Wahl-O-Mat für Landtagswahl in Hessen: So funktioniert er - und das sagen die Parteien

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Vor allem jüngere Wähler sollen mit dem Wahl-O-Mat zum Wählen animiert werden. 

Er soll Wählern die Entscheidung für eine Partei erleichtern: der Wahl-O-Mat. 2018 gibt es das Tool erstmals auch für die Landtagswahl in Hessen.

Wen soll ich wählen? Um diese Frage zu beantworten, nutzen viele Wähler den Wahl-O-Mat. Das Online-Tool gibt es seit dem Jahr 2002 - zu fast jeder Wahl. Nutzer können dabei 38 politischen Aussagen zustimmen, ablehnen oder sich enthalten. Der Wahl-O-Mat berechnet dann die Übereinstimmung der Nutzermeinung mit der der Parteien. Aber wie funktioniert das überhaupt? Und wann können Sie den Test machen? In diesem Artikel erklären wir es.

Wann wird der Wahl-O-Mat für die Landtagswahl in Hessen veröffentlicht?

Der Wahl-O-Mat für die Landtagswahl in Hessen ist seit Mittwoch, 26. September 2018, online. Er ging also knapp einen Monat vor der Wahl am 28. Oktober an den Start. Neben der Internetseite gibt es auch Wahl-O-Mat-Apps. Sie können für Apple-Geräte sowie Android- und Windows-Smartphones heruntergeladen werden.

Hinweis der Redaktion: Bevor der Wahl-O-Mat offiziell veröffentlicht wurde, zeigten die genannten Apps noch den aktuellsten Wahl-O-Mat für die Bundestagswahl 2017.

Wer entwickelt den Wahl-O-Mat? 

Hinter dem Projekt steckt die Bundeszentrale für politische Bildung (BPB). Es soll vor allem junge Wähler bei der Wahlentscheidung helfen und spielerisch an politische Inhalte heranführen. Die öffentliche Behörde startete den Wahl-O-Mat anlässlich der Bundestagswahl 2002 und bietet das Frage-Tool seitdem für alle Bundes- und Europawahlen sowie die meisten Landtagswahlen an. Bei 23 der 28 Landtagswahlen in diesem Jahrzehnt gab es einen Wahl-O-Mat. Die hessische Version in diesem Jahr ist aber eine Premiere. Bei der jüngsten Wahl 2013 hatte etwa das Geld für die Entwicklung gefehlt. 

Wie funktioniert der Wahl-O-Mat?

Die Nutzer können ihre Antworten auf die 38 Wahl-O-Mat-Thesen mit denen der Parteien vergleichen. Damit das passieren kann, müssen aber erst einmal Thesen und die Antworten der Parteien vorliegen. Die Thesen jedes Wahl-O-Mat werden von einem Team aus 20 bis 25 jungen Wählern sowie Experten erarbeitet. Jeder junge Mensch zwischen 16 und 26 Jahren kann sich dafür bewerben. Rund drei Monate vor der Wahl trifft sich die Gruppe, um anhand von Partei- und Wahlprogrammen sowie programmatischen Aussagen der Parteien etwa 80 bis 100 Thesen zu entwickeln. 

Ein junger Wähler, der bei der Entwicklung geholfen hat, ist Robin Haratik aus Gudensberg. Der 20-Jährige macht gerade eine Ausbildung zum Industriemechaniker bei VW in Baunatal und hatte sich bei der BPB beworben und durfte bei der Entwicklung des Wahl-O-Mat für Hessen helfen. "Wir konnten gleichberechtigt diskutieren, wurden gehört und ernst genommen", berichtet Haratik über die Entwicklung des Tools. "Politikverdrossenheit entsteht, wenn sich Leute nicht informiert fühlen und orientierungslos sind", sagt er. "Deswegen haben wir die Thesen möglichst verständlich formuliert."

