Die Serie in einem Stück

Werner Kolhoffs Mauerfall-Tagebuch

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Der Mauerfall am 9. November 1989 war ein historischer Glücksfall - und kam dennoch nicht völlig überraschend. Unser Berliner Korrespondent Werner Kolhoff war damals Sprecher des (West-)Berliner Senats und Vertrauter des Regierenden Bürgermeisters Walter Momper (SPD).

In dieser Serie schildert er in Form eines Tagesbuches wie sich die Stadt auf die historische Umwälzung vorbereitete und sie erlebte. Bis zu jener Nacht, in der das deutsche Volk, so Momper damals, „das glücklichste Volk der Welt“ war.

29. Oktober 1989, Sonntag: Ankündigung im Rosensalon

„Wir machen ein Reisegesetz, das seinen Namen verdient. Es wird Reisefreiheit geben.“ Dieser Satz aus dem Mund eines hohen SED-Funktionärs verändert für uns die Welt. Schon Tage vor dem 9. November 1989. Günter Schabowski ist nicht irgendwer. Er ist Bezirksekretär der SED in Ost-Berlin und der starke Mann hinter dem neuen Parteichef Egon Krenz, den die meisten als „Wendehals“ empfinden. Schabowski kämpft für die Rettung eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Gerade kommt er vom Ost-Berliner Roten Rathaus, wo er sich einer „Sonntagsdemonstration“ gestellt hat. Er hat beteuert, dass die neue Führung es ernst meine mit den Reformen. Aber er ist ausgepfiffen worden.

Walter Momper trifft Schabowski im Palast-Hotel, nahe am Berliner Alexanderplatz. Rosensalon heißt der Raum, es gibt Kaffee und Kuchen. Es ist ein informeller Termin, die Medien wissen nichts. Manfred Stolpe hat ihn arrangiert. In der Ferne können wir die Demonstranten noch hören. Er wisse, sagt Schabowski, dass die Mauer die Leute auf Dauer nicht im Land halten könne. Wenn die Reisefreiheit komme, würden sicher 100.000 bis 150.000 DDR-Bürger im Westen bleiben, „aber das muss man in Kauf nehmen“. Wann, fragt Momper. „Vielleicht schon bis zum 1. Dezember“, antwortet Schabowski. An diesem Sonntag hat sich der Regierende Bürgermeister von (West-)Berlin zum ersten Mal nicht mehr um die diplomatischen Gepflogenheiten gekümmert und ist einfach unangemeldet nach Ost-Berlin gefahren. Vor dem Termin mit Schabowski treffen wir die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley. Ein Dutzend Vertreter der Opposition wartet in ihrer Altbauwohnung auf den Besucher aus dem Westen. Flugblätter, Kaffeetassen, Bücher, Farbtöpfe, ein wildes Durcheinander. Das Gespräch dreht sich um die Lage seit dem Rücktritt Erich Honeckers vor zwei Wochen, um die Demonstrationen und um die Zukunft. Ein Runder Tisch muss gebildet werden, das ist die Idee der Versammelten. Noch sehr vage. Egon Krenz traut keiner. Draußen filmt die Stasi, versteckt in einem Bauwagen.

Am Abend sind wir in der Gethsemanekirche beim Konzert anlässlich des Reformationsjubiläums. Das Gotteshaus ist zum zentralen Wallfahrtsort der Bürgerbewegung geworden, seit hier am 7. Oktober, beim 40. Jahrestag der DDR, die Demonstranten zusammengeprügelt wurden. Es ist jetzt brechend voll. Als Walter Momper eintrifft, gibt es Beifall. Auf dem Rückweg ins Rathaus Schöneberg diskutieren wir, was jetzt zu tun ist. Reisefreiheit! Das bedeutet, hunderttausende von Menschen werden bald nach West-Berlin kommen. Die Mauer wird keine Bedeutung mehr haben, wenn sie überhaupt bleibt. Wie viele Leute werden für immer ihr Land verlassen wollen? Wie transportieren wir die Menschenmassen? Wie geben wir ihnen Informationen und Hilfe? Wie werden die West-Berliner reagieren? Wir müssen das alles organisieren. Sofort.

30. Oktober 1989, Montag: Touristen ohne Geld

Die DDR-Presse hat über das gestrige Gespräch Walter Mompers mit SED-Bezirkssekretär Günter Schabowski nur sehr kryptisch berichtet. „Fragen der Beziehungen DDR-Berlin (West)“ seien erörtert worden, heißt es im SED-Deutsch. Mehr nicht. Wir wollen die neuen Machthaber in Ost-Berlin jedoch jetzt öffentlich festnageln. Wohl wissend, dass das alles drüben via Radio und Fernsehen wahrgenommen werden wird, informiere ich die Presse deshalb ausführlich über das Treffen. Vor allem darüber, dass Schabowski uns „echte Reisefreiheit“ für die DDR-Bürger bis Anfang Dezember zugesagt hat.

Ich rede auch davon, dass West-Berlin bald mit vielen „DDR-Touristen“ rechnen müsse. Das seltsame Wort hat einen Hintergrund. Schon seit über einem Jahr lässt Polen seine Bürger reisen. Seitdem sind Tausende aus dem Nachbarland in die Stadt gekommen. Am Potsdamer Platz, damals ein unbebautes Gelände, ist ein wilder Markt entstanden. Die Kritik daran ist immer lauter geworden, die Ausländerfeindlichkeit wächst. Viele Berliner, so sehr sie sich offene Grenzen wünschen, wollen ihre Folgen nicht wahrhaben.

Deshalb rede ich von „Touristen“. Wir wollen die Ängste eindämmen. Im Rathaus Schöneberg bereiten wir den ganzen Tag vor, was wir am nächsten Vormittag in der Senatssitzung beschließen werden: Die Einrichtung einer Arbeitsgruppe, die das erwartete Chaos in geordnete Bahnen lenken soll. Wir nennen sie betont harmlos „Projektgruppe zur Vorbereitung auf einen verstärkten Besucher- und Reiseverkehr aus Ost-Berlin und der DDR“. Offiziell reden wir davon, dass wir nach der Maueröffnung 100.000 bis 300.000 Besucher pro Wochenende erwarten. Intern rechnen wir mit 500.000. Tatsächlich werden es nach dem 9. November zwei Millionen sein. Wir definieren die Aufgaben. Das wichtigste ist der Verkehr. All die Leute müssen irgendwie nach West-Berlin und wieder raus kommen. Der Chef der Senatskanzlei, Dieter Schröder, aktualisiert eine Liste mit neuen Grenzübergängen, die kurzfristig errichtet werden könnten. Die Gesundheits- und Sozialverwaltung wird gebeten, Vorschläge zu machen, wie hilfebedürftige Personen und Flüchtlinge versorgt werden können. Und schließlich geht es ums Geld. Bisher zahlen die zwölf Bezirksrathäuser die 100 D-Mark Begrüßungsgeld an einreisende DDR-Bürger aus. Nur: Wenn Hunderttausende kommen, brauchen wir wohl viel mehr Zahlstellen, damit die Gäste ihren ersten Tag in Freiheit nicht in einer Warteschlange verbringen müssen. Schon in der letzten Woche haben wir dem Kanzleramt einen Brief geschrieben und vorgeschlagen, die Auszahlung direkt durch die Staatsbank der DDR vornehmen zu lassen. Bisher hat Bonn nicht geantwortet. Ich weise an diesem Montag gegenüber der Presse noch einmal auf diese Idee hin, denn hier bahnt sich ein Konflikt mit der Bundesregierung an. Schließlich legen wir fest, wer in der Arbeitsgruppe sitzen soll. Jörg Rommerskirchen, Staatssekretär für Wirtschaft, leitet sie. Ich vertrete den Regierenden Bürgermeister in der Runde. Am Abend gucke ich kurz in den „Schwarzen Kanal“ des DDR-Fernsehens. Der Agitator Karl-Eduard von Schnitzler verabschiedet sich vom Publikum. „Sudel-Ede“ ist abgesetzt worden. Ein ideologischer Mauerstein weniger.

