrucks „Volksverräter“ bereits demokratische Politiker diffamiert. Die Nazis setzten den Volksverrat juristisch mit Hochverrat gleich.

Hat sich der Volksbegriff nicht auch gewandelt? 

Hofmann: Von Seiten der protestierenden Bürgerinnen und Bürger der DDR wurde 1989 der begriff „Volk“ zuerst in einem freiheitlichen Sinne verwendet. Interessant ist, dass Populisten heute teilweise ebenfalls vorgeben, die Freiheit zu verteidigen - gegen das Fremde.

Volk und Staat scheinen also Gegensätze zu sein? 

Hofmann: In Frankreich etwa wird die „nation“ eher an den Staat geknüpft. In Deutschland dagegen gab es ja lange nicht „den Staat“, das Volk fühlte sich von staatlichen Mächten nicht repräsentiert. So kommt es, dass diejenigen, die heute vorgeben, „das Volk“ zu sein und Angela Merkel als Volksverräterin bezeichnen, durchaus auf gewissen anti-staatliche Traditionen des Volksbegriffes zurückgreifen können.

Dr. Birgit Hofmann (42) ist seit 2015 Koordinatorin des Arbeitsbereichs „Minderheitengeschichte und Bürgerrechte in Europa“ an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter. 

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