Interview mit Alexander Theodoridis

Volkswirtschaftler über die Krise in Griechenland: „Wir sind selbst Schuld“

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Athen. Die Griechen wählen am Sonntag ein neues Parlament. Wir sprachen mit dem deutsch-griechischen Volkswirtschaftler Alexander Theodoridis über die aktuelle Wirtschaftskrise und das politische System Griechenlands.

In der Vergangenheit veruntreuten einige Staatsgelder. Wie konnte es dazu kommen, wenn es doch Gesetze gegen solche Veruntreuungen gibt? 

Alexander Theodoridis: Natürlich gibt es Gesetze. Aber im Unterschied zu Deutschland ist in Griechenland alles relativ. Was bedeutet das? Ich gebe ein paar konkrete Beispiele. Es gibt Zebrastreifen auf der Straße. Aber du solltest dich nicht darauf verlassen, dass Autos auch anhalten. Mopedfahrer fahren gerne mal über Rot und tragen keine Helme, obwohl eine Helmpflicht besteht. Aber wenn selbst die Motorradfahrer der Polizei sich nicht daran halten, stellt sich die Frage, welchen Sinn eine solche Vorschrift hat. Die Menschen, die sich eh gerne nicht an Regeln halten, sagen sich jetzt in der Krisenzeit: Lieber Staat, du hast mein Leben zerstört, jetzt halte ich mich erst recht nicht an Regeln.

So kann ein Staat natürlich auf Dauer nicht funktionieren. 

Theodoridis: Ein weiteres Beispiel: Ich bekam mal einen Strafzettel wegen Falschparkens. Der Autofahrer, der vor mir parkte ebenfalls. Zufällig entdeckten wir zur selben Zeit den Zettel. Ich wollte sofort los und meine Strafgebühr zahlen. Er sagte nur: Du bist doch blöd. Ich kenne den örtlichen Polizeichef. Der streicht uns den Zettel und wir müssen nichts zahlen. Der Ehrliche ist hier der Dumme. Und ich sag es deutlich: Wir Griechen sind selbst Schuld an der jetzigen Krise. Zu 100 Prozent.

Das ist aber jetzt sehr plakativ. Nehmen wir doch mal den Hafenarbeiter von Piräus, der 40 Jahre geschuftet hat, nie in der Politik tätig war und seine Steuern gezahlt hat. Der hat doch keine Schuld am Versagen der Politik. 

Theodoridis: Schick den Hafenarbeiter bitte zu mir. Ich erkläre ihm, was er zu dieser Krise beigetragen hat. Der Hafen von Piräus war bis vor wenigen Jahren komplett in Staatsbesitz. Die Gewerkschaften der Hafenmitarbeiter haben Jahrzehnte finanziell alles aus dem Staat herausgepumpt, was nur ging. Die Hafenmitarbeiter haben weit über dem Durchschnitt verdient. Das Verhältnis zwischen Produktivität und Lohn hat aber nicht gestimmt.

Der Hafen von Piräus ist aber derzeit eines der wenigen positiven Beispiele in der Wirtschaftsentwicklung. 

Theodoridis: Und warum? Weil das chinesische Unternehmen Cosco eingestiegen ist. Sie investieren Millionen in den Hafen und die Infrastruktur. Er ist jetzt an das griechische Schienennetz angeschlossen und für alle Containerschiffe aus Asien der erste europäische Hafen, der angelaufen werden kann. Seit dem Einstieg der Chinesen hat sich die Container-Menge versiebenfacht. Der Hafen ist von Nummer 15 zur Nummer 1 im Mittelmeer geworden und neue Jobs sind entstanden.

Und das alles nur wegen der Chinesen? 

Theodoridis: Die haben maßgeblich Anteil am Aufschwung. Die Politiker und Hafenarbeiter muss man schon fragen, warum eine solche Entwicklung unter staatlicher Führung nicht möglich war. Es ist alles auch eine Frage der Organisation. Früher wurden am Hafen gerne mal Schiffe zuerst entladen, die am meisten dafür gezahlt haben. So haben Hafenmitarbeiter zusätzlich noch Geld kassiert. Man muss wissen: Ein im Hafen liegendes Containerschiff kostet am Tag mehrere 10.000 Euro. Da ist das Interesse groß, schnell entladen zu werden.

Wissen die Griechen, dass Korruption nicht Teil des Alltags sein sollte?

Theodoridis: Natürlich. Spätestens seit der Krise. Es steht ja fast täglich in der Presse.

Besteht Hoffnung, dass sich die griechische Gesellschaft diesbezüglich ändern wird?

Theodoridis: Dazu müsste ein wirklicher politischer Wille vorhanden sein. Aber der fehlt.

Zur Person

Alexander Theodoridis (38) wurde in Thessaloniki geboren. An der Ludwig-Maximilian-Universität in München studierte er Politik, Volkswirtschaft und Völkerrecht. Seinen Master machte er in Internationale Beziehungen an der London School of Economics. Anschließend arbeitete er für den griechischen Staat. Seit 2012 ist er hauptamtlich für seine Hilfsorganisation tätig. Alexander Theodoridis lebt mit Frau und Kind in Athen.

Organisation zur Verteilung von Essen

Die Hilfsorganisation Boroume (übersetzt: "Wir können") gründete Alexander Theodoridis 2012 mit zwei Freunden. Sie haben sich dabei zum Ziel gesetzt, die Lebensmittelverschwendung in Griechenland zu reduzieren. Boroume koordiniert die Weitergabe von übriggebliebenem Essen an Suppenküchen und andere soziale Einrichtungen. Allein 2014 konnten mithilfe der Organisation 1,3 Millionen Essensportionen in ganz Griechenland verteilt werden.

Boroume finanziert sich seit der Gründung ausschließlich durch private Spenden und Gelder von Stiftungen. Etwa 50 Prozent des Jahresbudgets kommen dabei von den Stiftungen der großen Reederei-Besitzern Griechenlands.

Weitere Infos auf Deutsch unter: www.boroume.gr

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