31. Oktober 1989, Dienstag: Planung für den Tag X

Wir arbeiten auf Hochtouren, aber nicht hektisch. Noch haben wir ja Zeit, denken wir. Bis Anfang Dezember soll das neue Reisegesetz kommen, hat SED-Bezirkssekretär Schabowski gesagt. Außerdem gehen wir davon aus, dass es ein geregeltes Reiseverfahren geben wird. Kein wildes Stürmen der Mauer, wie es dann wenig später stattfindet.

Im Rathaus machen wir in verschiedenen Gruppen Gedankenspiele, was alles passieren kann. Der „worst case“, der schlimmste Fall, ist unser Szenario, nicht die glückliche Nacht, die es dann wurde. Flüchtlinge, Staus, Kranke, Vermisste. Darauf wollen wir vorbereitet sein. Am Morgen ist im Senat förmlich die Einsetzung der Arbeitsgruppe beschlossen worden, die alles planen soll. Mittwoch wird sie zum ersten Mal tagen. Mein Job ist die Information der Berliner. Zusammen mit einigen Mitarbeitern erstelle ich ein Konzept. Darin steht zum Beispiel, dass alle Haushalte 14 Tage vorher vom Regierenden Bürgermeister Walter Momper einen Brief erhalten sollen, um eine positive Einstellung bei ihnen zu wecken. Auch sehen wir „Abende der Begegnung“ vor und wollen den Kurfürstendamm für eine großes Volksfest sperren. All das, so wird sich später zeigen, ist überflüssig. Die West-Berliner werden am 9. November auch ohne mentale Vorbereitung viel freundlicher als erwartet auf die DDR-Bürger reagieren. Und Feste wird es an jeder Ecke spontan geben.

West-Berlin ist auf DDR-Karten ein weißer Fleck. Kein Ost-Bürger weiß, wo er im Zweifelsfall ein Krankenhaus findet oder wie er in die City kommt. West-Stadtpläne sind drüben verboten. Wir planen ein Informationsblatt, das in großer Auflage gedruckt und an den Grenzen ausgelegt werden soll. Mit Stadtplan, Notfalladressen, Anschriften von Museen und Einkaufszentren und vielem anderen mehr. Und natürlich einem Grußwort Walter Mompers. Das Verkehrsamt soll zusätzlich mit Informationsbussen überall in der Stadt präsent sein. Ein Pressezentrum für ausländische Journalisten wird vorbereitet. Sogar die Kosten für all das berechnen wir schon: 630 000 Mark. Wir beginnen mit Zeitungsredaktionen zu telefonieren und fragen sie, ob sie bereit sind, kurzfristig ein solches Produkt herzustellen. Die „Berliner Morgenpost“ sagt im Laufe der Woche zu und bildet bereits ein kleines Redaktionsteam, mit dem ich mich noch vor dem 9. November treffen werde.

Aber noch ist es mit der Reisefreiheit nicht so weit. Die neue SED-Führung ist verzweifelt bemüht, wieder Stabilität zu bekommen. Aus der Politbüro-Sitzung an diesem Dienstag wird berichtet, dass man den „Kurs der Erneuerung festigen“ wolle. Mehr Offenheit, mehr Beteiligung soll es geben, aber immer noch unter der Führung der SED. Der Entwurf eines Reisegesetzes sei besprochen und dem Ministerrat „zur weiteren Behandlung“ vorgelegt worden, heißt es ohne nähere Angaben. Und Egon Krenz meldet sich aus Moskau. Er sagt zur Frage einer Wiedervereinigung: Sozialismus und Kapitalismus seien auf deutschem Boden nie vereinigt gewesen. Außerdem seien die anderen Europäer wegen der Stabilität des Kontinents dagegen. „Und deshalb sehe ich keinen konkreten Tag voraus“.

1/2. November 1989, Mittwoch/Donnerstag: Ein System zerfällt

In Ost-Berlin hagelt es Rücktritte. Der Vorsitzende ders DDR-Gewerkschaftsbundes FDGB, Harry Tisch, stellt sein Amt zur Verfügung, ebenso der Chef der Ost-CDU, Gerald Götting, und der der NDPD, Heinrich Homann. Die Nachrichtenagentur ADN meldet im DDR-Jargon auch, dass „der Minister für Volksbildung“, Margot Honecker, „aus persönlichen Gründen“ um Entlassung gebeten hat. Der neue Ministerrat zeigt ungeahnte Offenheit. So ausführlich war ein Bericht von einer Regierungssitzung noch nie, wie ich ihn heute bei der DDR-Nachrichtenagentur lese, die wir im Rathaus Schöneberg ständig auswerten. Egon Krenz zelebriert seine Wende. Von einer „kritischen politisch-ökonomischen Lage“ ist die Rede, von zahlreichen „Aussprachen“, die die Regierung mit Arbeitskollektiven führe, vom Ausbau des „sozialistischen Rechtswesens“. Über das geplante neue Reisegesetz heißt es nur, dass es behandelt worden sei und „in den nächsten Tagen öffentlich zur Diskussion“ gestellt werde. Das klingt so, als bleibe es beim Inkrafttreten Anfang Dezember, wie uns angekündigt wurde.

Die alte DDR-Regierung zerfällt, und mit ihr das Land. 161.000 Ostdeutsche sind in diesem Jahr schon in die Bundesrepublik übergesiedelt. 100.000 mit offizieller Ausreisegenehmigung. Die anderen illegal über die ungarische Grenze oder die deutsche Botschaft in Prag. Es sind Zahlen wie kurz vor dem Mauerbau. Und gerade heute erreichen uns Bilder, dass die Prager Botschaft schon wieder brechend voll ist - über 5000 Frauen, Männer und Kinder warten in dem völlig zermatschten Garten, dass auch sie in den Westen dürfen, wie die anderen vor ihnen. Das ist keine Reise-, sondern eine Fluchtwelle. Wir in Berlin merken das besonders. Das Grenzübergangslager in Marienfelde ist brechend voll.

