Wenn wir Griechen wären - ein Gedankenspiel

Griechenlands Regierungschef Tsipras und Kanzlerin Merkel bei einer Pressekonferenz im März. Im griechischen Schuldendrama läuft die Zeit. Foto: dpa

Wie schmerzhaft die Entscheidungen sind, die dem Parlament in Athen und den Menschen jetzt abverlangt werden, wird deutlich, wenn man sie  auf Deutschland überträgt.

Der Privatisierungsfonds 

50 Milliarden Euro soll er umfassen, das sind 20 Prozent des griechischen Bruttoinlandsprodukts. Für Deutschland wären das 740 Milliarden Euro. Die Bahn würde komplett privatisiert und bald wohl Strecken stilllegen. Die Staatsanteile am Frankfurter und Münchener Flughafen müssten verkauft werden, ebenso die am neuen Berliner Großflughafen, für den man jedoch wahrscheinlich nicht viel bekäme. Wenn es nicht reicht, würden die Gläubiger auch die vielen Stadtwerke beschlagnahmen und veräußern, vielleicht auch die Anteile am Hamburger Hafen. Natürlich auch alle Schlösser und Museen, wir haben kaum Inseln. Und die Einnahmen? Auf die hielte Brüssel die Hand.

Die Mehrwertsteuerreform

Ohne längere Debatten, schon heute, müsste der Bundestag beschließen, dass fast auf alle Produkte 23 Prozent erhoben wird. Die verminderte so genannte Hotel-Steuer wäre Geschichte; da könnte Horst Seehofer noch so toben. Nur für Lebensmittel und Bücher dürfte weiter der reduzierte Satz von sieben Prozent (in Griechenland 13 Prozent) genommen werden. Tiernahrung, Brennholz, Nahverkehr und vieles andere würde sofort teurer, aber auch Prothesen und Rollstühle. Finanzminister Hans Eichel hat sich 2002 übrigens mal an die Ermäßigung für Schnittblumen herangewagt und sich schwer geschnitten; sein Nachnachfolger Wolfgang Schäuble, der Athen gegenüber an dieser Stelle so mutig ist, hat lieber gleich die Finger davon gelassen.

Rentenreform 

Das wäre hier vergleichsweise harmlos, denn Deutschland hat die Rente mit 67 schon. Aber mit welchem Widerstand! Neue Proteste würde es wohl geben, weil armen Rentnern die Grundsicherung gestrichen würde. Das nämlich soll in Griechenland mit dem Fortfall der „Solidaritätszulage“ ab 2019 geschehen. Übrigens: 44 Prozent der griechischen Rentner fallen in die Kategorie Arme.

Verteidigungsausgaben. Ursula von der Leyen könnte ihre Ambitionen vergessen. Ihr Etat würde um zwei Milliarden Euro (sieben Prozent) verringert. Keine Kampfdrohne, keine Sold-Erhöhung, also auch keine Erfolgsministerin.

Deregulierung 

Der Apothekenmarkt würde liberalisiert; auch Supermärkte dürften rezeptfreie Medikamente verkaufen. Die FDP könnte nur noch „Ochi“ (Nein) rufen. Die Union wiederum müsste schlucken, dass Geschäfte auch sonntags verkaufen, Kirche hin oder her. So genannte „geschlossene Berufe“, die der Staat mit Vorschriften künstlich vor Konkurrenz schützt wie etwa Fährleute, sollen geöffnet werden. Das hieße in Deutschland: Meisterzwang und Standesrecht fallen auf breiter Front. Und die Taxifahrer müssten mit der Konkurrenz von Uber leben.

Arbeitsmarkt

Entlassungen, auch Massenentlassungen, würden leichter möglich, und dann würde sich vielleicht auch Deutschland bald der griechischen Arbeitslosigkeit von 25 Prozent annähern. Auch der öffentliche Dienst würde nicht verschont. Er ist mit einem Anteil von rund zehn Prozent an allen Beschäftigten in Deutschland genauso hoch wie in Griechenland, das man immer deswegen anklagt. Während man dort in den letzten Jahren schon jeden Dritten entlassen und die Gehälter gekürzt hat, stünde das hier nun bevor (das wären rund 1,5 Millionen Jobs). Ach übrigens: Wer auf der Straße steht, bekäme dann wie in Griechenland kein Hartz IV und keine Sozialhilfe. Wozu hat man denn einen gut verdienenden Rentner in der Familie!

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