Wenn Eier und Tomaten fliegen - Politiker, die beworfen werden

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Christian Wulff

Dieser Mann hat ein besonderes Faible für Bundespräsidenten: Beim Antrittsbesuch von Christian Wulff in Hessen hat Adrian V. (48) , Ingenieur aus Offenbach, bereits zum dritten Mal einen Amtsinhaber attackiert und dem Präsidenten ein rohes Ei ans Jackett geworfen.

Der Mann ist kein Unbekannter. Schon 2002 hatte er Johannes Rau mit einem Stapel kopierter Zeitungsartikel beworfen, 2007 stürzte er sich wegen angeblicher Mietstreitigkeiten auf Amtsnachfolger Horst Köhler, als dieser sich nach einem Festakt auf dem Weg in die Frankfurter Paulskirche befand. (Wir berichteten)

War der Offenbacher 2007 noch mit ein paar Sozialstunden davon gekommen, wird jetzt wegen Beleidigung und versuchter Körperverletzung gegen ihn ermittelt. Mit seinem Eierwurf setzt Adrian V. eine Tradition politischer Protestkultur fort - auch wenn er selbst wohl kaum eine Botschaft mit seinen Aktionen transportieren wollte.

Anders als die Demonstranten, die 1991 Helmut Kohl vor dem Stadthaus in Halle an der Saale mit Tomaten und Eiern bewarfen. Sie wollten den Altkanzler unsanft an sein Versprechen erinnern, nach der Wende „blühende Landschaften“ in Ostdeutschland zu schaffen - daran glaubten ein Jahr nach der Einheit viele nicht mehr. Erbost ging der Altkanzler auf die Demonstranten los, seine Leibwächter versuchten, die Situation zu entschärfen.

Auch Joschka Fischer traf es 1999 auf dem Sonderparteitag der Grünen zum Einsatz im Kosovo. Mit voller Wucht warf ein Demonstrant einen Farbeutel auf das Ohr des Außenministers, Fischer trug einen Trommelfell-Riss davon. Die Bilder gingen um die Welt. Die Folge für den jungen Mann, der gegen Deutschlands militärische Beteiligung am Kosovo-Krieg protestieren wollte, war eine Geldstrafe von 3600 Euro.

Auch bei amerikanischen Politikern gab es ähnliche Zwischenfälle: Im Dezember 2008 wurde US-Präsident George Bush bei einer Pressekonferenz wegen des Irakkriegs von einem irakischen Fernsehjournalisten mit einem Schuh beworfen, was in der arabischen Welt als Zeichen der Verachtung gilt. Vier Wochen bevor die Amtszeit des Präsidenten endete, quittierte Muntaser el Saidi seine Attacke mit den Worten: „Dein Abschiedskuss, du Hund.“ Der heute 30-Jährige wurde festgenommen und nach einigen Monaten Haft vorzeitig freigelassen. Seine Landsleute feierten den Journalisten als Helden. (dow)

Kommentar von Kristin Dowe

Eier, Tomaten, Farbeutel: Wenn es um medienwirksamen Protest gegen die politische Klasse geht, sind Demonstranten nicht gerade zimperlich. Das zeigt ein Blick in die Geschichte. Im Fall des gänzlich unpolitischen Wiederholungstäters Adrian V., der zuletzt Bundespräsident Christian Wulff mit Eiern beworfen hatte, muss gefragt werden, wie oft dieser Mann noch ungestraft Politiker mit solchen Aktionen belästigen darf. Zumal es wohl nicht das letzte Ei gewesen sein wird, das den feinen Zwirn eines Politiker-Jacketts trifft. Das sind Kollateralschäden der Demokratie: Wer im Fokus der Öffentlichkeit steht und Politik macht, hat Gegner. Wer sich bürgernah unters Volk mischt, begibt sich in Gefahr. Widerspruch und Protest sind Ausdruck einer funktionierenden Demokratie. Und dennoch: Der Anspruch auf Menschenwürde gilt auch für unsere Volksvertreter. Ebenso wie die die profane Erkenntnis, dass mit Rührei und Tomatenmatsch noch keine Konflikte gelöst wurden.

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