Neustart nach dem Machtkampf

VW-Hauptversammlung: Winterkorn rückt Geschäft in den Fokus

Neu im Aufsichtsrat der Volkswagen AG (von links): Julia Kuhn-Piëch (34) und Louise Kiesling (57). Sie haben die Posten von Ferdinand Piech und seiner Frau Ursula übernommen. Ihr Mandat endet Ende 2017. Fotos: dpa

Hannover. „Hinter uns liegen – vorsichtig gesagt – bewegte Tage“, sagt Martin Winterkorn (67), ein Vorstandschef, der nach drei Wochen Machtkampf im Hause Volkswagen noch immer auf seinem Posten ist.

Der Konzern sei wieder „in ruhigerem Fahrwasser unterwegs“, sagt er auf der Hauptversammlung des Autokonzerns in Hannover.

Präsidium und Aufsichtsrat seien dabei, die offenen „personellen Fragen bei der Besetzung der Aufsichtsgremien zügig und bestmöglich zu regeln“. Einen Termin nennt er nicht. Vorerst ist der frühere IG-Metall-Chef Berthod Huber kommissarischer VW-Aufsichtsratschef. Er leitete auch am Dienstag die Veranstaltung.

„Es gab in den letzten Wochen unzählige Interpretationen, Spekulationen und auch Übertreibungen. Sie als unsere Anteilseigner müssen wissen: Volkswagen ist ein kerngesundes, gut aufgestelltes Unternehmen. Ein Unternehmen, auf das wir stolz sein können“, sagt Winterkorn – und lacht.

Zwar kann niemand in Winterkorns Seele schauen, aber es beschleicht einen der Eindruck: Hier schwimmt sich der Vorstandschef frei von seinem Übervater Piëch. Winterkorn wirkt entspannter und selbstbewusster.

Einen Kandidaten für die Nachfolge des Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piëch konnte die Volkswagen-Führung am Dienstag nicht präsentieren. Man wolle bei der Suche nach einem Piëch-Nachfolger nichts überstürzen, heißt es. Offen bleibt, ob es bereits einen Fahrplan gibt.

Der VW-Machtkampf dürfte seinen Höhepunkt überschritten haben, jetzt rückt das Geschäft wieder in den Vordergrund. Also spricht Winterkorn über Autos und Strategien: Die große Abhängigkeit vom chinesischen Markt, die Absatzprobleme in USA, die Krise in Brasilien und Russland sowie die niedrige Umsatzrendite der Kernmarke VW – auf alle angeblichen Kritikpunkte ging er ein und versuchte sie zu entkräften. Der Vorstandschef verspricht den Aktionären eine Straffung des Modell- und Motorenprogramms sowie eine Modelloffensive in den USA. Und: VW unternimmt erste Schritte für eine Dezentralisierung seiner Führung. Dazu bündelt VW sein schweres Nutzfahrzeug-Geschäft mit den Töchtern MAN und Scania in einer eigenständigen Holding. Die Dachgesellschaft für Lkw und Busse im Konzern erhält einen eigenen Aufsichtsrat.

Es ist ein bemerkenswerter Auftritt von Winterkorn – weniger wegen des Inhalts, das Meiste ist bekannt. Doch womöglich saß da am Dienstag ein neuer Winterkorn: Gelöst, den Blick ins Publikum.

Doch kurz kehrt der Machtkampf noch einmal zurück: Rechtsanwalt Martin Weinmann von der Berliner Verbraucherzentrale für Kapitalanleger warnt die vermeintlichen Sieger im Machtkampf. Direkt greift er Aufsichtsrat Wolfgang Porsche an. Der habe seinen Cousin Ferdinand Piëch mit seinem Angriff auf Winterkorn womöglich in die Falle gelockt. Sollte sich dies bewahrheiten, müssten die Verantwortlichen „drakonische Konsequenzen“ zu spüren bekommen – ein heikler Vorstoß, denn handfeste Beweise bleibt er schuldig.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.