Erinnerung an ein Leben an der Mauer: Wenn die Vopos kommen, sei still

Chefreporter Frank Thonicke beschreibt, wie es war, als West-Berliner an der Mauer aufzuwachsen.

Vorweg: Als die Mauer gebaut wurde, war ich sechseinhalb Jahre alt. Dass das welt-erschütternde Ereignis Mauer-Bau für mich eine dramatische Erinnerung darstellt, kann ich nicht sagen. Oma hatte einen Schrebergarten in Britz, am Teltowkanal. Die Laubenpiepe stand am westlichen Ufer. Drüben war Ost-Berlin, waren die Russen und die Grenzer. Wir Kinder spielten also am Kanal unter ständiger Beobachtung. Das war uns egal, weil es irgendwie normal war. Nur, ins Wasser traute man sich denn doch nicht. Da angelten wir lieber - ohne Erlaubnis, aber das störte auch niemanden. Aufregend waren nur die farbigen US-Soldaten, die am Kanalweg mit ihren Jeeps und mit Maschinen-Gewehren Patrouille fuhren. Wir wussten: Das sind unsere Freunde. Die Eltern hatten es einem lange genug erklärt. Und so fuhren wir auch einmal im Jahr begeistert nach Dahlem zum deutsch-amerikanischen Volksfest. Da konnte man so exotische Sachen wie Hamburger essen.

Nein, die Mauer war für einen Berliner Jungen in der 60er-Jahren keine große Sache. Okay, wenn wir nach Westdeutschland fuhren (Bundesrepublik sagte kein West-Berliner), dann war das immer ein Abenteuer. Stundenlanges Schlangestehen nach Passierscheinen, was Vater immer tat. Wir saßen geduldig im VW-Käfer. Ich hatte immer Mutters Ermahnung im Ohr: Wenn die Vopos kommen, sei still. Dann das mysteriöse Verschwinden der Ausweise in den Förderbändern am Kontrollpunkt. Die Aufforderung, die später langen Haare hinters Ohr zu streichen, der immer sächsische Dialekt der Grenzer (Berliner wurden nie an der Berliner Grenze eingesetzt), die Angst, zur Leibesvisitation oder näheren Untersuchung des Autos rausgewinkt zu werden. Und das Wissen, rund 180 Kilometer weiter vor Helmstedt nochmal die gleiche Prozedur ertragen zu müssen - daran erinnere ich mich noch gut.

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