Dramatischer Wahlkampf, unentschlossene Wähler 

Parlamentswahlen in Italien: Prognosen und Hochrechnungen

+
Silvio Berlusconi, Kandidat der Forza Italia, spricht bei einer Wahlkampfveranstaltung.

Wahl 2018 in Italien: Wie sehen die ersten Prognosen heute aus? Wann gibt es heute eine Hochrechnung? Alle Informationen zur Wahl in Italien.

Update vom 4. März 2018: Das rechte Parteienbündnis des italienischen Ex-Regierungschefs Silvio Berlusconi liegt laut Nachwahlbefragungen bei der Parlamentswahl in Führung. Den am Sonntagabend veröffentlichten Prognosen zufolge könnte sie die absolute Mehrheit jedoch verfehlen. Die populistische Fünf-Sterne-Bewegung gewann demnach deutlich an Stimmen und liegt bei rund 30 Prozent.

Die populistische und europakritische Fünf-Sterne-Protestbewegung ist laut ersten Prognosen bei der Parlamentswahl 2018 in Italien stärkste Partei geworden. Sie erreichte zwischen 29,5 und 32,5 Prozent der Stimmen, wie aus Nachwahlbefragungen für den Sender Rai am Sonntag hervorging.

Der Wahlkampf in Italien wirkt von außen wie ein tragisches, politisches Spektakel: Es wird mit Hass, insbesondere gegenüber Fremden, gespielt, Verbindungen zur Mafia kommen in sämtlichen Parteien ans Licht und Ex-Ministerpräsident Berlusconi, ein bekanntermaßen verurteilter Steuerhinterzieher, feiert sein Polit-Comeback. Dazu werben die Parteien teilweise mit Wahlversprechen, die mit der politischen Realität nichts gemeinsam haben. Wie es mit den eigentlich großen Problemen Italiens, insbesondere dem hohen Schuldenstand* und der Jugendarbeitslosigkeit weitergehen wird – darauf liefert der Wahlkampf bislang keine Antworten.

Welche Hoffnungen ergeben sich für die italienischen Wähler, welche Bündnisse kommen in Frage und was sagen die letzten Umfragen und Prognosen? Wir haben alle Infos zu den Parlamentswahlen in Italien im Überblick.

Wahl 2018 in Italien: Wann gibt es heute die erste Hochrechnung?

In Italien wird im Gegensatz zu Deutschland traditionell spät gewählt. So sind die Wahllokale heute bis 23.00 Uhr geöffnet. Erste glaubwürdige Hochrechnungen sind gegen Mitternacht, möglicherweise erste gegen 00.30 Uhr zu erwarten. 

Parlamentswahlen in Italien: schmutziger Wahlkampf, unentschlossene Wähler 

Die FAZ titelt in diesem Zusammenhang: „Vor der Parlamentswahl in Italien präsentieren sich alle Parteien als nicht vorzeigbar.“ Und tatsächlich: Gegen nahezu jeden der antretenden Kandidaten wird aktuell ermittelt. Meistens sind es mögliche Verbindungen zur Mafia, die die Kandidaten in Bedrängnis bringen. Als Alternative präsentiert sich ja noch die Protestbewegung „Cinque Stelle“ (Fünf Sterne), deren Ziel es ist, sich gegen die etablierten Parteien durchzusetzen. Nur: Auch über die Kandidaten der „Fünf Sterne“-Bewegung werden immer mehr pikante Details veröffentlicht – Verbindungen zu Mafia-Bossen, Betrug, Geldwäsche. Es ist keine große Überraschung, dass viele italienische Wähler so kurz vor der Wahl noch immer unentschlossen sind, für welche Partei sie am 4. März abstimmen sollen.

