Werk Kassel in Baunatal gut ausgelastet

Weniger Leiharbeiter? VW-Vorstandschef Winterkorn deutet erste Sparpläne an

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Volkswagen setzt bei der Kernmarke VW auf renditestarke Produkte: VW-Mitarbeiterin Angela Knoke montiert im Werk Kassel in Baunatal einen Radsatz auf ein Getriebe.

Baunatal/Wolfsburg. Drei Monate nach der Ankündigung die Kosten bis 2017 um fünf Milliarden Euro bei der Kernmarke Volkswagen zu drücken, haben Unternehmensspitze und Betriebsrat erste Ansätze für einen Renditeschub präsentiert.

Der Wolfsburger Autokonzern werde zwar „kein Stammpersonal abbauen“, denn er wachse und könne deshalb, wenn die Produktivität steigt, mit derselben Mannschaft mehr Autos bauen. „Vielleicht werden wir weniger Leiharbeiter einsetzen“, sagte VW-Konzernchef Martin Winterkorn (67). Im VW-Werk Kassel in Baunatal beschäftigt der Autobauer 14 800 feste Mitarbeiter und 1800 Zeitarbeiter (Stand Juni).

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Winterkorn kündigte an, VW-Pkw werde „keine Sonderausstattung mehr anbieten, die in weniger als fünf Prozent der Autos eingebaut wird“. Auf dem Prüfstand steht auch die hohe interne Leistung bei der Zulieferung an Konzerntöchter wie Skoda oder Audi. Mit Ansätzen wie diesen will VW dafür sorgen, dass die Abläufe von Forschung und Einkauf über die Produktion bis zur Organisation in Verkauf und Service stärker aus einem Guss sind. Konzernbetriebsrat Bernd Osterloh (58) sieht die Notwendigkeit: „Wir müssen schauen, dass wir die Autos mit einer vernünftigen Rendite auf die Straße bringen.“

Der Plan für mehr Effizienz

Mit dem Effizienzprogramm soll die Rendite – das Betriebsergebnis im Verhältnis zum Umsatz – der Marke Volkswagen verbessert werden. Zuletzt lag sie bei knapp zwei Prozent. 2017 soll sich die Rendite verdreifacht haben. Erreicht werden soll das Ziel nicht durch stumpfes Sparen oder Personalabbau, sondern durch die Verbesserung der Prozesse in der Produktion. Dazu gehört: weniger Ausschuss, weniger Nacharbeit, weniger Verschwendung, weniger Qualitätsmängel. All dies treibt die Kosten nach oben und schmälert die Rendite.

Beispiele, um zu sparen, finden sich etliche – 400 Seiten füllen die Vorschläge der Mitarbeiter. Öffentlich sind sie nicht. Im aktuellen Spiegel nannte Winterkorn das Beispiel der 156 Lenkradvarianten der Marke VW: „Manche unterscheiden sich nur dadurch, dass das Leder mit einem grauen und einmal mit einem roten Faden genäht wird.“ Das erhöht die Einkaufskosten, macht die Montage und die Lagerung teurer.

Hartnäckig hält sich im Umfeld des VW-Werkes Kassel die Meldung, dass zum Start des Baukastensystems, mit dem der Konzern Geld sparen wollte, neun Varianten der Abgasanlagen geplant waren – mittlerweile sollen es 34 geworden sein. Carsten Bätzold (48), Vorsitzender des Betriebsrates im Werk Kassel, will dies weder bestätigen noch dementieren.

In der Mitarbeiterzeitung des Werks Kassel in Baunatal nimmt Werkleiter Falko Rudolph (49) den Umgang mit Fehlern aufs Korn. Diese müssen „in den Prozessen systematisch erfasst und zügig abgestellt werden.“ Und: „Qualität vor Quantität.“ Gestern war Rudolph für ein Gespräch nicht zu erreichen. Dabei soll sich die Fehlerquote in den vergangenen sechs Jahren am Standort bereits um die Hälfte reduziert haben – konkrete Zahlen werden nicht genannt.

VW-Vorstandsvorsitzender Martin Winterkorn (67).

„Wir haben keine Krise. Es geht einzig darum, bei dem künftigen Weg klug gegenzusteuern. Dabei geht es auch um Beschäftigungssicherung.“

Aus Sicht des Betriebsrates Bätzold steckt Volkswagen in keiner Krise. „Es geht einzig darum, bei dem künftigen Weg klug gegenzusteuern. Dabei geht es auch um Beschäftigungssicherung.“ Aus seiner Sicht gehe es darum, die Verbesserungsmöglichkeiten in der Produktion zu heben, die Komplexität und die Variantenvielfalt zu reduzieren und das Berichtswesen zu verschlanken.

Bis Ende Dezember wird der Standort im Gesamtjahr 1000 Zeitarbeiter, die dann 36 Monate im Werk gearbeitet haben, in feste Stellen übernommen haben. 600 Jobs wurden bereits umgewandelt, bestätigte Bätzold. Im kommenden Jahr hätte der Standort nach derzeitigem Stand dann 1200 Zeitarbeiter, 500 von ihnen würden die 36-Monats-Grenze erreichen. Aktuell ist das Werk gut ausgelastet. Über alle Bereiche werden 16 bis 18 Schichten gefahren, in einzelnen Abteilungen – wie der Instandsetzung – sind es 21 Schichten.

Schwierige Ausgangssituation

• VW wächst schnell: Rund zehn Millionen Fahrzeuge der Marken Volkswagen, Audi, Porsche, Skoda, Seat, Bentley, Lamborghini, Bugatti, Scania und MAN sollen bereits in diesem Jahr ausgeliefert werden. Ursprünglich sollte die 10-Millionen-Marke 2018 geknackt werden. Von Januar bis September wurden 7,4 Millionen Fahrzeuge ausgeliefert. Im ersten Halbjahr lag der Umsatz bei 98,8 Milliarden Euro, das Ergebnis vor Steuern stieg auf 7,8 Milliarden Euro.

• Die Entwicklungskosten sind seit 2010 um rund 80 Prozent gestiegen, die Produktivität ist deutlich niedriger als bei der Konkurrenz. In der FAZ macht Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh dafür die zu komplizierten Strukturen, Abläufe und Entwicklungsprozesse verantwortlich.

• In wichtigen Märkten ist die Nachfrage weggebrochen. Der Absatz in den USA, Brasilien, Russland und Indien sinkt. Hinzu kommen Währungsschwankungen. Einzig in China, wo VW rund ein Drittel seiner Fahrzeuge absetzt, läuft das Geschäft. Aufgrund der Konstruktion als Gemeinschaftsunternehmen fließen die Gewinne ins Finanzergebnis des Konzerns und tauchen nicht bei VW auf. Der Konzern ist gewachsen, beschäftigt weltweit 572 000 Mitarbeiter. In Europa hatten die Pkw-Neuanmeldungen mit 1,1 Millionen Fahrzeugen im Mai den niedrigsten Stand seit 20 Jahren.

• Nach wie vor fällt der Löwenanteil der Entwicklungskosten bei Volkswagen an. Die Töchter wie Audi, Skoda, Seat und so weiter profitieren von den günstigen Produkten.

• Die reduzierten CO2-Werte sind für alle Autokonzerne eine Herausforderung. Um die Vorgaben für den Flottenwert zu erreichen, müssen die Konzerne auf Hybrid- und e-Antriebe setzen, auch wenn sie damit nichts verdienen.

Von Martina Hummel

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