Vorfälle in den 1980er- und 1990er-Jahren

Fall Wedel: Wären die vorgeworfenen Taten noch strafbar? Das sagen Juristen

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Gilt als herausragender Regisseur und Drehbuchautor: Dieter Wedel (75). Jetzt erheben weitere Frauen Vorwürfe sexueller Übergriffe und schikanösen Verhaltens gegen ihn.

Kassel/Bad Hersfeld. Dieter Wedel soll Frauen bedrängt und betatscht, sie schikaniert und ihnen gedroht haben. Juristische Folgen muss der Star-Regisseur aber wahrscheinlich nicht fürchten.

Das Bild, das die Vorwürfe sexueller Übergriffe gegen Star-Regisseur Dieter Wedel (75) zeichnen, ist abstoßend und moralisch verwerflich - aber ist Wedels Verhalten auch strafbar? Muss er sich für die Vorfälle aus den 1980er- und 1990er-Jahren heute noch vor dem Gesetz verantworten? Hätten andere die Pflicht gehabt, den Opfern zu helfen? Das sagen Juristen:

Strafrechtliche Aspekte

Von Vergewaltigung sprechen Juristen, wenn unfreiwillige sexuelle Handlungen mit dem Eindringen in Körperöffnungen verbunden sind. Vergewaltigung gilt als schwere Straftat, das Strafmaß reicht bis 15 Jahre Haft. Bei Dieter Wedel spricht eine Frau von „erzwungenem Sex“ in den 90er-Jahren, eine weitere von Vergewaltigung im Jahr 1975.

In Deutschland liegt die Verjährungsfrist für Vergewaltigung und schwere Sexualdelikte bei 20 Jahren. Bei Taten in den 1980er-Jahren oder früher liege eine Verjährung „sehr nahe“, sagt der Kasseler Fachanwalt für Strafrecht, Markus Sittig, für die 1990er-Jahre sei sie wahrscheinlich, aber: „Es gibt zig Ausnahmen.“ So kann die Verjährungsfrist in bestimmten Fällen erst mit dem 30. Lebensjahr des Opfers beginnen.

Ob dies bei einem der Wedel vorgeworfenen Fälle zutrifft, prüft derzeit die Staatsanwaltschaft München. Und wenn es zu einem Prozess kommen sollte? „Solche Verfahren verteidigt man über die Deutung des psychologischen Gutachtens“, sagt Anwalt Sittig. „Wie ist die Aussage entstanden? Mit wem hat das Opfer noch gesprochen?“ Die größte Schwierigkeit sieht er woanders: „Das sind alles Schauspielerinnen. Es gibt kaum eine andere Berufsgruppe, bei der man so schwer einschätzen kann, ob sie die Wahrheit sagt oder etwas Einstudiertes.“

Arbeitsrechtliche Aspekte

Die Schauspielerin Esther Gemsch berichtet von einem Gewaltausbruch Wedels, bei dem sie verletzt wurde, bei Dreharbeiten 1980 im Auftrag des Saarländischen Rundfunks. Produziert wurde der Mehrteiler von einer inzwischen aufgelösten Tochterfirma des Senders. Hätte der Sender Gemsch helfen müssen?

Diese Frage liesse sich nur beantworten, wenn man die Verträge von Gemsch und Wedel und das jeweilige Anstellungsverhältnis kennen würde, sagt der Kasseler Fachanwalt für Arbeitsrecht, Wilfried Mosebach. Generell sei der gesetzliche Schutz heute weitreichender als 1980, aber auch 1980 habe die „Pflicht zu Schutzmaßnahmen“ für Arbeitgeber gegolten. Das heißt: Wenn beide Angestellte des Saarländischen Rundfunks gewesen wären und dieser Kenntnis von den schweren Verletzungen erhalten hätte, hätte er etwas unternehmen müssen. Sonst wäre er zu Schadensersatz verpflichtet.

Beim Saarländischen Rundfunk hieß es gestern, dass es Verträge der Produktionsfirma mit den Schauspielern, der Crew und Wedels Agentur gegeben habe; Einzelheiten wurden nicht genannt. Nach heutiger Gesetzeslage, so Anwalt Mosebach, wäre die Schauspielerin geschützt durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz von 2006, unabhängig davon, in welchem Arbeitsverhältnis Wedel stand.

Die Vorwürfe:

Anfang Januar hatten drei Schauspielerinnen dem ehemaligen Intendanten der Bad Hersfelder Festspiele Dieter Wedel sexuelle Übergriffe bis hin zur Vergewaltigung in den 90er-Jahren vorgeworfen.

In der aktuellen „Zeit“ berichten drei weitere Schauspielerinnen von ihren Erfahrungen mit Wedel: Eine anonym von einer angeblichen Vergewaltigung, Esther Gemsch von einem angeblichen Vergewaltigungsversuch, bei dem sie schwer verletzt worden sei, Ute Christensen von Mobbing, nachdem sie eine Einladung Wedels ablehnte.

Der Saarländische Rundfunk, in dessen Auftrag Wedel mit Gemsch und Christensen drehte, kündigte an, die Vorwürfe konsequent aufzuklären.

Wedel hat am Montag die Intendanz in Hersfeld niedergelegt und erklärt, sich nicht mehr äußern zu wollen. Er hat die Gewalt-Vorwürfe zurückgewiesen, teils mit eidesstattlichen Erklärungen.

Eine Analyse, warum der Fall Wedel für ein ganzes System steht, lesen Sie hier.

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