Er fordert Obergrenze für populistische Sprüche in der Politik

Früherer EKD-Chef Schneider: „Wer fastet, zeigt auch Haltung“

Berlin. Mit dem heutigen Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit, ein alter christlicher Brauch. 40 Tage Verzicht – nach Ansicht des ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, ist dies aktuell wie nie.

Herr Schneider, nehmen die Menschen die Fastenzeit heute noch ernst?

Nikolaus Schneider: Es gibt viele, die das tun. Sie verzichten auf Dinge oder Verhaltensweisen, um eines Zieles willen, das für sie Bedeutung hat. Damit hat das Fasten auch eine säkulare Funktion, also eine ohne unmittelbaren religiösen Bezug. Es gibt Menschen, die fasten zur Förderung ihrer Gesundheit. Was gar nicht falsch ist.

Wo liegt dann der Unterschied zu den guten Vorsätzen beispielsweise in der Silvesternacht? 

Schneider: Fasten führt dazu, dass Glaube und religiöse Vorstellung eine Dimension körperlichen Erlebens haben. Wer bereit ist, sich in dieser Form mit dem Fasten auseinanderzusetzen, ist auch bereit, sich selber stärker zu binden. Das führt dann zu einer ganz anderen Nachhaltigkeit.

Aber spielt die Religion noch eine bedeutende Rolle? 

Schneider: Oftmals ist es nur noch eine sehr abgeleitete Rolle. Und zwar in dem Sinne, dass man sagt, mein Verzicht heißt, dass andere etwas mehr zum Leben haben. Das hat lange Tradition: Schon die alten Mönche haben die Fastenzeit dazu genutzt, um die ersparten Lebensmittel an Arme zu verteilen. Das Fasten hat also auch eine soziale Komponente. Und in der ökumenischen Bewegung gibt es ja die Ethik des Genug. Die einen sollen genug zum Leben haben, die anderen sollen es sich genug sein lassen. Das gehört zur religiösen Dimension dazu.

Damit ist zugleich eine politische Dimension benannt. 

Schneider: Absolut. Das Motto der diesjährigen Fastenaktion der Evangelischen Kirche Deutschlands heißt nicht umsonst sieben Wochen ohne Engherzigkeit. Wer fastet, zeigt auch eine Haltung. Und mit der können wir Flüchtlingen begegnen. Das verändert dann auch uns, unser politisches Klima und das Miteinander der Menschen in unserem Land.

Machen Sie sich Sorgen um den Zusammenhalt der Gesellschaft? 

Schneider: Der ist wackelig. Es kann einem wirklich Anlass zur Sorge geben, dass Menschen sich radikalisieren oder zu Egoismus treiben lassen. Es wäre gut, wenn wir auch darauf verzichten würden, Sündenböcke zu suchen. Und ebenso wäre es ein guter Verzicht, wenn es eine Obergrenze für populistische Sprüche in der Politik geben würde. Das täte uns allen sehr gut.

Muss es in der modernen Welt nicht auch neue Formen des Fastens geben? 

Schneider: Ja. Verzicht ist für eine moderne Gesellschaft sehr aktuell. Zum Beispiel aufs Handy, auf Fleisch, aufs Autofahren. Wenn man nach der Bedeutung gewisser Dinge für die Menschen fragt, dann muss man das Fasten heute wohl so breit anlegen.

Nikolaus Schneider (68) war von 2010 bis 2014 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit 23,9 Millionen Protestanten. Er studierte Theologie und Volkswirtschaft in Göttingen, Wuppertal und Münster. Schneider ist verheiratet und hat drei Töchter. Vom Amt des EKD-Chefs trat er wegen einer Krebserkrankung seiner Frau zurück.

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