HNA-Leser über gefallene Soldaten und vergewaltigte Frauen

Weltkriegs-Erinnerungen: „Mutter fühlte sich vom Leben betrogen“

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Auf der Flucht: Frauen in Berlin 1945.

In einem bewegenden Dreiteiler hat sich das ZDF unter dem Titel „Unsere Mütter, unsere Väter“ mit Erlebnissen während des Zweiten Weltkriegs und den seelischen Folgen für die Überlebenden beschäftigt. Hier erzählen jetzt unsere Leser.

Uta Victor, Northeim: Ich bin im November 1943 geboren. Im März 1944 wurde mein Vater als vermisst gemeldet, sein letzter Einsatzort – er war Zahlmeister – liegt in der Südukraine.

In der Folgezeit lebten meine Geschwister und ich mit einer stark traumatisierten Mutter, die mit dem Partnerverlust und der plötzlichen Armut nur schwer zu recht kam. An professionelle Hilfe wegen der Traumatisierung der ganzen Restfamilie, war nicht zu denken.

Was dieses Warten auf den Vater, diese Ungewissheit für Schatten auf die Familie warf, kann sich kaum jemand vorstellen. Heute erinnere ich mich an eine ständig depressive Stimmung, in der Leichtigkeit und Freude kaum Platz hatte. Das ging bis in den Musikgeschmack hinein – alles, was keine Klassik war, wurde als niveaulos verurteilt. Meine Mutter empfand sich als vom Leben betrogen, was ich später durchaus zu verstehen begann.

Klaus Moll, Fuldatal: Ich war gerade 16 Jahre alt, da erfolgte die Einberufung zum Reichsarbeitsdienst (RAD) in der Nähe von Brandenburg. Als die Rote Armee sich zum Endkampf um die Reichshauptstadt formierte, wurde aus den RAD-Einheiten die RAD-Division „Friedrich-Ludwig-Jahn“ gebildet. Ausgerüstet mit einem Karabiner 98 und einer Panzerfaust sollten wir die hochgerüstete sowjetische Armee aufhalten. Ende April 1945 wurden wir von der 1. Ukrainischen Heeresgruppe überrollt. Die es überlebten, gerieten wie auch ich in sowjetische Kriegsgefangenschaft, wo ein fast fünfjähriger Überlebenskampf seinen Anfang nahm. Um bei schwerer körperlicher Arbeit, Hunger und Kälte zu überleben, stellte mein Körper das Wachstum ein.

Als ich im Dezember 1949 die Heimat wiedersah, hätte ich dringend eine psychologische Betreuung gebraucht. Damals gab es das aber nicht. Also trug man diese Last das ganze Leben mit sich herum. Nun bemühe ich mich, meine verlorene Jugend durch ein sorgenfreies Alter auszugleichen.

Wilhelm Koch, Fuldabrück-Dörnhagen: Als Kriegskind 1935 in Dörnhagen (heute Landkreis Kassel) geboren, sind die Erinnerungen an die Kriegs- und Nachkriegszeit nicht die Besten. Mein Vater wurde 1942 zur Wehrmacht nach Russland eingezogen. Im Winter 1943 ist er schon gefallen. 43/44 kamen fast alle männlichen Verwandten im Krieg ums Leben. Meine Mutter bekam wenig Rente, wusste manchmal nicht, wie sie das Geld für den Abtrag des Hauses und unseren Unterhalt beschaffen sollte. Sie arbeitete bei den Bauern des Dorfes auf dem Felde. Es gab nichts außer Arbeit und Aufregung für uns Kriegskinder, was bis heute noch nicht ganz vergessen ist. Möge es für unsere Nachkommen eine bessere Zukunft geben.

Irmhild Wenzel, Kassel: Bei einem russischen Beschuss durch Tiefflieger am 5. Mai 1945 wurde mein Vater schwer verletzt. Seine Verletzungen an Nacken, Ohr, Mundraum und Schulter konnten zunächst nur provisorisch behandelt werden. Ein gravierender Gehörschaden ist bis heute geblieben.

