Wandern, radfahren, Ausflüge

Spaziergangswissenschaftler empfiehlt: Streift ziellos umher, wenn ihr was erleben wollt!

Kassel. Die bislang wärmsten Tage im Jahr locken viele ins Freie. Darüber und über die Spaziergangswissenschaft sprachen wir mit Prof. Martin Schmitz von der Kunsthochschule Kassel.

Herr Schmitz, mit dem Frühling erwacht die Wanderlust, die Sehnsucht nach Offenem und neuen Erfahrungen. Wie sieht das ein Spaziergangswissenschaftler?

Martin Schmitz: Ich würde eher sagen: Wir sehnen uns beim Wandern wohl weniger nach dem, was wir noch nicht kennen als nach Idylle und intakten Landschaften. Solche Bilder sehen wir ja auch in der Werbung. Die haben bloß überhaupt nichts mehr mit der Realität zu tun.

Was hat das mit der Spaziergangswissenschaft zu tun?

Schmitz: Die Spaziergangswissenschaft nach Lucius Burckhardt, die er in den achtziger Jahren in Kassel begründet hat, bringt drei Dinge zusammen: wie wir uns bewegen, wie wir wahrnehmen und wie wir bauen. Wir leben ja in einer Welt mit einer noch nie da gewesenen Mobilität und mit einer noch nie dagewesenen Medienvielfalt. Auf Schritt und Tritt werden wir mit Vorstellungen und Wahrnehmungen konfrontiert. Die Bilder, die wir dadurch im Kopf haben, die bauen wir nach. So zum Beispiel in Frankfurt die alte Innenstadt. Oder in Berlin das Stadtschloss. Oder in Dresden die Frauenkirche und den Neuen Markt drumherum.

Das heißt, wenn wir unser Haus verlassen, dann wollen wir weniger das sehen, was da ist, als das, wonach wir uns sehnen?

Schmitz:Ja. Wenn Sie also zum Beispiel von einem Spaziergang erzählen, können Sie nie alles erzählen. Was sie tatsächlich beobachtet haben, sind nur Teile dessen, was sie wahrgenommen haben und hinterher berichten. Vieles ist dabei, was sie vorher gelernt haben, etwa aus dem Geographie-Unterricht oder weil sie nun einmal wissen, durch welche Region sie gegangen sind, ohne sie deswegen komplett gesehen haben zu müssen. Was die Werbung uns gesagt hat, was wir im Fernsehen sehen: All das gehört zu dem Gelernten, was in unsere Erfahrungen einfließt, und damit in das, was wir zu sehen meinen, wenn wir unterwegs sind. Wir sehen, was wir vorher gelernt haben.

Kann man nicht einfach die Augen öffnen für das, wovon wir vorher noch keine Vorstellung erworben haben?

Schmitz: Natürlich. Aber die meisten Menschen reisen inzwischen von vornherein an Orte, von denen sie ganz klare Vorstellungen und Erwartungen haben. Und davon machen sie dann Fotos, auch gern mit sich selbst darin als Bestätigung ihrer Vorstellungen, die sie auch vor Ankunft am Zielort schon im Kopf hatten.

Kann man zu Fuß besser seinen Erwartungen „entgehen“ und den Blick für Neues öffnen?

Schmitz: Zu Fuß stehen Ihnen jedenfalls viel mehr Wege zur Verfügung, die sie noch nie gegangen sind. Das fängt vor jeder Haustür an. Viele Menschen benutzen immer die gleichen Wege. Gerade zu Fuß kann man gut Wege variieren und dabei viel Neues entdecken, vor allem, wenn Sie ziellos unterwegs sind, also umherstreifen. Das kann man natürlich nicht immer machen. Ich empfehle, das Auto stehen zu lassen.

Warum das?

Schmitz: Wenn Sie zum Beispiel den Weg an die Arbeit zur Abwechslung mal mit dem Fahrrad fahren oder zu Fuß gehen, dann werden Sie garantiert Dinge sehen, die Sie noch nie vorher gesehen haben, selbst wenn Sie diesen Weg jahrelang mit dem Auto gefahren sind.

Woran liegt das?

Schmitz:Vor allem an der Geschwindigkeit. Sie lässt unsere Wahrnehmung abstrakt werden. Wir wissen dann zwar noch, wo wir lang fahren, wir erleben es aber nicht mehr. Das sind Erfahrungen, wie sie schon seit dem Aufkommen der ersten Eisenbahnen beschrieben werden. Für das Auto gilt das erst recht. Sie können an einem Nachmittag durchs Burgund fahren und sagen: Das ist auch nicht mehr das, was es mal war. Aber was haben sie davon gesehen? Was haben Sie darin erlebt?

„Das ganze Unglück der Menschen rührt aus einem einzigen Umstande her, nämlich dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können.“ Blaise Pascal (1623-1662)

Das Wandern als Tipp für die, die sich überraschen lassen wollen?

Schmitz:Sicher auch. Aber auch wenn wir auf das Land hinausgehen, dann entdecken wir zumindest hierzulande, dass es da draußen das Land unserer Vorstellung oft gar nicht mehr gibt. Wir sehen Gewerbeflächen mit großen weißen Kästen darauf, wir sehen eine industrialisierte Landwirtschaft. Das zeigt ja auch der Boom von Zeitschriften wie „Landlust“.

Dass es das darin gezeigte idyllische Landleben in Wirklichkeit gar nicht mehr gibt?

Schmitz: Ja. Das sind Zeitschriften, die genau genommen einen städtischen Blick auf ein idealisiertes Land werfen. Es ist wie die Suche nach einem Reset-Knopf, es bedient die Sehnsucht, irgendwie aus einem gefühlten Schlamassel wieder herauszukommen.

Keine Chance, ins Offene zu kommen, ins Freie?

Schmitz: Doch natürlich. Gehen Sie einen anderen Weg. Gehen Sie zu Fuß oder fahren Sie mit dem Rad. Und lassen Sie sich treiben. Dann erleben Sie garantiert etwas.

Zur Person

Prof. Martin Schmitz

Prof. Martin Schmitz, Jahrgang 1956, hat bei dem Begründer der Spaziergangswissenschaft (Promenadologie), Lucius Burckhardt, in Kassel Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung studiert. Schmitz, Autor des Buches "Currywurst mit Fritten - Über die Kultur der Imbißbude", ist seit 1989 Verleger in Berlin. Als Vertretungsprofessor für Theorie und Praxis der Gestaltung kam Martin Schmitz 2013 wieder an die Kunsthochschule Kassel zurück und vertritt seit 2016 die Annemarie & Lucius Burckhardt Professur. Er lebt in Berlin. 

Kontakt hier.

Promenadologie

Promenadologie iste eine von Lucius Burckhardt (1925-2003) entwickelte Methode, welche die Bedingungen der Wahrnehmung der Umwelt bewusst machen will und so Umweltwahrnehmung erweitern möchte. Dazu werden kulturgeschichtliche Bedingungen der Wahrnehmung erforscht, aber auch bis weit in die Kunst reichende Experimente und eben die namengebenden Spaziergänge unternommen. Die Spaziergangswissenschaft wird an der Kassel Kunsthochschule weiter gelehrt, sie ist aber kein eigener Studiengang. 

Rubriklistenbild: © Auf ins Freie: Wolken ziehen über die Landschaft am Hullerbusch in der Feldberger Seenlandschaft in Mecklenburg-Vorpommern.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.