Hannover: „Vorbeugung sehr ernst nehmen“

Ministerpräsident Weil (SPD) über den Schulstart und den Föderalismus

Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) verteidigt im Interview den Föderalismus und die Pläne zum Schulstart in Niedersachsen.
+
Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) verteidigt im Interview den Föderalismus und die Pläne zum Schulstart in Niedersachsen.

Am Donnerstag startet Niedersachsen in das neue Schuljahr. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) verteidigt im Sommer-Interview den vorgesehenen „eingeschränkten Regelbetrieb“.

Hannover – Außerdem lobt er den Umgang mit der Corona-Pandemie in Deutschland.

Am Wochenende des 19. September startet der Profi-Fußball in die neue Saison. Sind die Profiligen schon reif für die Rückkehr der Fans?
Die Frage stellt sich für alle großen Veranstaltungen, es geht nicht nur um die Bundesliga. Die Frage ist, unter welchen Bedingungen und zu welchem Zeitpunkt. Im Moment haben wir es mit steigenden Ansteckungszahlen zu tun. Deswegen schauen wir ausgesprochen aufmerksam auf die Entwicklung der Neuinfektionen in Niedersachsen. Außerdem müssen wir darüber reden, unter welchen Voraussetzungen solche Veranstaltungen stattfinden können. Das Problem ist gar nicht so sehr, für einen geordneten Ablauf während des Spiels im Stadion zu sorgen. Ich sehe die Engpässe im wahrsten Sinne des Wortes eher vor und nach dem Spiel.
Vor dem Bundesliga-Start beginnt das neue Schuljahr. Können Sie angesichts der steigenden Infektionszahlen wirklich guten Gewissens in den Regelbetrieb gehen?
Ja, vor dem Hintergrund der derzeitigen Fallzahlen ist das gut vertretbar. Zwar haben wir mehr Neuinfektionen. Aber wir sind nach wie vor in einem gut beherrschbaren Bereich unterwegs. Deswegen zögere ich auch, von einer zweiten Welle zu sprechen. Aber wir müssen auch weiterhin sehr genau hingucken und die Vorbeugung sehr, sehr ernst nehmen.
Sind die Schulen vorbereitet?
Kultusminister Grant Hendrik Tonne hat zusammen mit vielen anderen Beteiligten und in Abstimmung mit den anderen Ländern ein alltagstaugliches Konzept entwickelt. Dabei ziehen wir ganz bewusst in Betracht, dass es womöglich nicht nur den Regelbetrieb geben wird, sondern vor allem regional auch Einschränkungen bis hin zum reinen Homeschooling möglich sind, wenn es die Infektionslage erfordert.
Kinder und Jugendliche zählen schon jetzt zu den Verlierern der Corona-Krise. Von neuen Schulschließungen wären insbesondere sozial schwächere Familien betroffen. Wie können Sie helfen?
Das ist ein ganz wichtiger Grund dafür, dass wir möglichst rasch wieder zurück in den Regelbetrieb gehen wollen. Wer zu Hause gefördert wird und eine hohe Motivation mitbringt, kommt mit dem Homeschooling ganz gut zurecht. Bei denjenigen, wo diese Voraussetzungen aber fehlen, wird der Abstand zu den anderen allerdings schnell größer. Das bereitet uns natürlich Sorgen.
Umso mehr müssten Sie doch Vorsorge für den Fall der Fälle tragen, also Förderung und Motivation von außen betreiben.
Das passiert bereits. Ich denke an die vielfältigen Aktivitäten in den Sommerferien, bei denen Schülerinnen und Schüler Stoff nachholen konnten. Bei meinen Gesprächen mit Lehrkräften habe ich festgestellt, dass man sich in den Schulen viele Gedanken macht, wie auch in Zeiten von Schulschließungen individuell gerade solche Schülerinnen und Schüler gefördert werden können und wie sie die notwendige Aufmerksamkeit erhalten.
Muss das Land mit Blick auf die Urlauber die Testkapazitäten ausweiten?
Es gibt dafür ein flächendeckendes Netz von zehn Testzentren und den Arzt-Praxen überall im Land. Bisher ist der öffentliche Blick sehr auf die per Flugzeug Einreisenden fixiert. Ein viel größerer Teil der Urlauber kehrt aber aus deren Heimatländern vor allem in Südost-Europa mit dem eigenen Auto zurück. Hier ist es viel schwieriger als bei einem Flieger aus Mallorca, ein entsprechendes Reglement aufzubauen und zu kontrollieren.
Seit Beginn der Pandemie streiten die Bundesländer um die besten Rezepte. Der Flickenteppich verwirrt die Bürger. Braucht es nicht mehr Einigkeit?
Im internationalen Vergleich schneidet Deutschland mit seinem dezentralen System sehr, sehr gut ab. Das darf man allen Kritikern des Föderalismus sagen. Unterm Strich haben wir trotz verschiedener Akzente in allen Ländern dasselbe Schutzniveau. Niedersachsen liegt mitten in Deutschland und hat besonders viele Nachbarn. In den vergangenen Monaten haben wir festgestellt, dass es gelegentlich ganz gut ist, wenn man schlichtweg den eigenen Kurs bestimmt und sich nicht von dem irritieren lässt, was rechts oder links passiert. (Peter Mlodoch)

Zur Person

Stephan Weil (SPD/61) ist seit Februar 2013 Ministerpräsident von Niedersachsen, zunächst in einer rot-grünen Koalition, ab November 2017 in einem Bündnis mit der CDU. Von 2006 bis 2013 war der frühere Richter und Staatsanwalt Oberbürgermeister von Hannover. Der gebürtige Hamburger ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.