Parlamentswahlen am 4. März: die italienischen Parteien und ihre Vertreter im Überblick

  • Forza Italia, Silvio Berlusconi 

Er ist wieder da: Silvio Berlusconi meldete sich pünktlich zur Parlamentswahl zurück in die Politik. Eigentlich war er gar nicht wirklich weg – nur aufgrund einiger Haftstrafen verhindert. Und das ist er eigentlich immer noch, denn er kann nach den Parlamentswahlen das Amt des Ministerpräsidenten gar nicht übernehmen. Aufgrund seiner strafrechtlichen Verurteilung 2013 ist er noch weitere zwei Jahre lang für alle öffentlichen Ämter gesperrt. Ist die Wahlwerbung seiner Partei Forza Italia, in der er als „Presidente Berlusconi“ auftritt, damit nicht ganz offensichtlich Betrug? Seine Wähler scheinen das nicht so zu sehen, sie feiern den zurückkehrenden Helden.

Berlusconi verspricht viel, vor allem dem älteren Teil der Gesellschaft: Steuersenkungen, 1.000-Euro-Mindestrente für alle – außerdem steuerfreies Hundefutter und kostenlose Tierarztbesuche für die Haustiere älterer Menschen. Und tatsächlich: Ein kostenloses Gebiss für die ältere Generation gibt es auch dazu. 

  • Fünf Sterne, Luigi di Maio 

Es ist nach aktuellen Umfragen gut möglich, dass das Bündnis unter Luigi di Maio in den Parlamentschaftswahlen am 4. März 2018 die meisten Stimmen holen wird. Es möchte eine Kraft gegen die traditionell in Italien etablierten Parteien stellen und fiel in den letzten Jahren insbesondere durch anti-europäische und populistische Wahlversprechen auf. Der Austritt aus dem Euro ist dem Bündnis mittlerweile kein Anliegen mehr, stattdessen wirbt es mit einem garantierten Mindesteinkommen. Vor allem möchte „Fünf Sterne“ aber Gesetze abschaffen, insgesamt 400 an der Zahl. Hier sollen die italienischen Bürger mithilfe von Online-Abstimmungen mitentscheiden können.

  • Demokratische Partei (PD), Matteo Renzi

Nachdem Matteo Renzi 2016 das Amt des Ministerpräsidenten aufgrund eines verlorenen Verfassungsreferendums niederlegte, übernahm Paolo Gentiloni seine Position. Er genießt Ansehen in Italien und in der europäischen Politik – doch nun möchte Matteo Renzi ihm seine Position wieder streitig machen und selbst erneut das Amt des Ministerpräsidenten übernehmen. Er verspricht seinen Wählern soziale Leistungen wie die Erhöhung des Kindergeldes oder geringere Steuern für Unternehmer. 

  • Lega, Matteo Salvini 

Lange hetzte die Partei als „Lega Nord“ gegen den Süden Italiens – nun möchte Matteo Salvini mit seiner Partei auf einmal ganz Italien erreichen. Dies versucht er mit konkreten wirtschaftlichen Versprechen für Italiens Bürger – ein Beispiel wäre die Senkung der Einkommenssteuer auf 15 Prozent und das unabhängig von den persönlichen Einkünften. Immerhin hat Salvini ein aussichtsreiches Ziel vor Augen: Eine Koalition mit Berlusconis Forza Italia. Diese ist laut aktuellen Umfragen eine nicht unwahrscheinliche Option.

Parlamentswahlen in Italien 2018: Das sagen aktuelle Umfragen 

In Italien durften Umfragen nur bis zum 17. Februar, also fünfzehn Tage vor der Wahl, veröffentlicht werden. In den Umfragen zuvor lag das Bündnis „Fünf Sterne“ in sämtlichen Umfragen mit 26 bis 28 Prozent an erster Stelle. Die PD schwankt zwischen 21 und 25 Prozent, bleibt jedoch hinter der Protestbewegung von Luigi di Maio. Silvio Berlusconis Partei, Forza Italia, lag in den vergangenen Umfragen zwischen 15,5 und 17 Prozent – und damit einige Prozentpunkte unter dem Wahlergebnis von 2013 mit 25,4 Prozent. Die mögliche Koalitionspartei der Forza Italia, Lega unter Matteo Salvini, pendelte sich in den Umfragen auf 13 bis 14 Prozent ein. 