Alle diese Thesen werden den Parteien zur Beantwortung vorgelegt, die sie innerhalb von zwei bis drei Wochen beantworten sollen. Außerdem können die Parteien zu jeder These eine Begründung abgeben. Um Fehler und Verständnisprobleme zu vermeiden, prüfen Politikwissenschaftler die Antworten der Parteien, die im Zweifel nochmals die Parteien kontaktieren. In einem zweiten Workshop - etwa eine Woche vor der Veröffentlichung des Wahl-O-Mat - werden aus allen Thesen 38 ausgewählt, die laut BPB

  • die wichtigsten Themen der Wahl aufgreifen,
  • von den Parteien kontrovers beantworten werden,
  • Unterschiede zwischen den Parteien deutlich machen und
  • viele Politik-Themen abdecken müssen.

Wenn der Wahl-O-Mat veröffentlicht wurde, können schließlich die Nutzer abstimmen. Am Ende bekommt jeder angezeigt, welche der acht vorher vom Nutzer gewählten Partein die Thesen am Ähnlichsten beantwortet hat. Hat die Partei genau wie der Nutzer abgestimmt, vergibt das Frage-Antwort-Tool zwei Punkte, bei gegensätzlichen Positionen keinen Punkt. Wenn die Partei und der Nutzer bsp. mit "stimme zu" antwortet und die Gegenseite sich enthält, gibt es einen Punkt.

Warum kann man nur acht Parteien auswählen?

Die Thesen kann zwar jede zur Wahl zugelassene Partei beantworten, angezeigt bekommt der Nutzer aber jeweils nur die Übereinstimmung seiner Antworten mit acht ausgewählten Parteien. Die BPB wolle dem Nutzer eigenverantwortlich eine Entscheidung treffen lassen. Sie sollen selbst darüber entscheiden, welche Parteien für sie von Interesse seien. Außerdem richte sich der Wahl-O-Mat an Erst- und Jungwähler, weshalb die Ergebnisse möglichst übersichtlich sein sollten, argumentiert die BPB.

Was antworten die Parteien auf die Wahl-O-Mat-Thesen?

Die Positionen der bis zu acht ausgewählten Parteien zu den Thesen des Wahl-O-Mat kann der Nutzer am Ende sehen. Es ist aber auch möglich, alle Parteien untereinander zu vergleichen. Die BPB hat dafür ein PDF mit allen Partei-Positionen hochgeladen. Damit sieht man schnell, welche Partei zu welcher These welche Position vertritt. 

So zeigt sich etwa, dass zehn Parteien der These "Das Land Hessen soll seine Anteile am Flughafen Kassel-Calden verkaufen" zustimmen. Dies scheint jedoch eher eine Position der kleineren Parteien zu sein. Als einzige der sechs großen Parteien mit den größten Chancen auf einen Einzug in den Landtag bejahen die Grünen diese These. Einig sind sich CDU, SPD, Grüne, Linke, FDP und AfD etwa beim Thema Fahrverbote für Dieselfahrzeuge - diese lehnen alle Parteien ab.

Ist der Wahl-O-Mat politisch unabhängig?

Das Projekt wird von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf wissenschaftlich begleitet. Laut Aussage der Forscher ist "parteipolitische Neutralität" oberstes Gebot. Die BPB erfülle einen staatlichen Bildungsauftrag, "dessen Einhaltung durch einen wissenschaftlichen Beirat garantiert" werde. Außerdem würde die BPB keine finanzielle Interessen verfolgen. 

Kritik am Wahl-O-Mat

Immer wieder gibt es auch Kritik am Wahl-O-Mat. Bis 2009 berücksichtigte der Wahl-O-Mat etwa nur die größere Parteien. Erst seit einem Urteil des Verwaltungsgerichts München werden die Thesen an alle Parteien geschickt. 

