Geburtstagsständchen für die Kanzlerin

Wenn einer singt und alles guckt: ZDF-Studioleiter trällerte für Merkel

Das hätte die Bundeskanzlerin nach dem Sondergipfel der EU-Staats- und Regierungschefs am Donnerstag in Brüssel wohl nicht erwartet. Gegen zwei Uhr morgens, Angela Merkels 60. Geburtstag hatte begonnen, hob ZDF-Studioleiter Udo Van Kampen in der ersten Reihe der Auslandskorrespondenten nach kurzer Vorrede „Happy Birthday“ zu singen an.

Immerhin war der Mann (65) mal Schlagzeuger der Band „Moodies“. Nur: Jetzt sang keiner mit, einer tat als ob, andere blickten betreten. Merkel sagte danach: „Hätt’ ich mitsingen müssen, ne? Dann wär’s besser geworden.“ Aber sie bedankte sich auch für diesen „ersten Gesang zu meinem heutigen Geburtstag.“

Etwas weniger einfühlsam äußerte sich kurz darauf Frankreichs Präsident über den Auftritt Van Kampens. Man habe Clameur gehört. Clameur, das heißt auf deutsch: Geschrei.

Fünf Gründe, warum wir das peinlich finden – und fünf, warum nicht

• Peinlich ist das,

... weil eine Pressekonferenz nun einmal keine Party ist, auch nicht morgens um zwei Uhr in Brüssel.

... weil Journalisten sich nicht gemein machen sollten mit Politikern. Wie sagte doch der unvergessene Tagesthemen-Moderator Hanns Joachim Friedrichs (1927-95): Ein Journalist sollte immer dabei sein, aber nie dazugehören.

... weil man zwar gut in der ersten Reihe sitzen kann. Aber deswegen sollte man nicht glauben, dass die Leute dahinter meinen, das hätte für sie irgendeine Bedeutung.

... weil Gefühlsregungen in der Politik ungefähr so passend sind wie Schwimmflügel an einem Maulwurf.

... und weil die Bundeskanzlerin sicher auch schon ohne Udo Van Kampen genügend Freunde hat, die ihr gratulieren.

• Gar nicht peinlich ist das,

... weil man sich auch mal zugestehen kann, dass man Mensch ist und das Menschliche sieht – erst recht, wenn alle bis zwei Uhr morgens durchgearbeitet haben.

... weil Singen an sich nicht spießig ist, sondern besser als alle Reden Gemeinsamkeit zum Ausdruck bringen kann. In diesem Fall: Glückwunsch zum Geburtstag der Kanzlerin. Da kann sich ja wohl jeder anschließen.

... weil man sich nur den Gaucho-Tanz eines Teils unserer Nationalelf anschauen muss, um zu wissen: Schlimmer geht immer.

... weil Gefühlsregungen in der Politik in Wirklichkeit entscheidend sind. Alles andere ist blanke Theorie.

... weil man in Wirklichkeit ja gar nicht sagen kann, dass keiner mitgesungen hat. Van Kampen hatte als einziger ein Mikro in der Hand. Vielleicht lag’s daran.

Übrigens: Historisches Vorbild für alle Happy-Birthday-Sänger ist Marilyn Monroes Auftritt am 19. Mai 1962 bei US-Präsident John F. Kennedys Geburtstag:

Von Tibor Pézsa

Rubriklistenbild: © dpa

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