Unsere Arbeitsgruppe trifft sich am Mittwoch, 1. November 1989, zum ersten Mal. 21 Beamte aus allen Verwaltungen und den Bezirken kommen nachmittags um halb fünf im Rathaus Schöneberg zusammen. Ich ergreife zu Beginn das Wort und sage, dass Berlin für alle DDR-Bürger das bevorzugte Reiseziel sein wird, wenn das DDR-Gesetz kommt. Dass wir mit hunderttausenden von Besuchern rechnen und wegen der Sensibilitäten in der Stadt alles sehr sorgfältig vorbereiten müssen. Für Außenstehende dürften wir routiniert, ja beamtenhaft gewirkt haben. Aber in vielen Abteilungen ist schon vorgearbeitet worden, so dass wir jetzt nur noch den jeweils letzten Stand abfragen: Verhandlungen über neue Grenzübergänge, die Auszahlung des Begrüßungsgeldes, die Vorbereitungen der Krankenhäuser und der Sozialdienste auf Hilfebedürftige und Flüchtlinge, der Nahverkehr, die Information der Einreisenden. Alle Verwaltungen bekommen ihre Arbeitsaufträge. Zweieinhalb Stunden dauert die Sitzung. Wir setzen uns zum Ziel, bis zum 21. November fertig zu werden. Am 8. November wollen wir uns wieder treffen und dann schon viel weiter sein. Am Ende der Sitzung teilt die Senatsfinanzverwaltung uns mit, dass sie für alles die notwendigen Mittel bereitstelle, „sofern die Maßnahmen einem pragmatischen Ansatz entsprechen“. Eine geplante Plakataktion, mit der wir die DDR-Bürger überall in der Stadt begrüßen wollten, wird aus Kostengründen wieder gestrichen. Unnötig.

3. November 1989, Freitag: Neue Straßen und eine zweite Luftbrücke

Seit dem Passierscheinabkommen von 1963 gibt es in (West-)Berlin und in der DDR „Besuchsbeauftragte“. Unser heißt Gerhard Kunze, der in der DDR heißt Walter Müller. An diesem Freitag treffen sie sich. Gerhard Kunze legt der DDR-Seite eine Vorschlagsliste für zusätzliche Grenzübergänge vor, die kurzfristig hergestellt werden könnten, wenn das angekündigte Reisegesetz kommt. Vier Straßenverbindungen nach Ost-Berlin und sechs in das DDR-Umland stehen darauf. Darunter auch den Potsdamer Platz und die Glienicker Brücke, auf der einst Spione ausgetauscht wurden. Das Brandenburger Tor ist nicht dabei. Außerdem sollen mehrere U- und S-Bahnhöfe für den Reiseverkehr geöffnet werden. Müller wirkt überhaupt nicht erstaunt über unsere umfangreichen Wünsche, mit der wir die Zahl der Passierstellen, die wir früher mühsam einzeln aushandeln mussten, mit einem Schlag verdoppeln wollen. Er sagt, er werde Rücksprache halten und sich wieder melden. Ich verbreite über dieses Treffen eine Pressemeldung.

Unsere Vorbereitungen werden nun offizieller. Wir unterrichten noch einmal die Öffentlichkeit darüber, dass wir „300.000 DDR-Touristen“ erwarten und rufen die Ostdeutschen schon auf: „Lasst den Trabi stehen“. Das hat auch einen internen Grund. Die Grünen, Koalitionspartner im Senat, haben die Sorge, dass die von ihnen mühsam erkämpfte Smog-Verordnung ausgehebelt werden könnte, wenn die Reisefreiheit kommt. Die Verordnung sieht ein Fahrverbot für alle Autos in West-Berlin vor, wenn die Luftschadstoffe bestimmte Grenzen überschreiten. Umweltsenatorin Michaele Schreyer, später EU-Kommissarin, redet mit dem DDR-Umweltminister bereits über eine Ost und West übergreifende Regelung, die das Ziel hat, dass im Fall eines Smog-Alarms auch im Osten die Trabis stehen bleiben müssen. Das Thema Smog-Alarm wird uns ein paar Tage später noch einmal beschäftigen: Am 9. November nämlich lösen wir ihn tatsächlich aus. Aber aus ganz anderen Gründen.

Walter Momper trifft sich an diesem Freitag mit den alliierten Gesandten. Die USA, Frankreich und Großbritannien sind die Schutzmächte der Stadt, die noch immer in Sektoren aufgeteilt ist. Formal haben die alliierten Stadtkommandanten in allen Fragen der inneren und äußeren Sicherheit das Sagen. Und das, was auf uns zukommt, der Mauerfall, ist zweifellos so eine Frage. Walter Momper informiert sie über unsere Vorbereitungen. Vor allem will er eins regeln: Was machen wir, wenn tausende von DDR-Bürgern die Reisefreiheit zur Flucht nutzen? 10.000 könnten es schon am ersten Wochenende sein, so schätzt er in dem Gespräch. Er bittet die Westmächte, „militärische Flugkapazität“ zu verfügen zu stellen, um die Menschen dann schnell nach Westdeutschland zu bringen. Denn wir können so viele Flüchtlinge nicht mehr unterbringen. Eine zweite Luftbrücke wäre das. Die Gesandten sagen, dass sie das prüfen werden. Zum Schluss geht es um die Großdemonstration, die am nächsten Tag in Ost-Berlin angesagt ist. Alle blicken mit Bangen auf dieses Ereignis. Wird es friedlich bleiben, wird die Staatsmacht sich zurückhalten? Die Gesprächspartner vereinbaren für den morgigen Sonnabend „engste Kommunikation“.

4. November 1989, Sonnabend: Das Loch in der Mauer

Seit Freitagabend hat die Mauer ein weiteres großes Loch. Die DDR-Regierung genehmigt nun die direkte Ausreise ihrer Bürger in die Bundesrepublik - aber nur, wenn sie über die Tschechoslowakei fahren. Personalausweis reicht. Die mit Flüchtlingen überfüllte deutsche Botschaft in Prag leert sich noch in der Nacht. Auf den Straßen wälzt sich bald ein steter Strom von Trabis über Dresden Richtung Süden. Was ist eigentlich, so fragen wir uns bei einer kurzen Besprechung am Morgen im Rathaus Schöneberg, wenn diese DDR-Bürger sich wie normale Touristen ein paar Tage München oder Nürnberg anschauen, und dann in Bayern, Hessen oder Niedersachsen wieder an der Grenze zur DDR anklopfen: Hallo, wir wollen zurück. Waren nur mal gucken. Kann und wird die DDR sie dann abweisen? Sicher nicht. Die Regelung bedeutet im Grunde schon Reisefreiheit, nur eben mit einem riesigen Umweg. Sie ist absurd. Übermorgen werden der Regierende Bürgermeister Walter Momper und ich selbst nach Prag fahren, um uns ein Bild von der Lage zu machen.