Der Krieg hat aus einem frohen Jungen einen geschädigten jungen Mann gemacht. Mein Vater (heute 87) sagt: „Der Krieg ist schrecklich.“

Fotos: So begann der Zweite Weltkrieg

So begann der Zweite Weltkrieg

Erich Brickmann, Dransfeld: Als Zehnjähriger mit der Familie 1940 nach Deutschland umgesiedelt... Vom Lager in Werdau (Sachsen) ging Vater freiwillig zur Wehrmacht, uns brachte man in ein anderes Lager nach Polen bei Litzmannstadt (Lodz). Mit der Straßenbahn fuhren wir mitten durch ein Judenghetto. Die Menschen mit dem gelben Judenstern am Arm sahen verhungert aus. Dieses Bild habe ich jahrzehntelang nicht vergessen.

Der 8. Mai 1945 war für die Sieger ein Jubeltag, es wurde auf nichts Rücksicht genommen, die Frauen wurden vergewaltigt im Beisein von uns Jungens... Die Russen zwangen uns Buben trotz Einspruchs unserer Mutter zu Demontagearbeiten und zum Kühe treiben. Ich konnte den Aufsehern in Neustrelitz entkommen. Auf Umwegen schlich ich nach Hause.

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Renate Ramos: Das Brummen der Bomber, die nachts in Richtung Berlin flogen, hat mich schon als Kind in wache Angststunden versetzt. Ganz schlimm war auch die Panik, die wir Kinder hatten, wenn abgeworfene Benzinkanister um uns herunter fielen.

Ich habe die furchtbare Angst und Verfolgung der Frauen mitbekommen: Meine Mutter war mit uns drei Kindern in einem Bett und wurde vergewaltigt ...

In diesen schlimmen Tagen vor dem 8. Mai wurde ein russischer Soldat in unserer Gegend getötet, dafür sollten alle deutschen Männer büßen. Mein Onkel wurde vor unseren Augen von drei Soldaten mit Gewehren erschlagen und in den See geworfen.

Eine weitere besonders lähmende Todeserinnerung ist, als ein Soldat uns alle aufforderte, an einer Gebäudewand in Reihe zu stehen, um uns zu erschießen, nachdem er keine Uhren bekommen hatte, die ja niemand mehr hatte. Ich konnte nicht verstehen, dass meine Angehörigen so unbewegt dastanden und machte einen Sprung aus der Reihe und schrie aus Leibeskräften, der Urin lief an mir runter... Weitere Erinnerungen verließen mich. Jedenfalls haben wir überlebt. Es wurde nie über all die Geschehnisse gesprochen. Betäubte Sinne schließen Gefühle aus.

Inge Dornemann, Fuldatal-Rothwesten: Weihnachten 1945: Der Flüchtlingstreck hatte uns ein halbes Jahr zuvor in den kleinen Ort Leimbach in der Schwalm verschlagen. Ich war gerade vier Jahre alt geworden. Das Gutsehepaar hatte ein Kind, den vierjährigen Heinrich, der sagte, dass alle Waffeln für ihn seien. Er wusste nicht, wie er mit diesem Satz das so verletzliche Herz brach. Auch seine Eltern machten keine Anstalten, mir eine Waffel anzubieten.

Ich rannte die Treppe hinauf, warf mich aufs Bett und weinte. Da legte mir meine Mutti etwas in den Arm, und ich konnte es kaum glauben. Eine Puppe, die sie aus alten Strümpfen hergestellt hatte, mit einem gestrickten Gesicht, langen Zöpfen aus Wollresten und einem selbstgestrickten Kleid. Was dagegen waren die Waffeln, die einfach so weggegessen wurden. Ich wusste, ich war reicher als der wohlhabende Junge unter uns.

Erich Malkmes, Bad Hersfeld: Tatsache ist, dass meine Mutter im Jahre 1946 mit ihrer Mutter aus Ungarn vertrieben wurde und im Kreis Hersfeld im schönen Hessenland landete. Hier lernte sie dann meinen Vater kennen und aus dieser Verbindung bin ich entstanden. Muss ich heute noch dem „Adolf“ dankbar sein, weil es mich ohne seinen Weltkrieg gar nicht gäbe, fragt sich Malkmes gelegentlich.

Der letzte Teil von „Unsere Mütter, unsere Väter“ läuft am Mittwoch um 20.15 Uhr im ZDF.

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