An der Westfront

Wunder an Weihnachten: Der Weihnachtsfrieden 1914

Vielerorts kam es an der Westfront an den Weihnachtstagen 1914 zu einem Waffenstillstand - ein Frieden von unten, wie es ihn niemals zuvor gegeben hatte. Wir erzählen die Geschichte.

Es sind ausgerechnet die verhassten Deutschen, die barbarischen Besatzer in Belgien, die als „Hunnen“ und „Fritzens“ verschrieenen gnadenlosen Pickelhauben-Träger und „Wurst fressenden Blödmänner“, die den Anstoß geben zum Frieden mitten im Krieg: mit einem leisen „Stille Nacht, heilige Nacht“, mit brennenden Kerzen auf tausenden fertig dekoriert an die Front geschickten Miniatur-Tannenbäumchen, die nun auf die Brustwehren der Schützengräben gehoben werden: „Die reinste Illumination“, staunt ein deutscher Soldat. Und eigentlich eine Einladung an Scharfschützen. Oder eine Kriegslist? Doch die Deutschen rufen „We not shoot, you not shoot“, als die Briten dem Gesang applaudieren.

Vielerorts an der gesamten Westfront kam es an den Weihnachtstagen 1914 zu einem Waffenstillstand - vor allem in einem 50-Kilometer-Abschnitt um Ypern in Flandern, wo sich Sachsen und Schotten, Bayern und Engländer gegenüberlagen. Lauter magische Momente „in brüderlicher Stimmung“: Es wurde in den Gräben im Kerzenschein gesungen, man stimmte ins „Adeste fideles“ („Herbei, o ihr Gläub’gen“) gar gemeinsam ein.

Soldaten, die sonst erschossen wurden, sobald sie den Kopf über die Deckung hoben, die Handgranaten aufeinander warfen, mit Bajonetten, Spaten und Knüppeln töteten, trafen sich im Niemandsland zwischen Stacheldrahtverhauen, wünschten Frohe Weihnachten, drückten einander die Hände, lachten wie befreit, rauchten, redeten, zeigten einander Fotos ihrer Familien, fotografierten selbst. Geschenke wurden ausgetauscht, Kekse und Konserven, Corned Beef und Christmas Pudding, Rum und Jam, Würste, Schokolade, Zigaretten, Zeitungen und Zwieback. Die erbittertsten Gegner tauschten Rangabzeichen und Uniformknöpfe als Andenken, teils auch Adressen aus.

Der „Plauener Sonntags-Anzeiger“ druckte bald den Brief eines Soldaten, wonach „es die schönste Weihnachtsfeier war, die ich je erlebte“. In der Chronik des 55. Westfälischen Infanterieregiments heißt es, es „durchzitterte alle Herzen ein sonderbares, in Worten gar nicht wiederzugebendes Gefühl bei dieser Begegnung“.

„Einen solchen Frieden von unten gab es noch nie in der Geschichte eines Krieges“, urteilt der Journalist Michael Jürgs, und: „Es hat niemals wieder einen gegeben.“ Historiker Malcom Brown („Christmas Truce“) spricht von der „besten und herzbewegendsten Weihnachtsgeschichte unserer Zeit“.

Weihnachten 1914 lagen sich Alliierte und Deutsche „an der Westfront gegenüber wie Ungeheuer, die sich belauerten, aber nicht auffressen konnten“, schreibt Michael Jürgs. „Keine Seite schaffte entscheidenden Landgewinn. Alle hatten sich eingegraben.“ Schon je 300 000 Deutsche und Franzosen sowie 160 000 Briten waren gestorben, oft für ein paar Meter Boden. Erst am 18. Dezember hatte es ein grauenhaftes Gefecht gegeben. Bei bis zu 5000 Toten am Tag herrschte in den 20 000 Kilometern Gräben zwischen Schweizer Grenze und Nordsee die Stimmung vor, „dass endlich Schluss sein möge“, wie ein britischer Veteran sagte. Am allerschlimmsten: der knietiefe, eisige Schlamm in den verzweigten Gängen, die oft auf 20 bis 100 Meter, also in Hörweite, vom Feind entfernt lagen. Schlamm, der die Füße zerfraß, die nie trocken wurden. Dazu Ratten, groß wie Terrier, die sogar Katzen fraßen, Läuse, Geruch von Blut und Verwesung, Schlaflosigkeit, Todesangst.