Ich verbringe diesen Sonnabend im Büro. Das DDR-Fernsehen überträgt die Großdemonstration vom Ost-Berliner Alexanderplatz live. Das hat es noch nie gegeben. Es soll der Beweis für die neue Offenheit der Führung unter Egon Krenz sein. Eine Million Menschen sind auf den Straßen. Friedlich und mit sehr phantasievollen Transparenten. Wir kennen im Westen Demonstrationen als eher aggressive Veranstaltungen, mit lautstarken Parolen, Trillerpfeifen und Megafonen. Manchmal auch mit Steinen. Dies ist anders, es ist die Poesie der Massen. Ironische Plakate tragen sie durch die Stadt, mit Sprüchen wie „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, ehe er nicht mit der Lüge bricht, auch wenn er jetzt ganz anders spricht“. Es reden Schriftsteller und Schauspieler. Vorsichtig sprechen sie, kein Wort von Abrechnung und schon gar nicht von Wiedervereinigung. Demokratie und Pressefreiheit fordern sie. Nicht das Ende des Sozialismus, sondern seine Reform. Christa Wolf sagt: „Stell dir vor, es ist Sozialismus und keiner geht weg“. Friedrich Schorlemmer ruft den Bürgern zu: „Jetzt wird es spannend, bleibt hier“. Alle erhalten großen Beifall. Nur die beiden „Politiker“, die hier reden, der SED-Bezirksvorsitzende Günter Schabowski und der frühere Spionagechef Markus Wolf, werden ausgepfiffen. Den Beteuerungen der Partei, den Sozialismus von oben reformieren zu wollen, wird nicht mehr geglaubt.

Aber wird die Oppositionsbewegung fähig sein, ihre neue Stärke nicht nur in Pfiffe, sondern auch in einen eigenen Machtanspruch zu verwandeln, der das Monopol der SED herausfordert? Erst dann fällt das System. Wir organisieren eine öffentliche Stellungnahme Walter Mompers. Er sagt, dass es nach diesem Tag kein Zurück mehr geben könne für eine Entwicklung hin zur Demokratie in der DDR. „Zum ersten Mal seit 1918 gibt es in Deutschland eine wirkliche demokratische Revolution von unten, bei der das Volk selbst die Macht ergreift und eine führende Gruppierung nicht mehr braucht“.

5. November 1989, Sonntag: Außenminister aus dem Heizungskeller

„Ist ja ganz schön was los bei Ihnen“. Ich spreche den DDR-Grenzer am Übergang zur CSSR in Zinnwald ungeniert auf die Trabi-Schlange hinter uns an. „Ja, das rollt den ganzen Tag“, sagt er. „Jeder, der einen Ausweis hat, kann durch“. Mit dem Regierenden Bürgermeister Walter Momper fahre ich an diesem Sonntag nach Prag. Eine große Berliner SPD-Gruppe besucht dort die Gedenkstätten in Theresienstadt und Lidice, und wir wollen zu ihr stoßen. Aber wichtiger sind vorher unsere geplanten Gespräche mit der tschechischen Führung und mit den Oppositionellen. In der CSSR hat die KP das Ruder scheinbar noch fest in der Hand. Demonstrationen hat sie bisher brutal unterdrückt. Der Prager Bezirks-Parteichef Miroslaw Stepan gilt als der neue starke Mann, und so gibt er sich in seinem Büro auch. Alles im Griff, kein Grund, um etwas zu verändern, so ist gegenüber uns seine Darstellung der Lage. Perestroika und Glasnost, das habe man doch schon längst. Drei Wochen später wird er im Gefängnis sitzen.

Dafür wird Jiri Dienstbier drei Wochen später Außenminister sein. Jetzt hat er einen abgetragenen Anzug an und Schwielen an den Händen. Seit dem Prager Frühling 1968 darf er nicht mehr als Journalist arbeiten. In dem Wohnblock, in dem er lebt, bedient er die Kohle-Heizung. Er, wie auch die anderen Oppositionellen von der „Charta 77“, die wir in der Residenz des deutschen Botschafters treffen, machen auf mich einen großen Eindruck. Sie wirken zielstrebiger als ihre Freunde in der DDR. Einige von ihnen haben 1968 während des Prager Frühlings schon Regierungserfahrung gehabt. Die Bürgerbewegung in der DDR tut sich mit der Machtfrage schwer. Sie will das System nicht beseitigen, sondern es reformieren. Die tschechischen Bürgerbewegten hingegen wollen freie Wahlen, komplette Pressefreiheit und demokratische Parteien, sagen sie uns. Klare Ziele. Nur warten sie noch auf den richtigen Zeitpunkt.

Am Abend fahren wir in die deutsche Botschaft. Noch vorgestern haben hier 5000 Menschen im Garten und im Gebäude gelagert. Es sieht wüst aus und riecht entsprechend. Der Rasen ist eine einzige Matschlandschaft. Die Räume des Palais Lobkowitz sind bis unter die Decke mit Feldbetten vollgestellt. Wie hastig die Flüchtlinge in der Nacht zu Sonnabend aufgebrochen sind, sieht man daran, dass überall noch Spielsachen, Kleider und Bücher herumliegen. Wir stellen uns auf den Balkon, von dem aus Hans-Dietrich Genscher am 30. September den Botschaftsbesetzern der ersten Welle unter unbeschreiblichem Jubel zugerufen hat, dass sie ausreisen können.

Jetzt ist daraus eine regelrechte Ausreise-Karawane geworden, die sich unablässig Richtung Bayern bewegt. Morgen, so erfahren wir aus den Nachrichtenagenturen, will die DDR-Regierung ein neues Reisegesetz veröffentlichen. Wir sind überzeugt, dass es kaum hinter dem jetzt erreichten Zustand wird zurückfallen können: Freie Ausreise, aber nicht mehr über Tschechien, sondern direkt. Auch nach West-Berlin, auch durch die Mauer. Wir sind gespannt.

6. November 1989, Montag: Das letzte Zucken der Bürokraten

Das soll es also sein. Das groß angekündigte Reisegesetz. Wir sitzen an diesem Montagmorgen in unserem Prager Hotel über einem Telefax von sehr schlechter Qualität. Ein Auszug aus der heutigen Ausgabe des „Neuen Deutschland“. Der Gesetzentwurf beginnt mit dem Satz: „Die Bürger der DDR haben das Recht, in das Ausland zu reisen“. Klingt gut. Leider gibt es dazu eine „Durchführungsverordnung“. In der beginnen alle vier Absätze zu Privatreisen mit dem Wort „Genehmigung“. Klingt schon erheblich schlechter.

