Bewegende Auftritte

Westerwelle: "So fühlt es sich an, das Sterben"

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Guido Westerwelle Anfang November 2015

Berlin - Guido Westerwelle hat's geschafft, er hat überlebt. Ob er den Krebs endgültig besiegt hat? Er weiß es nicht genau. Doch es war eine harte Zeit, die er nun in seiner Autobiographie "Zwischen zwei Leben: Von Liebe, Tod und Zuversicht" beschreibt. Sein Auftritt bei "Günther Jauch" war vor allem ehrlich, bewegend.

Sein Gesicht leicht aufgedunsen, seine Sprache bedächtig. Doch der ehemalige Außenminister, der einen 18-monatigen Kampf gegen seinen Blutkrebs hinter sich hat, kommt vor allem ehrlich, offen, authentisch rüber. Da sind sich alle Medienschaffenden und die Zuschauer einig. Er spricht über seine Leukämie-Diagnose und das Buch, das er wie eine Art Tagebuch angelegt hat und das jetzt erscheint: „Zwischen zwei Leben. Von Liebe, Tod und Zuversicht.“ Ob der Kampf gegen den Blutkrebs erfolgreich war, weiß Westerwelle noch nicht genau.

Gesund ist der 53-Jährige noch nicht. Der forsche Gang, die große Geste, die laute Stimme sind weg. Auf jeden Fall geht es dem ehemaligen Außenminister aber deutlich besser als in vielen der letzten Monate. „Man ist noch schwach“, sagt er. „Man muss sehen, dass man zu Kräften kommt. Aber vor einem Jahr hätte ich diesen Zustand herbeigesehnt.“

Vor kurzem wäre auch ein so anstrengendes Programm wie am vergangenen Wochenende überhaupt nicht denkbar gewesen. Westerwelle ist präsent wie früher: auf den Titelseiten von „Bild“ und „Spiegel“, dann Buchpremiere und schließlich am Sonntag live in der ARD-Talkshow „Günther Jauch“. Nur, dass er über Politik nicht wirklich reden will.

Westerwelle hat die letzten Monate Dinge durchmachen müssen, die ihm der ärgste Feind nicht gewünscht hätte. Im Juni 2014 - ein halbes Jahr nach dem Abschied aus dem Auswärtigen Amt - wurde bei ihm akute myeloische Leukämie festgestellt, Blutkrebs der besonders gefährlichen Art. Die Überlebenschancen lagen bei 10 Prozent.

An der Universitätsklinik Köln, unter Regie des Krebsexperten Prof. Michael Hallek, unterzog sich Westerwelle einer Chemotherapie. Das reichte nicht. Im vorigen Herbst bekam er auch eine Transplantation von Knochenmark-Stammzellen. Der schlimmste Moment war kurz danach, als sein Körper auf eine Infusion allergisch reagierte. „Ich habe in dem Augenblick gedacht: Jetzt sterbe ich. So fühlt es sich an, das Sterben.“

Westerwelle führte während der gesamten Zeit Tagebuch. Daraus entstand, in Zusammenarbeit mit dem ehemaligen „Stern“-Chefredakteur Dominik Wichmann, „Zwischen zwei Leben“. „Das ist kein Krankheitsbuch“, meint Westerwelle. „Es soll anderen Mut machen, so wie mir Mut gemacht worden ist. Es hat mir bei der Bewältigung meiner Dämonen sehr geholfen.“ Außerdem will er dafür werben, dass sich noch mehr Menschen in Knochenmark-Spenderdateien registrieren lassen.

Ihm hat die Stammzellen-Spende wohl das Leben gerettet. Er hat nun eine andere Blutgruppe, andere Virus-Empfindlichkeiten. An das neue Immunsystem muss sich der Körper erst noch gewöhnen. Wegen einer Lungenentzündung musste er vor einer Weile wieder in die Klinik. Auf die Frage, was von ihm übrig geblieben sei, meinte er am Sonntag: „Man bleibt derselbe Mensch. Und ist doch ein anderer geworden.“

Westerwelles Aufruf "Lassen Sie sich registrieren" übrigens bescherte der Deutschen Knochenmarksspenderdatei 4500 neue Registrierungen. Ein schöner Erfolg.

Christoph Sator (dpa)/Andrew Weber

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