Leerstände in Gemeinden

Wanfried: Kleinstadt stoppte durch Vermarktung Zerfall ihres Kerns

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Wirkten mit ihrem Vermarktungskonzept dem Leerstand in Wanfried entgegen: (von links) Architekt Dieter Böttcher, Journalistin Diana Wetzestein, Bürgermeister Wilhelm Gebhard und Diplomingenieur Jürgen Rödiger. Fotos: Daniel Göbel

Mit Fördermitteln will die Landesregierung gegen Leerstand in Ortskernen kleinerer Kommunen vorgehen. Eine Stadt, die gezeigt hat, wie man selbst dagegen angehen kann, ist Wanfried im Werra-Meißner-Kreis.

Im Jahr 1990 hatte Wanfried noch 1312 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. 15 Jahre später waren es nur noch 666. Die Einwohnerzahl sank von 5000 auf 4200. Es herrschte kein Mangel an betrüblichen Zukunftsaussichten.

Die Probleme, mit denen Wanfried zu kämpfen hatte, sind auch in anderen vergleichbaren Kommunen deutlich zu spüren. Doch die Stadt mit ihren zahlreichen Fachwerkhäusern hat es im Gegensatz zu vielen anderen Kommunen geschafft, sich aus dieser Lage zu befreien. „Bei Politikern wird nur der Ruf nach noch mehr Wohnraum in Großstädten laut. Es wird immer nur einseitig nach Lösungen gesucht“, kritisiert Bürgermeister Gebhard. „Millionen von Wohnungen im ländlichen Raum suchen nach einer Zukunftslösung.“

So kann es nicht weitergehen, hat sich 2006 Bürgermeister Wilhelm Gebhard gedacht. Also hat er gemeinsam mit engagierten Bürgern eine Gruppe gegründet, die sich um die Probleme kümmern wollte. Damals standen 21 historische Gebäude in der Altstadt leer. Genau daran setzte die Bürgergruppe, deren Mitglieder alle Erfahrung im Umbau und renovieren haben, an. Statt neue Baugebiete auszuweisen, lenkte sie den Blick auf alte Häuser im Ortskern.

„Viele Menschen haben Interesse an alten Fachwerkhäusern, haben aber manchmal nicht den Mut oder keine Idee, wie sie eine Sanierung angehen sollen“, berichtet Jürgen Rödiger von der Ortsgruppe. Erstmal verschaffte sich die Bürgergruppe einen Überblick, welche Häuser leerstehen. Sie traten mit Eigentümern in Kontakt, was mit ihren Häusern passieren soll.

Zufällig kam damals ein holländisches Ehepaar in die Stadt, die in der Nähe ein Haus gekauft hatten, damit aber unzufrieden waren. Das Ehepaar schlug vor, die leerstehenden Fachwerkhäuser in den Niederlanden zu bewerben. So kam die Idee auf, die Häuser im Internet in Holland anzubieten, was auch gut angenommen wurde. Zusätzlich berät die Gruppe potenzielle Käufer und steht ihnen mit Rat und Tat zur Seite. In einem Musterfachwerkhaus können sich Interessierte über Sanierungsmöglichkeiten informieren. Zudem vermittelt die Gruppe örtliche Handwerker. Alles kostenfrei. „Der Verkauf an Häusern lief so gut an, dass wir seit 2012 keine Gebäude mehr an Holländer verkauft haben“, so Bürgermeister Gebhard. Auch Deutsche zeigten nun Interesse.

Seit 2011 gibt es in Wanfried wieder mehr Zuzug als Wegzug. Seit 2015 übertreffen die Neubürger sogar die Sterbefälle. 55 Gebäude und ein Campingplatz wurden verkauft. Von den einstmals 21 Häusern in der Altstadt konnten 20 vermittelt werden. Aufträge für mehr als drei Millionen Euro gingen an ortsansässige Handwerker. Die Arbeit der Gruppe trägt Früchte. Auch die sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze steigen wieder an.

Immer wieder seien es die gleichen Argumente, die der Bürgermeister und die Mitglieder der Bürgergruppe von den neuen Bewohnern erfahren. Deutlich steigende Mieten in den Großstädten, Flug– und Verkehrslärm, Kriminalität, zu wenig Natur- und Landschaft. Zudem erkennen auch junge Familien, die zunächst ihr Glück in Großstädten gesucht haben, die Vorteile des Landlebens. Deutlich niedrigere Mieten und Immobilienpreise, wesentlich günstigere Kitagebühren, individuellere Bildungsmöglichkeiten für die Kinder dank kleinerer Einrichtungen, Gruppen und Schulklassen.

Das Wanfrieder Vermarktungskonzept und das tatkräftige Engagement der Bürgergruppe zeige, dass auch kleine Kommunen mit etwas Anstrengung und Ideen dem demografischen Wandel und dem Leerstand in ihren Ortskernen entgegentreten können, sagt Gebhard. „Der Staat muss mehr für die Infrastruktur auf dem Land tun. Damit könnte man diesen Prozess noch stärker fördern“, meint der Bürgermeister.

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