Parlamentswahl in Italien 2018: Die aktuellen Umfragen und Prognosen im Überblick

Umfrage-Institut

Datum

5 Sterne
(Rechts)

PD
(Mitte-Links)

Forza Italia
(Mitte-Rechts)

Noi con Italia
(Mitte-Rechts)

Lega Nord
(Rechts)

Liberi/
Uguali
(Links)

Fratelli
d‘Italia 
(Mitte-Rechts)

+Europa
(Mitte-Links)

Insieme
(Mitte-Links)

Civica
popolare
(Mitte-Links)

Sonst.

Termometro Politico

16. Februar

26,3 Prozent

21,5 Prozent

15,9
Prozent

1,8
Prozent

14,8
Prozent

5,3
Prozent

5,0
Prozent

2,8
Prozent

0,9
Prozent

0,9
Prozent

4,8
Prozent

Demopolis

15. Februar

28,0
Prozent

22,5
Prozent

16,5
Prozent

14,2
Prozent

6,0
Prozent

5,0
Prozent

7,8
Prozent

Euromedia

14. Februar

26,8
Prozent

22,1 Prozent

17,3 
Prozent

2,3
Prozent

14,2
Prozent

5,8
Prozent

4,8
Prozent

2,3
Prozent

0,8
Prozent

0,5
Prozent

3,1
Prozent

Piepoli

14. Februar

27,0
Prozent

24,5
Prozent

16,0 
Prozent

3,0
Prozent

13,0
Prozent

6,0
Prozent

5,0
Prozent

3,0
Prozent

1,0
Prozent

0,5
Prozent

1,0
Prozent

IPR

13. Februar

28,5
Prozent

22
Prozent

16,5
Prozent

3
Prozent

14,5
Prozent

4,5
Prozent

4,5
Prozent

2,8
Prozent

1
Prozent

2
Prozent

1,5
Prozent

Tecné

13. Februar

28,3
Prozent

21,8
Prozent

18,3
Prozent

2,9
Prozent

12,8
Prozent

5,0
Prozent

5,3
Prozent

2,6
Prozent

3,0
Prozent

Bidimedia

12. Februar

25,3
Prozent

24,4
Prozent

16,3
Prozent

2,5
Prozent

14,5
Prozent

3,9
Prozent

4,6
Prozent

1,9 
Prozent

1,0
Prozent

1,4
Prozent

4,2
Prozent

EMG

11. Februar

27,3
Prozent

22,8
Prozent

16,1
Prozent

2,8
Prozent

13,9
Prozent

5,2
Prozent

4,6
Prozent

2,1
Prozent

1,6
Prozent

1,0
Prozent

2,6
Prozent

Lorien

11. Februar

27,6
Prozent

23,6
Prozent

17,9
Prozent

1,2
Prozent

12,3
Prozent

5,0
Prozent

4,6
Prozent

1,2
Prozent

0,8
Prozent

1,5
Prozent

4,4
Prozent

Demopolis

09. Februar

28,3
Prozent

22,8
Prozent

16,3
Prozent

14,0
Prozent

5,8
Prozent

4,7 
Prozent

8,1
Prozent

SWG

08. Februar

28,0
Prozent

23,3
Prozent

15,7
Prozent

2,0
Prozent

13,1
Prozent

6,5
Prozent

4,8
Prozent

2,8
Prozent

0,8
Prozent

1,3
Prozent

1,7
Prozent

Index

08. Februar

27,3
Prozent

23,5
Prozent

15,7
Prozent

2,6
Prozent

14,1
Prozent

6,0
Prozent

5,0
Prozent

1,9
Prozent

1,5
Prozent

1,1
Prozent

1,3
Prozent

Termometro Politico

02. Februar

26,8
Prozent

22,0
Prozent

15,5 
Prozent

1,5
Prozent

14,0
Prozent

5,3
Prozent

5,6
Prozent

1,9
Prozent

1,2
Prozent

0,6
Prozent

5,7
Prozent

Ixé

01. Februar

28,7
Prozent

22,0
Prozent

17,0
Prozent

2,0
Prozent

11,5
Prozent

7,3
Prozent

4,3
Prozent

2,6 
Prozent

0,4
Prozent

0,8
Prozent

3,4
Prozent

Piepoli/Euromedia

01. Februar

27,2
Prozent

23,8
Prozent

17,8
Prozent

2,3
Prozent

13,8
Prozent

5,7
Prozent

4,5 
Prozent

1,6
Prozent

1,1
Prozent

0,8
Prozent

1