Die DDR-Bürger sollen für Reisen in das Ausland einen Pass und ein Visum beantragen. Und zwar mindestens einen Monat vorher bei den Volkspolizei-Dienststellen. Und: Mehr als 30 Reisetage im Jahr sind nicht drin. Reisegeld, also Devisen, gibt es nicht, auch nicht das Recht zum Umtausch. Die Ablehnung eines Reisewunsches soll, heißt es in dem Entwurf, „Ausnahmecharakter“ haben. Eine Reise dürfe nur dann versagt werden, „wenn dies zum Schutz der nationalen Sicherheit, der öffentlichen Ordnung, der Gesundheit oder der Moral oder der Rechte und Freiheiten anderer notwendig ist“.

Schwammiger geht es kaum. Das sind Ablehnungsgründe, die sich immer finden lassen. Ein Oppositioneller? Nein, wegen der öffentlichen Ordnung. Ein Techniker? Nein, wegen der nationalen Sicherheit. Die Jugendgruppe? Nein, wegen der Moral. Aus der versprochenen Reisefreiheit wird mit diesem Gesetz eine Ermächtigung für die DDR-Behörden, das eigene Volk weiter am Gängelband der Bürokraten zu halten. Dieses Gesetz ist das letzte Aufzucken der Mauer-Ideologen in der SED, die noch immer nicht wahrhaben will, dass die Ereignisse längst über sie hinwegrollen. Allein an diesem Wochenende sind 15.000 Menschen über die Tschechoslowakei in den Westen ausgewandert, und das wird so weitergehen. Wir geben noch am Vormittag von Prag aus eine Presseerklärung Walter Mompers heraus: „Die DDR-Regierung hat die Chance vertan, das anhaltende Misstrauen der Bevölkerung an einem entscheidenden Punkt zu durchbrechen“, sagt der Regierende Bürgermeister. „Es ist das falsche Signal, wenn der Staat immer noch den Eindruck erweckt, als wolle er die Reisen seiner Bürger reglementieren und mit bürokratischen Prozeduren verbinden“. In Bonn nennt die Bundesregierung das Gesetz zu unserer Überraschung hingegen „einen ersten positiven Schritt“.

Am späten Nachmittag fahren wir an Dresden vorbei zurück nach Berlin. Im Radio hören wir, dass dort gerade 300.000 Leute an der Montagsdemonstration teilnehmen. In Leipzig sind es 500.000, so viele wie nie. Berichtet wird von Sprechchören: „Wir wollen nicht mehr Bittsteller sein“ und auch: „Die Mauer muss weg“. Der Ministerrat hat, so stand es im „Neuen Deutschland“, die Bürger aufgefordert, ihre „Vorschläge und Meinungen“ zum Reisegesetz schriftlich einzureichen. Doch das machen sie nicht. Sie machen es mündlich. Das neue Reisegesetz, mit dem die SED-Führung Dampf aus dem Kessel nehmen wollte, fällt noch hier und heute durch, auf den Straßen. Und die Regierung von Egon Krenz gerät in ihre finale Legitimationskrise.

7. November 1989, Dienstag: Krach mit Bonn

Theo Waigel, der Bundesfinanzminister, war gestern in der Stadt und hat gesagt: „Berlin ist nicht überproportional belastet“. Es gebe kein zusätzliches Geld vom Bund für die Flüchtlinge. Wir sind empört. Jetzt machen wir den schon länger schwelenden Krach mit Bonn öffentlich. Seit Jahresbeginn sind 26.000 Übersiedler aus der DDR und 11.000 Aussiedler nach Berlin gekommen. Die meisten logieren in Notlagern. Viele Turnhallen sind blockiert. Auch das Messegelände, wo bald die Vorbereitungen für die Grüne Woche beginnen sollen, wird schon zweckentfremdet. Seit die Ausreise über die Tschechoslowakei möglich ist, kommen täglich 500 Menschen aus der DDR dazu. West-Berlin läuft über.

Es geht uns bei dem Streit mit der Bundesregierung, der auch die Tage während der Maueröffnung prägen wird, nicht nur um mehr Geld für die Bewältigung der Situation. Wir fühlen uns in Berlin seit Wochen von Bonn schlichtweg im Stich gelassen. So ist der Vorschlag des Senats, das Begrüßungsgeld für DDR-Touristen, 100 Mark, im Falle der Reisefreiheit direkt in der DDR durch die dortige Staatsbank auszuzahlen, bisher noch nicht einmal beantwortet worden. Nur mündlich haben wir die Auskunft bekommen, dass diese Auszahlung ein „hoheitlicher Akt“ der Bundesrepublik Deutschland sei, und deshalb nicht an die DDR abgegeben werden dürfe. Die Stelle des Bundesbevollmächtigten in Berlin, eigentlich unserer wichtigster Ansprechpartner, ist seit Monaten vakant. In dieser Situation schreibt der Regierende Bürgermeister Walter Momper einen direkten Brief an Kanzler Helmut Kohl, der das Verhältnis für lange Zeit vergiften wird. Er beginnt mit der süffisanten Formulierung: „Hiermit erlaube ich mir, Ihre besondere Aufmerksamkeit auf die Entwicklungen zu lenken, die der Veränderungsprozess in der DDR in diesem Teil Berlins hervorrufen dürfte“. Und endet mit dem drohenden Hinweis, die alliierten Stadtkommandanten hätten ihm, Walter Momper, „zu erkennen gegeben, dass sie sich darauf vorbereiten, die Bundesregierung bald an ihre Verpflichtungen aus der Erklärung über Hilfeleistungen für Berlin, die seit dem 5. Mai 1955 gilt, zu erinnern“.

Ich informiere die Presse darüber, dass morgen die zweite Sitzung der Senats-Arbeitsgruppe stattfindet, die Berlin auf die neue Reisefreiheit vorbereitet. „So soll der Ansturm von drüben bewältigt werden“ titelt dazu am Mittwoch die „Berliner Morgenpost“. Bei dieser zweiten Sitzung der Arbeitsgruppe werden Zwischenberichte der beteiligten Verwaltungen über ihre Vorbereitungen aufgerufen. 20 Beamte nehmen teil. Alles ist im Plan. Neu ist die Idee, dass die Berliner Sparkassen und Banken das Begrüßungsgeld für den Senat treuhänderisch auszahlen könnten, wenn Bonn den Weg einer direkten Auszahlung in der DDR schon blockiert. So hätten wir hunderte von Zahlstellen statt bloß die zwölf Bezirksrathäuser. Es wird beschlossen, darüber noch am Donnerstag Gespräche mit den Finanzinstituten zu führen.