In einigen Fällen wollen Parteien aber gar nicht erst am Wahl-O-Mat teilnehmen. Ein Beispiel ist Mecklenburg-Vorpommern, neben Hessen das einzige Bundesland ohne "eigenen" Wahl-O-Mat. Dort haben CDU und SPD ihre Mitarbeitet für den Wahl-O-Mat zu den Landtagswahlen 2011 und 2016 verweigert. Ihre Begründung: Der Wahl-O-Mat würde komplexe politische Fragen zu sehr vereinfachen. Als Beispiel nannte etwa die SPD die Frage nach Kinderbetreuung im Land, die sich nicht mit einfachen Antworten klären lasse. "Der Wahl-O-Mat gaukelt eine Einfachheit vor, die nicht echt ist", zitiert Spiegel Online den SPD-Landesgeschäftsführer Marcus Unbenannt.

Ein Grundsatzproblem des Wahl-O-Mat ist außerdem, dass er sich maßgeblich an den Versprechen und Wahlprogrammen der Parteien orientiert. Die tatsächliche Politik der Parteien ist also wenig relevant.

Wahl-O-Mat vor fast 100 Jahren: Wen hätten Sie 1919 gewählt?

Am 19. Januar 1919 fand eine schicksalshafte Wahl statt: Im deutschen Reich wird die Nationalversammlung gewählt - zum ersten Mal dürfen auch Frauen abstimmen. Die Nationalversammlung soll der noch jungen Republik eine Verfassung geben. Die Parteien SPD, USPD, Zentrumspartei, DDP, DVP und DNVP stellen sich neben einzelnen Regionalparteien und sonstigen kleineren Parteien zur Wahl. 

Wen hätten Sie damals gewählt? Um diese Frage auch fast 100 Jahre später noch zu beantworten, hat das Bundesarchiv einen Wahl-Test erstellt. Die Thesen behandeln analog zum aktuellen Wahl-O-Mat die Themen, welche die Bevölkerung damals umtrieben: Wer war Schuld an der Niederlage im Ersten Weltkrieg? Sollte es eine Revolution geben? An wichtigen Thesen mangelt es dieser historischen Version des Wahl-O-Mat sicherlich nicht.

Wahl-O-Mat-Alternativen

Der Wahl-O-Mat ist zwar das wohl bekannteste Tool seiner Art, aber nicht das einzige. Es gibt einige Alternativen, die andere Schwerpunkte beziehungsweise Herangehensweisen als der Wahl-O-Mat haben. Nur wenige davon bieten allerdings eine aktualisierte Version zur Landtagswahl in Hessen 2018 an:

Wahlswiper: Wahl-O-Mat trifft Tinder

Der Wahlswiper funktioniert ganz nach dem Prinzip der beliebten Dating-App Tinder: Nach links wischen bedeutet Ablehnung, nach rechts wischen Interesse bzw. in diesem Fall Zustimmung. Statt potenziellen Partnern werden hier nämlich politische Thesen gewischt. Ansonsten funktioniert es aber ähnliche wie der Wahl-O-Mat. Entwickelt wurde das Angebot unter anderem von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und der Goethe Universität in Frankfurt. Nach dem Beantworten bzw. dem Wischen von über 30 Thesen kann der Nutzer sehen, welche Partei der am besten geeignete "Partner" für ihn wäre.

Digital-O-Mat: Netzpolitik im Mittelpunkt

Digitale Themen spielen in Debatten zur Wahl eine zu geringe Rolle - diese Ansicht vertreten zumindest die Macher des Digital-O-Mat, darunter der Verein Wikimedia Deutschland, der Chaos Computer Club und andere. Nutzer können zehn Thesen zu netzpolitischen Themen beantworten und ihren Standpunkt mit denen der Parteien vergleichen - hier werden allerdings nur die sechs Parteien mit den voraussichtlich größten Chancen auf einen Einzug in den Landtag berücksichtigt (CDU, SPD, FDP, AfD, Grüne und Linke).

Die HNA ist Medienpartner des Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb und der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung.

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