Präsident des Kinderschutzbundes im Interview

Weihnachten in armen Familien: Manche Kinder gehen leer aus

Heinz Hilgers

Kassel. Stille Nacht, ungerechte Nacht? Weihnachten steht vor der Tür. Doch nicht jedes Kind in Deutschland wird auch ein Geschenk bekommen. Davon geht der Präsident des Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, aus.

Gerade in armen Familien herrsche vor Weihnachten ein besonderer Druck, so Hilgers im Interview. Bei Geldgeschenken kann sich der Hartz-IV-Regelsatz verringern.

Herr Hilgers, gibt es in Deutschland Kinder, die an Weihnachten gänzlich leer ausgehen?

Hilgers: Ja, die gibt es. Wir haben dazu zwar keine genauen Zahlen. Aber wir wissen, dass 2,5 Millionen Kinder in Deutschland als arm gelten und von den verschiedensten Sozialleistungen des Staates abhängig sind. Bei dieser Dimension kann man sich vorstellen, dass einige auch an Weihnachten kein Geschenk bekommen werden.

Herrscht in diesen Familien vor dem Fest ein besonders großer Druck?

Hilgers: Eindeutig Ja. Arme Kinder freuen sich auch auf Weihnachten. Und sie haben Wünsche, die vielfach denen von nicht betroffenen Kindern entsprechen. Also teuere Elektronik oder sprechende Puppen. Ab und an ist auch mal eine warme Winterjacke dabei. Bei den niedrigen Regelsätzen lassen sich solche Wünsche so gut wie gar nicht realisieren. Die meisten der betroffenen Eltern geben sich trotzdem extrem viel Mühe, ihren Kindern an Weihnachten zumindest den einen oder anderen Wunsch zu erfüllen. In der nötigen Bescheidenheit.

Was ist, wenn Verwandte aushelfen wollen?

Hilgers: Es gilt eine Bagatellgrenze für Geschenke. Das heißt, in Hartz IV-Familien muss darauf geachtet werden, dass die Geschenke nicht eine beliebige Höhe haben.

Das heißt konkret?

Hilgers: Vor 2011 gab es eine klar definierte Bagatellgrenze von 50 Euro. Heute ist die Anwendung im Gesetz nicht mehr klar definiert, womit diese Entscheidung zur Anrechnung im Ermessen der Jobcenter liegt. Wenn ein Kind also von einem Verwandten mehr geschenkt bekommt, kann es sein, dass der Wert vom Regelsatz wieder abgezogen wird. Durch solche Regelungen werden arme Kinder zusätzlich diskriminiert.

Findet diese Regelung in der Praxis Anwendung?

Hilgers: Bei Sachgeschenken ist das Problem nicht so groß. Aber durchaus dann, wenn es um Geldgeschenke geht. Betroffene müssen das angeben. Tun sie es nicht, und es fällt auf, ist das Sozialbetrug. Übrigens gilt das nicht nur für die, die arbeitslos sind, sondern auch für die Menschen, die aufstocken. Wir haben allein 700.000 Kinder in Aufstocker-Familien. Das heißt, deren Eltern arbeiten, müssen sich aber wegen ihres niedrigen Lohns staatliche Unterstützung holen.

Was können Menschen tun, die armen Familien helfen wollen?

Hilgers: Es gibt in den Kommunen eine Reihe von Aktionen des Kinderschutzbundes oder anderer Verbände. Wer sich engagieren will, dass auch arme Kinder an Weihnachten ein Geschenk erhalten, kann dies tun. (hs)

Von Hagen Strauß

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.