Der Westen rechnete mit der Mauer

Berlin im Schock: Vor 40 Jahren, am 13. August 1961, zogen DDR-Truppen Stacheldraht quer durch die Stadt. Die Westalliierten, so lange geheim gehaltene Akten, hatten seit Jahren damit gerechnet, sagt der Historiker Rolf Steininger im Interview.

Herr Dr. Steininger, Sie haben in bislang unveröffentlichten amerikanischen, britischen und deutschen Akten geforscht. War der Westen vom Bau der Berliner Mauer wirklich überrascht?

STEININGER:Es gibt in der Tat neue Erkenntnisse zur Krise um Berlin, neue Antworten auf die 

Wie schätzte der Westen das Problem ein, wie hat er reagiert? Klar ist: Bei Briten und Amerikanern hatte der Mauerbau im Sinne einer Teilung des Landes schon lange vor dem 13. August 1961 begonnen. Was für die Deutschen damals ein Schock gewesen ist, war für sie lediglich das logische Ende einer Entwicklung. Aus welchen Quellen lässt sich das heute, 40 Jahre später, belegen?

STEININGER: Ich habe in US-amerikanischen Archiven mehrere Belege dafür gefunden, die beweisen, dass der Westen sehr früh mit einer Abriegelung Westberlins gerechnet hat. Schon fast sechs Jahre vor dem 13. August, im November 1957, sprach die CIA von dieser Möglichkeit.

...und die Regierung in Washington?

STEININGER: Ein Dokument des amerikanischen State Department vom 22. Juli 1961 spricht ebenfalls über zu erwartende Maßnahmen des Ostens in Berlin, nämlich die Sperrung der Sektorengrenze, genauso wie der US-Botschafter in Moskau, sein britischer Kollege in Bonn und die CIA. US-Präsident John F. Kennedy war nicht ahnungslos. Er hatte ja schon vor dem Mauerbau die westlichen Garantien für Berlin auf Westberlin eingeschränkt.

Noch Mitte Juni hatte DDR-Staatsschef Walter Ulbricht behauptet Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen...

STEININGER: Diese Bemerkung hat die Krise, wenn man so will, noch verschärft. Der DDR liefen die Leute weg, nach der Rede Ulbrichts stieg die Zahl der Flüchtlinge noch einmal deutlich an. Das zu stoppen, war oberstes Ziel Ostberlins und Moskaus. Und sogar der Vorsitzende des Außenpolitischen Ausschusses im US-Senat, J. William Fulbright, hatte bereits Ende Juli gefragt: Warum ist die Sektorengrenze nicht schon längst dicht?

Wenn die Westalliierten den Mauerbau mehr oder weniger erwartet haben - wurde die Bonner Bundesregierung davon etwa nicht informiert?

STEININGER: Auf ihre westdeutschen Partner haben die USA herzlich wenig Rücksicht genommen, die Ostdeutschen waren ihnen sowieso wurscht. Die Westalliierten wollten möglichst billig und ohne Gesichtsverlust raus aus der Berlinkrise. US-Außenminister Dean Rusk hatte schon am 5. August bei einem privaten Frühstück seinem britischen Kollegen Lord Home klargemacht, wie es weitergehen würde: Die Westdeutschen werden viele Dinge schlucken müssen, die sie bis jetzt für unmöglich gehalten haben. Das mussten sie dann ja in der Tat.

Quer durch Berlin wurde Stacheldraht gezogen - Bundeskanzler Konrad Adenauer, Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt, ganz Deutschland wartete auf Reaktionen der Alliierten...

STEININGER: In London war klar: Für Berlin sollte kein Brite sterben. US-Präsident Kennedy suchte sofort nach dem Mauerbau das Arrangement mit den Sowjets. Und das ging nur auf Kosten der Deutschen: Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, entmilitarisierte Zonen, mindestens De-facto-Anerkennung der DDR, keine Atombewaffnung der Bundeswehr.

In Ihrem Buch Der Mauerbau ist auch die Rede von ganz abstrusen Ideen Kennedys...

STEININGER: Die zeigen, wie viel er vom westdeutschen Bündnispartner hielt, etwa dadurch, dass bei Internationalisierung der Autobahnen nach Berlin durch DDR-Gebiet im Gegenzug gleich viele Kilometer Autobahnen in der Bundesrepublik internationalisiert werden sollten.

Auf den Punkt gebracht: Militärische Reaktionen des Westens in Berlin, ein Niederwalzen des Stacheldrahts mit amerikanischen oder britischen Panzern, gar ein Krieg standen nie wirklich zur Debatte?

STEININGER: Die US-Administrationen haben damals ungeheure Mengen Akten produziert, in denen alle möglichen Szenarien durchgespielt wurden. Am Ende reduzierte sich fast alles auf die vertrauliche Aussage von Außenminister Dean Rusk vom 15. August 1961, wonach eine Lösung der Berlinkrise durch den Mauerbau eher leichter geworden sei. Schon einen Tag vorher hatte Rusk seinem Botschafter in Belgrad ganz geheime Instruktionen erteilt, um mit den Sowjets ins Gespräch zu kommen - bezeichnenderweise sollten die Deutschen davon auf keinen Fall etwas erfahren.

Solche Ansichten und diplomatische Aktionen hätten zwei Tage nach dem Beginn des Mauerbaus in Deutschland eingeschlagen wie eine Bombe...

STEININGER: Aus deutscher Sicht war die Reaktion der Alliierten auch deshalb hanebüchen, weil zum Beispiel Washington in völliger Unkenntnis des Seelenlebens der Deutschen agierte. Es gab ja schnell sogar Warnungen, die Stimmung der Bevölkerung in Westberlin könnte gegen die Westalliierten umkippen. Die Berliner waren auch auf den damaligen CDU-Bundeskanzler Adenauer sauer: Der kam erst Tage nach den dramatischen Vorfällen nach Berlin gereist.

Bei Ihnen kommt Adenauer ganz gut weg...

STEININGER: Adenauer hat Washingtons und Londons Politik des Arrangements erahnt und nicht mitgespielt. Er verzögerte diese Entwicklung, so gut es - noch - ging. Unterstützt wurde er dabei von Frankreichs Staatspräsidenten Charles de Gaulle, der allerdings andere Beweggründe hatte als Adenauer. Daraus entstand dann die viel zitierte Freundschaft zweier alter Männer, die Anfang 1963 mit dem deutsch-französischen Vertrag gekrönt wurde - auch ein nicht zu unterschätzendes Ergebnis der Berlinkrise.

DR. ROLF STEININGER ist Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck. Er wurde 1942 im westfälischen Plettenberg geboren und studierte Anglistik und Geschichte unter anderem in Göttingen. Seit 1983 lehrt Steininger als Universitätsprofessor in Innsbruck. Sein Buch Der Mauerbau ist im Olzog-Verlag erschienen (411 S., 36 Mark).

Rubriklistenbild: © dpa

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