Niedersächsischer Industrie- und Handelskammertag stellt Forderungen an Politiker

Vorschule soll Pflicht sein

Hannover. Je früher, desto besser: Eine einjährige Vorschulpflicht hat der Niedersächsische Industrie- und Handelskammertag (NIHK) gefordert. „Der Übergang vom Kindergarten zur Grundschule darf nicht zum Bruch führen“, sagte NIHK-Bildungsexperte Dirk Lüerßen gestern in Hannover. Während CDU, FDP und SPD eher skeptisch reagierten, begrüßten Grüne und Linke den Vorschlag als „spannende Diskussionsgrundlage“.

Miese Wissensstandards, hohe Abbrecherquoten - für die Wirtschaft liegt bei der gegenwärtigen Bildung vieles im Argen. „20 Prozent der 15-Jährigen können nur auf Grundschulniveau lesen und schreiben“, beklagte Lüerßen. Ein Viertel aller Bachelor-Studenten gebe vorzeitig auf, bei den Fachhochschülern schmissen sogar 39 Prozent während des Studiums hin. Der Fachkräftemangel werde immer dramatischer, erklärte NIHK-Hauptgeschäftsführer Michael Zeinert. Schon heute hätten 70 Prozent der Unternehmen Probleme, geeignete Auszubildende zu finden. Bei sinkenden Schülerzahlen werde sich dies noch weiter verschärfen. „Nachwuchs zu gewinnen, wird immer schwieriger.“

Mit 23 konkreten Forderungen an die Bildungspolitiker will der NIHK gegensteuern. Neben der Vorschulpflicht setzt sich die Wirtschaft für kleinere Klassen und ein bundesweites Zentralabitur ein. Dass dieses nach zwölf Jahren abgelegt werde, sei sinnvoll, die Kritik daran nicht nachvollziehbar. „Im internationalen Vergleich sind zwölf Jahre nicht Turbo, sondern Standard“, meinte Lüerßen.

Um eine leistungsfähiges duale Ausbildung zu sichern, sei außerdem ein standortnahes Angebot an Berufsschulen aufrechtzuerhalten - notfalls mit einer Art Flächenbonus. 100 Kilometer Anreise sei für Azubis einfach nicht zumutbar, erklärten die NIHK-Experten. Damit die Berufsschulkassen nicht ausbluteten, müsse man die ausufernden Berufsbilder wieder abspecken. Um die Abbrecherquoten zu senken, sei eine stärkere Berufsorientierung auch und vor allem an Gymnasien notwendig.

Bei den bildungspolitischen Sprechern der fünf Landtagsfraktionen stieß der Katalog in vielen Punkten auf Zustimmung. Zwar mahnten SPD, Grüne und Linke wegen des unterschiedlichen Lerntempos bei den Schülern mehr Flexibilität bei der Zeit zum Abi an, aber auch sie schlossen sich dem Vorschlag für eine frühzeitige Berufsberatung an Gymnasien an.

Bei der Vorschulpflicht stieß der NIHK allerdings auf Bedenken. Das ginge schon aus räumlichen Gründen nicht, meinte CDU-Schulexperte Karl-Ludwig von Danwitz. Mit dem beitragsfreien dritten Kindergartenjahr erreiche man aber schon den überwiegenden Teil aller Kinder. „Das ist verfassungsrechtlich nicht möglich“, erklärte SPD-Kollegin Frauke Heiligenstadt, der bessere Weg sei ein flexibles Vorziehen der Einschulung.

Von Peter Mlodoch

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