Nun aber beleuchtete der Mond eine unglaubliche Szenerie, die Nacht war nach tagelangem Regen nun sternklar, kalt, windstill, Raureif sorgte für winterlich-feierlichen, wehmütigen Zauber. Vor allem die Stille irritierte, „als habe eine Uhr plötzlich aufgehört zu ticken“, so der Brite William Tapp. Keine schwirrenden Kugeln, kein Mörserbeschuss mehr.

„Wir fühlten uns glücklich wie die Kinder“, schrieb ein sächsischer Offizier in sein Tagebuch. Die „Bruderschaft der Menschen“ war stärker gewesen als Hass und Feindschaft, blickte ein britischer Berufssoldat zurück.

Eigentlich sollten die Waffen nur schweigen, damit endlich die Gefallenen bestattet werden können, die teils seit Wochen auf den Äckern lagen, an denen sich längst Ratten zu schaffen gemacht haben. Der Anblick der im unvorstellbaren Gemetzel zerfetzten, nun verwesenden Leichen lastete auf dem Gemüt. Die Unterstände sollten ausgebessert, frische Sandsäcke aufgeschichtet, Abflussrinnen geschaufelt werden. Doch auch am Ersten Weihnachtstag fiel, wie vielfach vereinbart, kein Schuss.

Friseure boten Haarschnitte und Rasuren im Niemandsland der Granattrichter, Krater und Baumstümpfe an. Hasen wurden gejagt, Lagerfeuer entzündet, ein Schwein gegrillt, Boxkämpfe und Fußball-Matches ausgetragen, „wahrscheinlich die ungewöhnlichsten in der Geschichte des Fußballs“, vermutet Jürgs. Es wurde gekickt mit Lederbällen aus England, Konservendosen, selbst fabrizierten Drahtgeflechten. Als Tore dienten Mützen, Pickelhauben und Bahren. Die Sachsen, die ein paar Fässer Bier stifteten, staunten, weil die Schotten wirklich nichts trugen unter ihren Röcken.

Ein Kriegsfreiwilliger traf seinen Schwager, der Kompanieführer der Engländer war. Ein anderer Deutscher gab den Briten einen Brief an seine Freundin in Manchester mit. Michael Jürgs hat all diese Geschichten recherchiert und minutiös nachvollzogen. Es gab sogar gemeinsame Beerdigungen und Gedenkfeiern für die Toten. Psalm 23 wurde auf Englisch und auf Deutsch verlesen.

Nichts davon war geplant gewesen. Kaiser Wilhelm II. feierte imbelgischen Spa mit 960 Gästen, Wein, Sekt und Gänsen und rief aus: „In den Staub mit allen Feinden Deutschlands! Amen!“ Einen Friedensappell des Papstes hatten alle Parteien abgelehnt. Es gab auch an der Front vereinzelte Scharmützel, die Artillerie machte keine Pause. Hier schlug eine schottische Granate direkt in einer deutschen Regimentskapelle ein, dort notierte ein württembergischer Oberleutnant stolz, dass ein Maschinengewehr dem „unpassenden Benehmen“ einer Gruppe rauchender, plaudernder französischer Offiziere ein jähes Ende bereitet habe. Vor allem die Preußen erwiesen sich als immun gegenüber jedem plötzlichen Frieden, „sei er auch noch so klein“ (Jürgs). Auch die Franzosen schienen eher angewidert.

Und doch war es ein Weihnachtswunder an der Westfront. Wie konnte es dazu kommen? Zum einen, weil alle einfachen Soldaten erschöpft waren, „todesmüde und todmüde zugleich“ (Jürgs) und sich selbst mit ihrer Angst, Heimweh und Friedenssehnsucht im Gegenüber erkannten: „Es war nicht ihr Krieg, und das haben sie gemerkt. Er ist ihnen eingeredet und eingebläut worden. Ihre Illusionen sind im Schlamm erstickt. Diese Nähe verbindet.“

