Überwiegende Mehrheit für konsequente Gleichstellung

Weltfrauentag: Gleichberechtigung noch längst nicht erreicht

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Kampf für mehr Rechte: Lohngleichheit war eine der Hauptforderungen auf der Demonstration zum Internationalen Frauentag 1980 in Düsseldorf. Es war eine von zahlreichen feministischen Protestaktionen für mehr Gleichbehandlung der Geschlechter.

Seit 1977 ist der 8. März Weltfrauentag. Seitdem hat sich viel verändert. Gleichberechtigung gibt es trotzdem noch nicht. Wie haben sich Rollenbilder verändert? Und was bedeuten sie heute?

Eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen, und was soll ich kochen?“ – so warb Dr. Oetker in den 50er-Jahren für seine Backwarenprodukte. Ein solcher Slogan in der heutigen Zeit? Undenkbar. Ohnehin ist das Bild der umsorgenden Hausfrau mit Putzlappen und des Mannes als Ernährer der Familie längst überholt. Studien aber zeigen: So einfach ist es nicht. Obwohl sich immer mehr Männer und Frauen in Sachen Familie, Haushalt und Karriere auf Augenhöhe begegnen, zeigt sich: Noch gibt es für beide Geschlechter nicht die gleichen Rechte.

Geschlechter auf Augenhöhe

Bei einer Befragung des Bundesfamilienministeriums von 2015 kam heraus, dass 74 Prozent der Männer und 86 Prozent der Frauen für eine konsequente Gleichstellung sind. Männer engagieren sich zunehmend im Haushalt. Und Frauen klettern auf der Karriereleiter weiter nach oben. Mittlerweile sind 28,1 Prozent der Frauen, die in Bundesbehörden arbeiten, in Führungspositionen aktiv. Das ist ein Anstieg von mehr als sechs Prozent seit Einführung der Frauenquote.

Und trotzdem: Bekommt die Frau ein Kind oder wird das Geld knapp, kippt die gleichgestellte Vision schnell in traditionelle Muster. Denn das Gesellschaftssystem ist noch immer von Geschlechterunterschieden geprägt. Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass weibliche Beschäftigte bei gleicher Tätigkeit, Ausbildung und Erfahrung rund sechs Prozent weniger Gehalt bekommen als ihre männlichen Kollegen. Karrieren von Frauen werden durch die Geburt eines Kindes zudem häufiger unterbrochen.

Individuelle Leistung zählt

In der Vergangenheit haben etliche Feminismuswellen dafür gesorgt, dass die unterschiedlichen Rollen von Männern und Frauen in der Gesellschaft hinterfragt werden. Aber wofür steht die heute junge Generation? Vollständige Gleichberechtigung beider Geschlechter oder Orientierung durch eine klar getrennte Rollenverteilung sowohl beruflich als auch privat? Laut Kai-Olaf Maiwald, Soziologe an der Uni Osnabrück, weder noch.

„Die Ungleichbehandlung von Mann und Frau wird immer mehr zum blinden Fleck.“ Jugendliche beispielsweise suchen die Gründe für ein Verhalten nicht mehr in den Geschlechtern, sondern in der individuellen Persönlichkeit eines Menschen, sagt Maiwald. „Wenn Geschlechterunterschiede als Ursache einer Ungerechtigkeit gar nicht mehr wahrgenommen werden, kann es passieren, dass die Ambitionen, für Gleichbehandlung zu kämpfen, immer weiter sinken.“

Wo junge Frauen in den 70er-Jahren unbequem, laut und hartnäckig für ihre Rechte kämpfen mussten, setzen junge Frauen heute lieber auf persönliche Leistung. Kein Wunder, denn obwohl noch immer keine völlige Gleichberechtigung herrscht: Dass Frauen wählen gehen, ihr eigenes Geld verdienen und ihr Leben bestimmen dürfen, ist mittlerweile selbstverständlich. Für Erfolg und Scheitern wird nicht mehr das Geschlecht, sondern ausschließlich die persönliche Leistung verantwortlich gemacht.

Wendet man den Blick vom Politischen ins Private, sieht Maiwald ähnliche Entwicklungen: „Paare können ihre Rollen sehr gut spontan tauschen.“ Ein Leben ohne festgelegte Rollen sei natürlich anstrengender. Immer wieder müsse die Aufgabenverteilung in einer Beziehung neu ausgehandelt werden.

Die Gleichheit der Geschlechter ist laut Maiwald weder vollzogen noch gescheitert. Der Feminismus habe das festgefahrene Rollenbild aufgebrochen und für Freiheit gesorgt. Jetzt liege es an den einzelnen Paaren, diese Freiheit auf ihre Weise zu definieren – und das sei nicht unbedingt immer einfach.

Forscher widerlegen Klischees

Studien zeigen: Menschliches Gehirn besteht aus weiblichen und männlichen Anteilen

Frauen können nicht einparken, Männer können schlechter ihre Emotionen zeigen – das sind nur zwei von etlichen Annahmen, die das Klischeedenken in unserer Gesellschaft prägen. Ob Frauen und Männer tatsächlich unterschiedlich denken, haben sich schon viele Hirnforscher gefragt und insgesamt mehr als 5000 Untersuchungen dazu durchgeführt. Die Antwort ist nicht eindeutig. 

Kuchen für den Ehemann: Dass Frauen, wie in einer Dr. Oetker-Werbung aus den 50ern dargestellt, von Natur aus fürsorglicher sind als Männer, ist wissenschaftlich widerlegt.

In einer US-Studie von 2013 heißt es, dass die Gehirne von Männern anders verdrahtet sind als die von Frauen. Während es bei Frauen besonders viele Kontakte zwischen den beiden Hirnhälften gebe, bestünden bei Männern mehr Verknüpfungen innerhalb der Gehirnhälften, berichten die Forscher im Fachblatt „Proceedings of the National Academy of Sciences“. Auch eine frühere Verhaltensstudie dieses Forscherteams hatte ergeben, dass Frauen sich besser Gesichter und Wörter merken können und aufmerksamer sind als Männer. Diese könnten dafür besser räumliche Informationen verarbeiten und ihre Bewegungen präziser koordinieren. 

Ein Forscherteam aus Israel, der Schweiz und Deutschland hingegen widerlegt diese Annahmen in ihrer Studie von 2015. Das Team untersuchte rund 1400 Gehirne auf graue und weiße Substanzen. Das Ergebnis: Das menschliche Denkorgan ist vielmehr ein Mosaik aus weiblichen und männlichen Anteilen. Gehirne mit rein männlichen oder rein weiblichen Kennzeichen gab es nur in sechs Prozent der untersuchten Fälle. (neu)

Feminismus in Wellen

Die erste Welle des Feminismus kam Mitte des 19. Jahrhunderts auf. Frauen kämpften für grundsätzliche Rechte wie das Frauenwahlrecht, das Recht auf Erwerbstätigkeit und das Recht auf Bildung. Die zweite Welle entstand in den 1960er-Jahren als Kritik an der Diskriminierung insbesondere von Müttern. Die Gleichstellung von Frauen fand allmählich auch staatliche Anerkennung. Aktuell erlebt die Diskussion um Gleichberechtigung eine Neuauflage durch die Metoo-Debatte, die wiederum durch den Hollywood-Skandal um sexuelle Übergriffe in der Filmbranche angestoßen wurde.

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