In der DDR tritt der Ministerrat nach dem gescheiterten ersten Reisegesetz an diesem Dienstag geschlossen zurück und amtiert nur noch kommissarisch weiter. Das Land ist nun fast führungslos.

9. November 1989, Donnerstag: Das glücklichste Volk von der Welt

Wir sind vorgewarnt. Gegen Mittag erhält der Regierende Bürgermeister Walter Momper während einer Sitzung im Reichstagsgebäude aus Ost-Berlin den Hinweis eines westdeutschen Korrespondenten, dass das Zentralkomitee heute angeblich erneut über das Reisegesetz beraten werde. Kurz danach werde auch ich von einer ZDF-Journalistin angerufen, die Ähnliches gehört hat. Wir ahnen nun, dass sich die Dinge beschleunigen können. An diesem Donnerstagmittag liegt der Reichstag so verschlafen im Schatten der Mauer, wie er es seit dem 13. August 1961 getan hat. Ein paar Touristen am Brandenburger Tor, dahinter der DDR-Kontrollstreifen, auf dem Kaninchen grasen und Grenzer mit geschultertem Gewehr patrouillieren. Nichts deutet darauf hin, dass noch heute Abend hier die Leute auf der Mauer tanzen werden.

In meinem Büro im Rathaus Schöneberg warte ich auf Nachrichten aus Ost-Berlin. Dann, am frühen Abend, überträgt das DDR-Fernsehen die Pressekonferenz von Günter Schabowski, der über das ZK-Treffen berichtet. Kurz vor 19.00 Uhr kramt der Ost-Berliner SED-Bezirkschef einen Zettel raus. Er liest stockend. „Privatreisen können, äh, ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden. Die Genehmigungen werden, äh, kurzfristig erteilt.“ Er liest wie einer, der seinen Text nicht kennt. Ab wann das gelte, fragt ein Reporter. „Nach meiner Kenntnis, äh, ist das sofort, unverzüglich“, sagt Schabowski. Und fügt dann noch hinzu, dass dieser Beschluss für das Verschwinden der Mauer noch gar nichts bedeute. Ich rufe Walter Momper an, der sich bei einem Empfang im Springer-Verlag befindet. Ich sage: „Ich glaube, das ist es“. Walter Momper sagt: „Ja. Wie sollen die dahinter zurück?“ Ab diesem Moment beginnt die Zeit zu rasen.

Ich rate Momper, sofort zum SFB zu fahren, wo gleich die „Abendschau“ beginnt, Berlins wichtigste Regionalsendung, die auch von vielen in Ost-Berlin gesehen wird. Danach erst rufe ich die Redaktion an. Die zögert keine Sekunde, als ich sage, der Regierende Bürgermeister sei auf dem Weg ins Studio, er wolle zu den Berlinern sprechen. Um halb acht ist Momper auf Sendung. Er sagt: „Das ist der Tag, auf den wir 28 Jahre lang gewartet haben. Alle DDR-Bürger können zu uns kommen und uns besuchen. Dies ist ein Tag der Freude für Berlin“. Und er bittet die Gäste aus Ost-Berlin: „Benutzen Sie die U- oder S-Bahn“. Im Nachhinein ist es wohl diese Art der Ansprache zwischen Pathos und Pragmatismus, die viele Ost-Berliner erst neugierig werden lässt. Die ersten machen sich auf den Weg zur Grenze, um zu gucken, was da los ist.

Ich bekomme laufend die Polizeimeldungen in mein Büro im Rathaus Schöneberg gereicht. Um 20.20 Uhr heißt es: „Pressevertreter an der Mauer“. Um 20.34 dann: „Ca. 60 Personen mit friedlichem Verhalten an der Übergangsstelle Chausseestraße“. Um 21.19 Uhr: „Fahrzeugschlange von 100 Trabis auf der Ostseite der Bornholmer Straße“. Um 21.42: „Die ersten Ost-Besucher rollen herein, haben Ausweise mit Stempeln“. Wie sich später herausstellt, sind es Stempel, mit denen die Grenzer die Pässe ungültig machen und die DDR-Bürger ausbürgern wollten. In der Tür zu meinem Büro steht plötzlich Ralf Hirsch, ein 1988 aus der DDR ausgewiesener Bürgerrechtler, der für uns die Kontakte zu den Oppositionellen vermittelt. „Kann ich helfen?“, fragt er. Er kann. Telefone bedienen, zum Beispiel. Ralf Hirsch ist gegen Mitternacht einer der wenigen, der in die Gegenrichtung geht. Von West nach Ost. Nach Hause.

Wir haben für 22.00 Uhr eine Sondersitzung des Senats einberufen. Vertreter der Verkehrsbetriebe sind anwesend. Sie erklären, dass sie den Ansturm bewältigen können. Das Arbeitsprogramm, das unsere Projektgruppe seit dem 29. Oktober vorbereitet hat, wird jetzt aufgerufen. Es gibt nur noch 400 Plätze für Flüchtlinge, wir werden weitere Turnhallen bereitstellen. Die Sonderzeitung für die DDR-Touristen ist in Arbeit. Die Banken sind bereit, die Auszahlung des Begrüßungsgeldes zu übernehmen und haben genügend Scheine in den Tresoren. Zum Schluss wird eine Sondersitzung des Abgeordnetenhauses für den nächsten Tag beschlossen. Walter Momper fährt erneut zum SFB, wo inzwischen eine Dauer-Live-Sendung stattfindet. Kurz nach 23.00 verabschiedet er sich aber mit den Worten „Mein Platz ist jetzt woanders“ schon wieder aus dem Studio. Dann klingelt mein Telefon: „Komm zur Invalidenstraße“.

Wir treffen fast gleichzeitig an dem Grenzübergang in der Invalidenstraße ein. Vom Übergang Bornholmer Brücke meldet die Polizei um 23.37 Uhr: „Praktisch offen. Von Ost nach West Menschenstrom wie die Ameisen“. Und auch hier, näher am Stadtzentrum, sieht es nicht anders aus. Jubelnde und weinende Menschen kommen uns entgegen, die West-Berliner trommeln den Trabis aufs Dach. Walter Momper läuft geradewegs in den Kontrollpunkt hinein. Ein Hauptmann der DDR-Grenztruppen steht in dem Chaos. „Halt, da dürfen Sie nicht durch“, fährt er Momper an. „Führen Sie mich zu Ihrem Schichtleiter“, sagt Momper. Der Mann gehorcht und geht voraus. Doch kaum sind wir in die Nähe der Baracke gekommen, verschwindet unser Hauptmann plötzlich und mit ihm alle seine Kollegen. Der Kontrollpunkt ist nun völlig sich selbst überlassen. Walter Momper stellt sich auf einen Tisch. Ich gebe ihm ein Megaphon hoch. „Bei aller Freude, machen Sie bitte den Kontrollpunkt frei. Lassen Sie die Trabis durch“, ruft er den Menschen zu. Es ist eine absurde Szene. Die Leute johlen bei jedem Wort und prosten sich noch begeisterter zu. Im Hintergrund sehe ich einen Bus. Erst Jahre später erfahre ich, dass darin 40 Elitesoldaten der Volksarmee gesessen haben, die aus Potsdam hergeschickt worden sind, um wieder für Ordnung zu sorgen. Mit Waffengewalt. Sie warten auf Befehle. Doch die kommen nicht mehr.

