Nazis brannten Straßenzüge systematisch nieder

"Wir lebten wie die Ratten": Aufstand im Warschauer Ghetto vor 75 Jahren

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Mit erhobenen Händen werden im Mai 1943 jüdische Frauen, Männer und Kinder von deutschen SS-Männern aus dem brennenden Ghetto in Warschau getrieben.

Warschau. Es gibt kaum Worte, um das Grauen zu beschreiben. Menschen, die das Warschauer Ghetto überlebten, sprachen davon in kurzen Sätzen. „Wir lebten wie die Ratten“, sagte Krystyna Budnicka.

Sie kletterte als Elfjährige 1943 aus der Kanalisation. „Es gibt keine Worte für die Brutalität der Deutschen in der abgeschlossenen Welt des Ghettos“, sagte Ghettokämpfer Simcha Ratajzer-Rot im Jahr 2013.

Bis zu 450.000 Menschen hatten die nationalsozialistischen Besatzer seit Ende 1940 in einem von einer Ziegelmauer umschlossenen, 73 Straßen umfassenden Quartier in der polnischen Hauptstadt eingepfercht. Schätzungsweise 100.000 Juden sterben in dem hermetisch abgeriegelten Bezirk an Hunger oder Krankheiten. Es gibt keinen Friedhof, keinen Park oder Garten, keinen Sportplatz. 

Auf einem Quadratkilometer leben etwa 130.000 Menschen, im Schnitt acht pro Zimmer. Ab Sommer 1942 fahren täglich Eisenbahnwaggons voll Menschen von einem „Umschlagplatz“ genannten Sammelpunkt im Ghetto in das Vernichtungslager Treblinka.

Aufstand im Warschauer Ghetto: Straßen brennen

Im Frühjahr 1943 leben noch etwa 50.000 Juden im Ghetto. Ihnen allen ist klar, welches Schicksal sie erwartet. Da beschließt eine Gruppe Aufständischer, ein Zeichen zu setzen und sich gegen die Deutschen zu erheben. „Wir wollten die Art zu sterben selbst wählen. Das war alles“, sagt Ratajzer-Rot später.

Als SS-Männer am Morgen des 19. April 1943 das Ghetto betreten, um mit der letzten großen Deportation in die Vernichtungslager zu beginnen, fallen Schüsse – der Beginn des Warschauer Ghettoaufstands. Von Anfang an ist den etwa 750 Aufständischen klar, dass sie kaum eine Chance gegen die Panzer und Maschinengewehre der Deutschen haben – es sei denn, es käme Hilfe von außerhalb der Ghettomauer.

Die bleibt aus. Stattdessen reagieren die Deutschen mit einem erbarmungslosen Vernichtungswillen. Als den Besatzern klar wird, dass die Menschen im Ghetto sich in unterirdische Bunker und die Kanalisation zurückziehen, beginnen sie, die Straßenzüge systematisch niederzubrennen. Über knapp vier Wochen stehen Flammen und Rauchsäulen über dem Ghetto, zerstören die Deutschen Haus für Haus. Außerhalb der Mauer geht das Leben im besetzten Warschau weiter.

Aufstand im Warschauer Ghetto: Symbol für jüdischen Mut

Noch während des Zweiten Weltkriegs wurde der Ghettoaufstand über Polen hinaus zu einem Symbol von jüdischem Mut und Kampfgeist. Im Sommer 1944 erlebt Warschau einen zweiten Aufstand. Am 1. August erheben sich die Polen gegen die deutschen Besatzer. 63 Tage dauert es, bis die Aufständischen kapitulieren und die Deutschen Warschau nunmehr fast völlig zerstören.

Dort lebten vor dem Krieg über 300.000 Juden – damals die zweitgrößte jüdische Gemeinde der Welt nach New York –, heute sind es ein paar Tausend. Wer heute im Stadtbild Zeugnisse dieses Kapitels der Vergangenheit sehen möchte, muss suchen: Es gibt an zwei Stellen Reste der Ghettomauer, eine ist in einem Hinterhof. In einigen Straßen zeichnen gepflasterte Linien den Verlauf der Mauer nach.

Die Deutschen reagierten mit erbarmungslosem Vernichtungswillen: Das Areal des Warschauer Ghettos auf einer Aufnahme von 1945.

Gegenüber des Mahnmals für die Ghetto-Helden, vor dem 1970 Willy Brandt kniete, erzählt seit vier Jahren das preisgekrönte Museum „Polin“ die Geschichte der Juden in Polen vom Mittelalter bis zum Postsozialismus. In dem acht Abteilungen umfassenden Gebäude gibt es nur einen einzigen Satz auf Deutsch. Über eine ganze Wand zieht sich die Meldung, die der für die Niederschlagung des Ghettoaufstands zuständige SS-General Jürgen Stroop am 16. Mai 1943 machte: „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk Warschau mehr.“

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