Die Winternothilfe in Hannover kümmert sich um Menschen, die auf der Straße leben

Weihnachten bei unter null Grad

„Ich könnte das nicht - zu kalt“: Willy übernachtet seit neun Jahren in einer Unterkunft für Wohnungslose in Hannover. Foto:  dpa

Hannover. Zwei Schlafsäcke liegen unordentlich auf einer Wiese, dazwischen eine Decke, ein Radio und mehrere Plastiktüten. Immer, wenn Sozialarbeiterin Christiane Schmid am Zuhause von Michael in Hannover vorbeikommt, versucht sie, mit dem Obdachlosen ins Gespräch zu kommen. Gerade im Winter.

Damit die Kälte für ihn erträglicher wird. Einfach ist das nicht. „Wenn die Menschen nicht mit uns reden wollen, gehen wir wieder“, sagt Schmid. „Sonst fragen wir sie, ob sie versorgt sind und bieten ihnen an, in einer Unterkunft vorbei zu kommen, um dort zu duschen oder zu schlafen.“

Seit einem Jahr gibt es die Rundgänge der Winternothilfe in der niedersächsischen Landeshauptstadt - an zwei bis drei Tagen pro Woche mit heißem Tee, warmen Decken und Socken im Gepäck. „Das ist langfristige Vertrauensarbeit“, erzählt Schmid. „Viele sagen, sie wollen in keine Wohnung und wollen der Kälte trotzen.“

Notruf für Obdachlose

In einem Park ist Anfang 2010 ein Obdachloser gestorben. Zwar hatte er einen Herzinfarkt und ist nicht erfroren. Aber: Das Geschehen hat die Stadt aufgeschreckt. Seitdem gibt es neben Tagesaufenthalten und Obdachlosen-Schlafplätzen auch eine Notfallrufnummer. Sie soll verhindern, dass Menschen in der Kälte sterben.

Rund 22 000 Menschen lebten im vergangenen Jahr in Deutschland auf der Straße, schätzt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) und stützt sich auf Umfragen in mehreren Städten. Das sind etwa 2000 mehr als zwei Jahre zuvor.

Einer von ihnen ist Willy. Der 64-Jährige trägt einen verwaschenen Wollpulli, sein langer, weißer Bart ist rund um den Mund noch etwas rot. Vor neun Jahren konnte er seine Miete nicht mehr zahlen, er flog aus seiner Wohnung und übernachtet seitdem in einer Unterkunft für Wohnungslose. Nun sitzt Willy an einem Tisch in einem Tagesaufenthalt in der hannoverschen Nordstadt und löst Kreuzworträtsel. Sein Einkaufswagen steht vor der Tür - darin sind Lebensmittel, die Supermärkte weggeworfen haben. „Das Geld ist knapp“, lächelt er.

„Wir rechnen damit, dass es noch mehr Wohnungslose werden“, sagt Werena Rosenke von der BAGW. Bis zu 280 000 Menschen könnten im Jahr 2015 wohnungslos sein. Als einen Grund sieht sie den angespannten Wohnungsmarkt - viele Menschen arbeiteten im Niedriglohnbereich, es gebe aber immer weniger Sozialwohnungen.

Besonders heikel wird es, wenn die Temperaturen unter null Grad rutschen. Oft meiden Obdachlose Notunterkünfte aus Angst davor, bestohlen zu werden. Oder sie ertragen die Nähe zu fremden Menschen nicht. „Viele haben auch psychische Erkrankungen - Depressionen, Psychosen, Süchte“, sagt Schmid.

Willy sitzt lieber in dem Treff für Wohnungslose, als draußen auf der Parkbank - vor allem im Winter. „Ich habe einige Freunde, die auf der Straße leben“, sagt Willy. „Ich könnte das nicht - zu kalt. Aber die wollen das. Sie fühlen sich sonst eingeengt.“ (lni)

Von Anja Mia Neumann und Christina Sticht

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