Wir laufen zurück auf die West-Berliner Seite. Walter Momper steigt in einen Polizeibus und telefoniert. Mit dem Polizei-Präsidenten, mit den Alliierten. Wir haben Angst, dass es irgendwo zu Gewalt kommen könnte. Am Brandenburger Tor haben die Menschen die Mauer von Westen her gestürmt, und die Grenzer nehmen eine drohende Haltung ein. Wir schicken Polizei hin, um die Leute zurückzuhalten. Ich setze mich kurz auf den Bordstein, ein Sektglas von irgendwoher in der Hand. Ich beobachtete das Ganze wie einen fernen Film. Sehe, wie manche die ersten Schritte im Westen unsicher, fast tastend gehen, so als hätten sie Angst, den Boden zu verlieren. Fremde Menschen beugen sich zu mir herunter und klatschen mir auf den Rücken. Ich denke: Wir haben etwas übersehen. Alle im Westen, die sich schon mit dieser Mauer arrangiert hatten, auch ich, wir haben etwas übersehen: Den unbändigen Freiheitsdrang der Menschen.

Um drei Uhr sind wir wieder im Rathaus Schöneberg. Fast alle wichtigen Mitarbeiter sind da. Walter Momper soll um 9.00 Uhr in Bonn sprechen, seine Antrittsrede als Bundesratspräsident. Die Amerikaner stellen kurzfristig ein Militärflugzeug zur Verfügung. Wir besprechen, was sonst alles zu organisieren ist. Und dann muss ich zusammen mit Walter Momper noch die Bundesrats-Rede überarbeiten, die schon fertig war. Vieles kann so stehen bleiben. Vieles aber auch nicht. Uns fällt, ohne groß nachzudenken, ein neuer erster Satz ein: „Gestern Nacht war das deutsche Volk das glücklichste Volk von der Welt“.

10. November 1989, Freitag: Schöneberger Sängerknaben, B-Mannschaft

Berlin ist im Ausnahmezustand, und wir sitzen im Rathaus Schöneberg fest. Es gibt unendlich viel zu organisieren - neun neue Grenzübergänge werden an diesem Tag mit der DDR ausgehandelt, für die Flüchtlinge werden neue Unterbringungsmöglichkeiten geschaffen, unsere vorbereitete Informationszeitung für die DDR-Gäste hat Schlussredaktion. Und es gibt unendlich viel zu kommunizieren. Medien aus vielen Ländern rücken an, wollen Interviews oder auch nur Standplätze für ihre Übertragungswagen. Am liebsten direkt am Brandenburger Tor. Jede Nachrichtensendung der Welt beginnt an diesem Tag mit den Bildern von den tanzenden Menschen auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor. Gegen Mittag kommt Willy Brandt ins Rathaus, der sich die Szenerie an Berlins Wahrzeichen ebenfalls angesehen hat. Er geht in Walter Mompers „Amtszimmer“, in dem er einst selbst residierte und wo noch immer Ernst Reuters Schreibtisch steht. „Na, Bürgermeister“, sagt Brandt strahlend, „das ist ein Tag, was“.

Das Abgeordnetenhaus kommt zu einer Sondersitzung zusammen, die mit Lautsprechern nach draußen auf den John-F.-Kennedy-Platz übertragen wird. Es wird eine peinliche Debatte. Die CDU will unbedingt, dass das Wort „Einheit“ in der zu beschließenden Resolution vorkommt. SPD und Grüne halten dagegen, dass es erst mal um die „Selbstbestimmung“ der Menschen in der DDR gehe. Beide Seiten befehden sich heftig. Von der Feierlichkeit des Tages spürt man nichts mehr. Just als ein Abgeordneter der rechten „Republikaner“ redet, trifft Kanzler Helmut Kohl im Saal ein. Er kommt direkt von einem Staatsbesuch in Polen, wo ihn die Nachricht vom Mauerfall überraschte. Draußen wird gepfiffen, als er begrüßt wird. Ein anderer Republikaner singt am Rednerpult das Deutschlandlied. Nun wird noch mehr gepfiffen.

Nach der Parlamentssitzung findet am frühen Abend vor dem Rathaus eine Kundgebung statt. Rund 40.000 Menschen sind gekommen. Helmut Kohl beschwert sich bei Walter Momper, dass er als erster sprechen soll und nicht als letzter. Dabei hat Parlamentspräsident Jürgen Wohlrabe die Reihenfolge festgelegt, ein CDU-Mann. Sie wird kurzfristig geändert. Ich stehe nahe bei den Rednern. Walter Momper, der nun nach Wohlrabe als zweiter redet, sagt, dieses Kapitel der Geschichte werde „vom Volk der DDR“ geschrieben. Heute sei „nicht der Tag der Wiedervereinigung, sondern des Wiedersehens“. Ich höre wie Kohl zu seinen Nachbarn grummelt: „Lenin spricht, Lenin spricht“. Als er selbst spricht, wird er gnadenlos ausgepfiffen, obwohl seine Rede sehr moderat ist. Die Kundgebung ist fast zu Ende, da sorgt Parlamentspräsident Wohlrabe für einen zweifachen Eklat. Erstens liest er die soeben beschlossene Parlamentsresolution vor, aber in der CDU-Fassung, die keine Mehrheit gefunden hatte, mit dem Wort „Einheit“. Und dann stimmt er, ohne jede Notenkenntnis, das Deutschlandlied an. Momper, Kohl, Genscher und Brandt singen notgedrungen mit, alle vier ähnlich musikalisch begabt. Es klingt grausam. So wird der erste Tag der Reisefreiheit zum Tag der Misstöne - der politischen und musikalischen. Das Volk aber feiert ausgelassen.

11. November 1989, Sonnabend: Die ersten Mauerspechte

Frühmorgens an diesem Tag, etwa gegen zwei Uhr, fahre ich mit Walter Momper zur Mauer. Ich sehe nun zum ersten Mal, was sich hier entwickelt hat. Wir gehen die kurze Strecke vom Potsdamer Platz bis zum Brandenburger Tor zu Fuß. Wir hören das Geräusch von Hämmern. Von hunderten von Hämmern.