Die aufgehetzten, singend in den Krieg gezogenen Männer waren desillusioniert. Sie hatten alle geglaubt, nach einem leichten Sieg an Weihnachten zu Hause zu sein. Aber es war kein Ende des Patts abzusehen. Der gemeine Soldat im Dreck bemerkte nun, dass er mit dem genauso armen Schwein auf der anderen Seite mehr gemein hatte als mit den Befehlshabern. Werftarbeiter aus Hamburg und Liverpool verstanden sich untereinander besser als mit den eigenen Offizieren. Und sobald man im Feind das Individuum erkannte, war es vorüber mit dem Hass. Aber auch ein deutscher Leutnant soll zu einem britischen Offizier gesagt haben: „Mein Gott, warum können wir denn nicht einfach Frieden machen und alle nach Hause gehen?“

Kein Wunder, dass die „Tägliche Rundschau“ um die „Energie der Kriegführung“ fürchtete, „denn es mochte manchem tapferen Krieger doch gegen das Gefühl gehen, denjenigen, mit dem er kurz zuvor gesprochen, Geschenke ausgetauscht oder gar die Hand geschüttelt hatte, unmittelbar daraus aus dem Schützengraben abzuknallen.“

In der Etappe wurde der in tausenden Briefen in die Heimat berichtete Weihnachtsfrieden kleingeredet, totgeschrieben, umgedeutet, zensiert. Filme wurden konfisziert. Nur in England erschienen, an den Zensoren vorbei, Aufnahmen des Weihnachtsfriedens in der Presse. „Fraternité“, Verbrüderung, war unerlaubt, unehrenhaft. Doch viele Offiziere duldeten und förderten sie, oft selbst erleichtert bis fasziniert. „Die Deutschen werden von Tag zu Tag freundlicher, weiß der Himmel, wie sie unter diesen Umständen wieder beginnen wollen zu kämpfen“, staunte Captain Maurice Mascall.

In den Generalstäben jedoch war man verstört, ja entsetzt. Was, wenn die Soldaten den Krieg in eigener Regie beendeten? Der Frieden eine gefährliche Eigendynamik annahm?

Offiziere befahlen die Rückkehr in die Feuerstellungen. Das Fraternisieren sei verboten, hieß es im Tagesbefehl der deutschen Obersten Heeresleitung an Weihnachten.

Doch eine Weile noch wurden Schießbefehle ignoriert, es wurde höflich gewarnt (beim Tee im Niemandsland teilten die Sachsen mit, ihr Oberst habe befohlen, ab Mitternacht das Feuer wieder aufzunehmen) oder absichtlich daneben oder zu hoch geschossen: eine Art verabredetes Schauschießen bei Befehlshaber-Besuchen im Schützengraben, damit auch ja alles echt aussieht. Silvester wurde wieder gesungen und zum Gruß in die Luft geschossen. Teils hielt der Frieden wochenlang. McKenzie Wood, ehemaliger Major und Parlamentsabgeordneter, war noch 30 Jahre später überzeugt, „dass kein weiterer Schuss gefallen wäre, falls wir uns selbst überlassen worden wären. Wir standen untereinander auf freundschaftlichem Fuß.“

Bis drakonische Disziplinierungsstrafen angedroht wurden. Jeder Zugführer, Kompaniechef, Kommandeur sollte persönlich dafür verantwortlich sein, dass es nicht mehr zu spontanen Verbrüderungen kommen sollte.

Auch Weihnachten 1915 gab es sie, aber schon die Versuche waren rar. Vereinzelt allerdings ließ sich die „alles überwältigende Sehnsucht nach Menschlichkeit, dieser unwiderstehliche Impuls, geboren aus Hoffnung und Furcht“, wie es der britische Leutnant Wilfred Ewart in seinem Tagebuch notierte, eben nicht unterdrücken.

Doch unter Androhung von Kriegsgerichtsverfahren wurden Annäherungen nicht mehr geduldet. Erich von Falkenhayn, Chef des Generalstabs und oberster Befehlshaber an der Westfront, hatte befohlen, jeder, der seinen Posten verlasse und in Richtung Feind gehe, egal warum, solle sofort erschossen werden. Jede Annäherung von dort solle als feindliche Handlung aufgefasst werden. Auch weihnachtliche Friedensboten mussten also mit dem gezielten Abschuss rechnen.

Der Journalist Michael Jürgs erzählt in „Der kleine Frieden im Großen Krieg“ (Pantheon, 352 S., 14,99 Euro) ausführlich und fesselnd vom Weihnachtsfrieden 1914.

Von Mark-Christian von Busse

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