Prozent

Ipsos

24. Februar

29,3
Prozent

22,7
Prozent

16,9
Prozent

1,1
Prozent

13,7
Prozent

6,1
Prozent

4,6
Prozent

4,0
Prozent

1,6
Prozent

Wahl 2013

25. Februar

25,6
Prozent

25,4
Prozent

21,6
Prozent

10,9
Prozent

4,1
Prozent

3,2
Prozent

2,0
Prozent

0,7
Prozent

6,5
Prozent

Mögliche Koalitionen: Rechtsaußen-Bündnis liegt in Umfragen vorn

Auch die Italiener können nach den Parlamentswahlen am 4. März mit Sicherheit mit einer Reihe langer und schwieriger Koalitionsverhandlungen rechnen. Die letzten Umfragen (bezogen auf Erhebungen von Termometro Politico, Ipsos und Euromedia) sprechen dafür, dass es drei starke Blöcke geben wird: Die Fünf-Sterne-Bewegung, Forza Italia und die aktuelle Regierungspartei PD. Dennoch wird wohl keine der drei Parteien in der Lage sein, alleine eine Regierung zu bilden. 

Möglich ist, dass sich eine Mitte-Links-Koalition aus der PD, der Demokratischen Partei Italiens, und ihren Bündnispartnern Civica Popolare, Italia Europa Insieme und Più Europa bildet

Genauso könnte es aber auch zu einem Bündnis zwischen der Partei Berlusconis, Forza Italia, mit Lega Nord und der nationalistischen Gruppierung „Fratelli d’Italia“ (Brüder Italiens) kommen, die sich über ein gemeinsames Programm verständigt haben. Vierter Partner in diesem Bündnis wäre die Bewegung „Noi con Italia“. Die Rechtsaußen-Regierung* ist nicht unwahrscheinlich und liegt in den Umfragen an erster Stelle

Die Fünf-Sterne-Bewegung schloss für sich eine Koalitionsregierung bislang immer aus. Sie ist in den Umfragen aktuell zwar stärkste Kraft, doch die Prognosen sehen keinen eindeutigen Wahlsieg, der die Fünf-Sterne-Bewegung allein mehrheitsfähig machen würde.

Großdemonstrationen und Unentschlossenheit: Italien vor der Parlamentswahl 

Das neue Wahlgesetz ist kompliziert, die italienischen Bürger unentschlossen. Jeder dritte Wahlberechtigte soll immer noch nicht sicher sein, welcher Partei er am Sonntag seine Stimme abgeben möchte. Klar ist: Die meisten Versprechen der italienischen Parteien sind nahezu utopisch, mit ihnen würde sich Italien noch stärker verschulden – dabei ist genau das ein großes Problem des Landes und widerspricht den Vorschriften der EU. Dass die Italiener nicht viel Vertrauen in ihre Politik haben, ist unter diesen Umständen nicht überraschend. Sie wehren sich mit Großdemonstrationen von allen Seiten der politischen Lager, die in den vergangenen Wochen auch zu vereinzelten Zusammenstößen geführt hatten. Die einen protestieren für „Lega“ oder weitere rechte Bewegungen, andere gegen Rassismus und Fremdenhass*. Egal wie die Wahl am Sonntag ausgehen wird, eine aussichtsreiche und realisierbare Zukunftsvision liefert bislang kein mögliches Bündnis für Italien.

*Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.