Neurologe im Interview

Wenn der Schmerz chronisch wird: "Hauptauslöser sind Depressionen"

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Gut 2,8 Millionen Menschen leiden unter schweren chronischen Schmerzen - laut Schmerzmedizinern werden die meisten aber nicht optimal versorgt. Neurologe Andreas Böger sieht bei chronischen Schmerzen einen großen psychischen Anteil:

Wann sind Schmerzen chronisch? 

Andreas Böger: Akute Schmerzen sind eine unangenehme Empfindungsstörung, die auf einen Missstand im Körper hinweist. Bei Patienten mit chronischen Schmerzen bleibt der Schmerz längere Zeit bestehen – in der Fachliteratur spricht man ab drei Monaten von einer Chronifizierung. Zudem ist keine eindeutige Ursache mehr zu erkennen, oder die Ursache wird behoben, aber der Schmerz bleibt. Chronische Schmerzen haben ihre Warnfunktion verloren und sind eine eigenständige Krankheit.

Woher rühren sie? 

Böger: Meistens sind es Rücken-, Kopf- und Nervenschmerzen. Die Ursachen sind körperlicher und psychischer Natur. Häufig geht es mit etwas Körperlichem los und dann gibt es Faktoren, die das chronifizieren. Die sind häufig seelisch. Hauptauslöser sind Depressionen, auch Mobbing am Arbeitsplatz ist typisch. Es ist also nicht der falsche Stuhl oder die falsche Matratze, sondern meistens das Seelische, das Schmerzen chronifiziert.

Wie werden chronische Schmerzen diagnostiziert?  Böger: Der Patient wird körperlich und psychisch untersucht und die Vorgeschichte erfragt. Dann versuchen wir, ein Gesamtkonzept für ihn zu entwickeln. Einige Patienten bringen Röntgenbilder mit, die die Schmerzen nicht erklären. Darauf sollte man nicht vertrauen, denn der Zusammenhang zwischen Bildern und Schmerzen ist nicht gut.

Wie werden sie behandelt?  Böger: In die Therapie fließen aktivierende physiotherapeutische sowie psychotherapeutische Anteile ein. Sie kann aber auch Medikamente oder Injektionen beinhalten. Der Goldstandard bei chronischen Schmerzen ist nicht eine Einzelmaßnahme, sondern ein Gesamtkonzept. Das nennen wir Multimodale Schmerztherapie. Dabei arbeiten Ärzte, Psychologen und Physiotherapeuten in enger Absprache zusammen.

Wie groß ist die Chance auf Heilung? 

Böger: Mehr als 50 Prozent der Patienten können an den Arbeitsplatz zurückkehren. Problematisch ist, dass es zu wenig Schmerzmediziner für zu viele Patienten gibt. Die Wartezeiten sind lang, und viele Betroffene kommen erst sehr spät oder gar nicht beim Schmerztherapeuten an.

Wirken Schmerzmittel? 

Böger: Ja, aber es kommt auf die Schmerzqualität an. Bei Nervenschmerzen können Sie so viel Ibuprofen oder Paracetamol schlucken, wie sie wollen – das wird nie besser. Problematisch ist, dass durch die verstärkte Einnahme von Schmerzmitteln Organe geschädigt werden können – vor allem Niere, Leber und Magen. Das wissen viele Patienten nicht. Bei Kopfschmerzen kann eine übermäßige Einnahme die Beschwerden sogar verschlimmern. Wenn Sie an mehr als zehn Tagen im Monat ein Akut-Präparat wie Thomapyrin, Ibuprofen oder Aspirin nehmen, bekommen Sie einen Medikamenten-Übergebrauch-Kopfschmerz.

An wen sollten sich Betroffene wenden? 

Böger: Der erste Kontakt sollte der Hausarzt sein. Wenn man dann schon beim Orthopäden und Neurologen war und das Gefühl hat, es geht nicht wirklich voran, sollte man den Hausarzt gezielt auf eine Überweisung zum Schmerztherapeuten ansprechen.

Wie kann man vorsorgen?  Böger: Da ist das Stichwort immer Achtsamkeit. Das heißt, dass man schaut, wie man lebt, dass man nicht zu viel Stress hat, dass man einen Ausgleich schafft, dass man aktiv ist. Sport treiben, Freundschaften pflegen, Freude an der Arbeit haben – das ist eine gute Prophylaxe.

Zur Person:

Chefarzt Dr. Andreas Böger (46) leitet die Klinik für Schmerzmedizin des Roten Kreuz Krankenhauses Kassel und das MVZ/Schmerzzentrum Kassel. Der gebürtige Paderborner studierte Medizin an der Philipps-Universität Marburg. Er ist Facharzt für Neurologie sowie für Psychiatrie und Psychotherapie. Böger lebt mit seiner Frau und den gemeinsamen drei Kindern in Kassel.

Hilfe für Betroffene:

Das Schmerztelefon der Deutschen Schmerzlifa ist montags, mittwochs und freitags (jeweils von 9-12 Uhr) erreichbar. Telefon: 06171 / 2860-53

Lesen Sie dazu auch:

- Kommentar zur Versorgung von Schmerzpatienten

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