Wann hört das endlich auf?

Wann schafft die EU die Zeitumstellung ab? Welche Zeit bleibt?

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Abschaffung der Zeitumstellung 2021: Ist das EU-Vorhaben gescheitert?

Im Oktober 2019 ist wieder Zeitumstellung. Viele fragen sich: Wann wird die EU die Zeitumstellung eigentlich abschaffen? Welche Zeit bleibt dann?

München - Die mit Abstand erfolgreichste Internetbefragung der Europäischen Union war die zur Abschaffung der halbjährlichen Zeitumstellung. Dabei erhielt die EU-Kommission 4,6 Millionen Antworten. Drei Millionen kamen aus Deutschland. Das war vor einem Jahr. Viel passiert ist seitdem nicht.

Wir erklären, ob das Vorhaben noch gelingen kann. Vorneweg: Im Herbst 2019 werden die Uhren noch auf Winterzeit umgestellt.

Wird die Zeitumstellung 2021 abgeschafft?

Nach der Befragung kündigte Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker an, einen Gesetzesvorschlag vorzulegen. Die Sache schien einfach: „Millionen haben geantwortet und sind der Auffassung, dass es so sein sollte, dass die Sommerzeit in Zukunft für alle Zeit gilt“, sagte er. Die Zeitumstellung sollte damit abgeschafft werden. Die Staaten könnten künftig selbst entscheiden, ob sie dauerhaft Winter- oder Sommerzeit wollen.

Gut ein Jahr später gibt es im Kreis der EU-Staaten wenig Fortschritte. Ein großer Teil der Länder habe noch keine Position, hieß es aus Diplomatenkreisen in Brüssel. Es gebe die Sorge, dass die Auswirkungen einer Änderung nicht ausreichend erforscht und analysiert seien.

Das Europaparlament sprach sich hingegen bereits im März dafür aus, die Umstellung 2021 abzuschaffen. Damit die Änderung in Kraft treten kann, müssten aber auch die EU-Staaten mehrheitlich zustimmen. Bei den zuständigen Verkehrsministern gab es dazu bislang keine Einigung. Die Umsetzung der geplanten Abschaffung der Zeitumstellung steht also derzeit noch in den Sternen. Vor allem an einer Stelle gibt es Probleme.

EU-Parlament will Ende der Zeitumstellung im Jahr 2021

Zeitumstellung: Wo liegt das Problem?

Dass die Staaten selbst wählen können, ob sie dauerhaft Sommer- oder Winterzeit wollen, ist das wohl größte Problem. Derzeit gibt es in Mitteleuropa eine große Zeitzone von Polen bis Spanien, zu der Deutschland und 16 weitere EU-Länder gehören.

Einige Staaten - etwa Griechenland - sind eine Stunde voraus, andere - zum Beispiel Portugal - eine Stunde zurück. Ein wichtiges Anliegen etlicher Staaten ist es daher, einen Zeit-„Flickenteppich“ zu vermeiden. Dafür müssen sie sich nicht nur jeweils intern, sondern auch untereinander abstimmen - und das braucht Zeit.

Hinzu kommt, dass die Staaten eigentlich derzeit ganz andere Probleme haben: Am 31. Oktober droht ein ungeregelter Austritt Großbritanniens aus der EU, die stockende Reform des EU-Asylrechts droht die Union weiter zu spalten, bei den heiklen Verhandlungen über den künftigen EU-Finanzrahmen gibt es wenig Fortschritte. Und am 1. November soll auch noch die neue Kommission unter der designierten Präsidentin Ursula von der Leyen die Arbeit aufnehmen. Diese könnte den Vorschlag dann theoretisch auch wieder zurückziehen.

„Das Europäische Parlament hat alle Bedenken aufgenommen und auch sehr schnell, sehr gute Vorschläge zur Koordinierung unter den Mitgliedstaaten gemacht, so dass kein Flickenteppich vieler unterschiedlicher Zeitzonen in Europa entsteht“, sagte der gesundheitspolitischen Sprecher der Unionsparteien im EU-Parlament, Peter Liese. „Vielleicht sollten die Minister nochmal einen Blick in unseren Vorschlag werfen, bevor sie das Rad neu erfinden wollen.“ Liese sieht die Schuld im Hinblick auf die Probleme bei der Abschaffung der Zeitumstellung beim Rat der EU-Länder: „Die Mitgliedstaaten verschlafen die Zeitumstellung", kritisierte der CDU-Politiker. Es gebe bereits gute Vorschläge zur Koordinierung.

Abschaffung der Zeitumstellung: Wie geht es jetzt weiter?

Die EU-Kommission kommentiert die Angelegenheit naturgemäß deutlich sachlicher. „Die Kommission hat die Sommerzeit-Frage nach zahlreichen Forderungen von Bürgern und Staaten, einer Resolution des Europaparlaments, einer Zahl an Studien und einer öffentlichen Befragung auf die politische Agenda gehievt“, sagt ein Sprecher der Brüsseler Behörde. Es sei nun an den EU-Staaten, eine gemeinsame Position zu finden.

Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker guckt auf die Uhr. Ist die Abschaffung der Zeitumstellung gescheitert?