Dies hier ist für uns der neuralgischste Punkt. In der Nacht vorher haben die DDR-Grenzer versucht, die Menschen, die die Mauerkrone besetzt halten, mit Wasser aus Schläuchen zu vertreiben. Und auf dem Kontrollstreifen stehen sehr viele bewaffnete Grenzsoldaten. Doch die meist jungen Leute schert das alles nicht. Sie erobern sich den Platz zurück, sie johlen und feiern. Die Scheinwerfer vieler Kamerateams aus der ganzen Welt sind auf sie gerichtet, alles ist in ein gleißendes Licht getaucht. Die Straße des 17. Juni steht voll mit Übertragungswagen. Das Brandenburger Tor ist national wie international der wichtigste symbolische Ort. Obwohl hier gar kein Grenzübergang ist, obwohl hier niemand von Ost nach West geht. Wir haben Polizeiwagen auffahren lassen, die von der Westseite her ganz dicht an der Mauer stehen und den Zugang zu ihr blockieren sollen. Aber auch sie können nicht verhindern, dass überall mit kleinen und großen Hämmern versucht wird, Löcher in den Beton zu schlagen. Die Bruchstücke nehmen sich die Leute als Souvenir mit. Auf dem Weg spreche ich einige an und sage: Hört auf, das provoziert die im Osten. Sie gucken mich verständnislos an.

Am Potsdamer Platz sind auf der Ostseite schwere Baumaschinen im Einsatz. Die Pioniere bauen mit Hochdruck eine Straße quer über den Kontrollstreifen, denn hier soll bis morgen ein neuer Übergang entstehen und die Mauer geöffnet werden. Vormittags hat unsere Senatskanzlei deswegen kurzfristig noch einmal Kontakt mit der DDR-Seite aufgenommen hat. Unsere Experten hatten nämlich festgestellt, dass die Straße, die die Pioniere da bauen, das Anschlussstück im Westen knapp verfehlen wird. Der Osten hat falsch gemessen. Spätabends bin ich wieder an dieser Stelle. Ein Kran der Grenztruppen nimmt im Blitzlichtgewitter der Fotografen ein Segment des Grenzwalls hoch. Tausende von Menschen beobachten die Szene und klatschen Beifall. Diesen Moment empfinde ich bis heute als das Ende der Mauer.

Walter Momper und ich, wir teilen uns die Interviews auf. Der Regierende Bürgermeister bedient natürlich die großen deutschen Sender und Zeitungen, ich betreue vor allem die ausländischen Fernsehteams und Korrespondenten. Praktisch pausenlos gebe ich Interviews. Bei CNN diskutiere ich live mit Jugendlichen, die aus der ganzen Welt zugeschaltet sind. Ob der Fall der Mauer die Wiedervereinigung Deutschlands bedeute, werde ich am häufigsten gefragt. Nein, sage ich, das bedeutet es noch nicht, sondern zunächst nur, dass die Grenze uns nicht mehr trennt. Wir müssen abwarten, wie sich die Lage in der DDR entwickelt und den Menschen dort die Chance geben, ihren Weg zu finden.

12. November 1989, Sonntag: Freiheit, Freiheit

Zum ersten Mal glaube ich, dass mich der Mauerfall noch umbringt. Nicht, weil ich seit Tagen nicht geschlafen habe, sondern weil bei der Öffnung des neuen Übergangs am Potsdamer Platz so ein Gedränge herrscht, dass man fast niedergetrampelt wird. Hunderte von Reportern und Kameraleuten wollen ganz dicht dabei sein. Tausende von Bürgern werden hinter Absperrungen noch auf Distanz gehalten. Von Osten kommt der Ost-Berliner Oberbürgermeister Erhard Krack, von Westen Walter Momper. Es ist 8.00 Uhr und Sonntag. Beide begrüßen sich fast genau auf der Grenzlinie. Walter Momper sagt zu Krack: „Ich freue mich über diesen Tag. Der Potsdamer Platz ist das alte Herz Berlins und dieses Herz wird wieder schlagen“. Krack sagt: „Wir werden in guter Nachbarschaft und Freundschaft leben“. Auf beiden Seiten öffnen sie jetzt die Absperrungen, wir sehen die Massen auf uns zu rennen. Momper hat jetzt nur noch wenig Zeit, um seine kleine Überraschung unterzubringen, die wir uns überlegt haben. Er hat in einem nahen Hotel auf der Westseite einen Frühstückstisch decken lassen und lädt Krack nun dazu ein. Krack aber sagt, er habe noch andere Verabredungen und wendet sich abrupt wieder ab in Richtung Ost-Berlin. Vielleicht traut er sich einfach noch nicht über die Grenze.

Mittags bin ich im Rathaus Schöneberg, wo Senatsmitglieder symbolisch bei der Auszahlung des Begrüßungsgeldes helfen. Hunderte DDR-Bürger warten geduldig in der Schlange. Jeder von ihnen bekommt einen Stempel auf das Lichtbild in seinem Personalausweis, um Missbräuche auszuschließen. So wird es seit Tagen in allen Zahlstellen der Stadt gemacht. In den Wochen nach dem Mauerfall erhalten wir viele Briefe. Es sind DDR-Bürger, die sich entschuldigen, dass sie das Geld aus Versehen mehrfach kassiert haben. Manche legen 100 Mark bei. Diese Ehrlichkeit ist unglaublich.

Zwei Millionen Menschen sind seit dem Donnerstagabend bis zu diesem Sonntag nach Berlin gekommen. Drei Tage Ausnahmezustand. Alle Geschäfte sind offen, die Kneipen voll. Die DDR-Bürger gucken viel, aber kaufen wenig, auch weil die 100 D-Mark nicht weit reichen. Manche Geschäftemacher drehen ihnen Ramsch an, ein Obsthändler schmeißt an einem Grenzübergang Bananen unter das Volk. Die Sex-Shops locken mit Sonderangeboten. Ein West-Berliner Grundstücksmakler kauft an diesem Wochenende bereits eine große Brachfläche im Grenzgebiet, in der Erwartung, dass sie bald sehr viel mehr wert sein wird. Der Kapitalismus ist schnell. In der Deutschlandhalle gibt es am Nachmittag ein Rockkonzert, das der SFB organisiert. Joe Cocker singt „With a little help from my friends“ und Udo Lindenberg seinen „Sonderzug nach Pankow“. Über 10.000 Jugendliche aus Ost und West sind in der Halle, als Walter Momper und ich hinter der Bühne eintreffen. Momper hat einen umjubelten Auftritt. Dann singt Marius Müller-Westernhagen „Freiheit, Freiheit ist das Einzige, was zählt“. Tausende Feuerzeuge werden angezündet, tausende singen mit. Mir schaudert. Es ist wirklich das Einzige, was zählt.

Zur Person

Unser Berliner Korrespondent Werner Kolhoff war zur Zeit des Mauerfalls Sprecher des Senats von Berlin und Vertrauter des damaligen Regierenden Bürgermeisters Walter Momper (SPD). Er schildert in dieser Serie bis zum 12. November täglich seine persönlichen Erlebnisse rund um den 9. November 1989.

Von Werner Kolhoff

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