Genau dies gestaltet sich aber schwierig. Für Finnland, das bis Ende des Jahres den Vorsitz unter den EU-Staaten hat, ist es eine undankbare Aufgabe. Die Finnen haben zudem ganz andere Themen während ihrer Ratspräsidentschaft zur Priorität erklärt, allen voran den Klimaschutz. Der rumänische Verkehrsminister Alexandru-Razvan Cuc sagte Anschluss an eine Aussprache mit seinen EU-Kollegen in Luxemburg, dass die  Mitgliedstaaten der EU mehr Zeit für Konsultationen bräuchten. 

Die nächste offizielle Gelegenheit für die EU-Staaten, das Thema abzuschließen, bietet sich beim Treffen der Verkehrsminister im Dezember. Wenn sie das nicht schaffen, könnte es irgendwann auch bei den Staats- und Regierungschefs landen. Davon sei im Moment aber noch keine Rede, heißt es in Brüssel.

Wird die Zeitumstellung vielleicht doch nicht abgeschafft?

Ein EU-Diplomat sagte im Sommer 2019, er glaube nicht, dass die EU-Staaten noch auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Das Thema sei zu kompliziert. „Hier wird etwas versucht, was nicht die Lösung eines Problems ist, sondern ein Problem kreiert.“

Die zuständige EU-Kommissarin Violeta Bulc wies das allerdings zurück. „Niemand redet davon, das Thema fallen zu lassen.“ Sie glaube daran, dass das Vorhaben in der zweiten Jahreshälfte zu Ende gebracht werden könne. Der CSU-Europaabgeordnete Markus Ferber kritisierte einen Stillstand bei den EU-Staaten. „Die europäischen Bürger haben uns einen klaren Auftrag gegeben, dem müssen wir ohne Verzögerung nachkommen.“ 

Deutschland: Sommer- oder Winterzeit nach Abschaffung der Zeitumstellung?

Die Bundesregierung favorisiert die Einführung einer ganzjährigen Sommerzeit, betont jedoch, dass die Entscheidung nur zusammen mit den Nachbarländern getroffen werden könne. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sei in Kontakt mit seinen EU-Kollegen, hieß es bereits im März.

Abstimmung: Sind Sie für die Abschaffung der Zeitumstellung?

Zeitumstellung: Warum gibt es sie überhaupt?

In Deutschland gibt es die Sommerzeit schon seit 1980. Ursprünglich sollte dank einer besseren Ausnutzung des Tageslichts Energie gespart werden, doch der wirtschaftliche Nutzen ist verschwindend gering. Zudem legen wissenschaftliche Erkenntnisse nahe, dass manche Menschen gesundheitlich unter der Zeitumstellung leiden.

Hierzulande halten Umfragen zufolge 78 Prozent der Bürger die Umstellung auf Sommerzeit für überflüssig. Rund jeder Vierte (26 Prozent) kämpft laut einer aktuellen Erhebung der Krankenkasse DAK nach der Umstellung mit gesundheitlichen oder psychischen Problemen.

Eine repräsentative Forsa-Umfrage unter 1014 Menschen in Deutschland im Auftrag der KKH (Kaufmännische Krankenkasse) aus dem Jahr 2013 zeigt, dass die Umstellung zwischen Sommer- und Winterzeit den Schlafrhythmus stört. 

Vier von zehn Deutschen haben laut Studie Probleme durch die Zeitumstellung - Frauen (46 Prozent) deutlich mehr als Männer (36 Prozent). Die Mehrzahl der Betroffenen braucht einige Zeit, um wieder in den normalen Schlafrhythmus zu finden. Neun Prozent der Frauen und vier Prozent der Männer gaben sogar an, unter der Zeitumstellung regelrecht zu leiden.

Die deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin ist für eine Beibehaltung der Normalzeit. Das Tageslicht und insbesondere der Blauanteil des Sonnenlichts sei der "Hauptzeitgeber" für die innere Uhr des Menschen und maßgeblich für den Wach-Schlaf-Rhythmus. All dies wird den Experten zufolge am besten durch die Winterzeit gewährleistet.

Durch Umstellung auf Sommerzeit drohe hingegen ein Schlafmangel, der zu Konzentrations- und Leistungseinbußen sowie mehr Unfällen führe. Auch der Deutsche Lehrerverband fürchtet für den Fall einer dauerhaften Umstellung auf Sommerzeit gesundheitliche Gefahren für Schüler. Die Wahrscheinlichkeit für Schlaf- und Lernprobleme sei dadurch massiv erhöht.

Fakten zur Zeitumstellung: Das spricht für die Sommer- bzw. Winterzeit

2019: Umstellung am 27. Oktober

Der Wechsel zwischen Normalzeit - umgangssprachlich auch Winterzeit genannt - und Sommerzeit ist schon lange umstritten. Seit 1996 werden in der EU am letzten Sonntag im März sowie am letzten Sonntag im Oktober die Uhren jeweils eine Stunde umgestellt.

In Deutschland gilt die Sommerzeit in diesem Jahr bis Sonntag, 27. Oktober 3.00 Uhr. Dann startet die Winterzeit. Sie endet am 29. März 2020.

Merkur-Redakteurin Claudia Muschiol hält das Ende der Zeitumstellung für einen großen Fehler. Lesen Sie ihren Kommentar.

mw

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