„Schwerwiegende Mängel“

Scharfe Kritik an der WHO: Corona-Bericht zurückgezogen und Mitarbeiter kaltgestellt

Muss sich nun harter Kritik stellen: Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO).
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Muss sich nun harter Kritik stellen: Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zog einen kritischen Bericht zum Pandemiegeschehen in Italien zurück. Jetzt werden Forderungen nach Konsequenzen laut.

Kassel - Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat einen Bericht zur Corona*-Pandemie in Italien zurückgezogen – und dann den Mitarbeiter kaltgestellt, der diesen Schritt öffentlich machte. Laut Informationen des Spiegels ist die Rede von fehlendem Schutz, möglichen Vergeltungsmaßnahmen und klarem Fehlverhalten.

Diese Analyse sorgte für Aufsehen, weil sie dokumentierte, dass Italien seit 2006 eine Aktualisierung seiner Pandemiepläne versäumt hatte. WHO-Vizedirektor Ranieri Guerra war zuvor selbst in diesem Gesundheitsministerium tätig und auch unter anderem für die Aktualisierung solcher Pläne zuständig.

So sah es vor einem Jahr aus: Über 600 Tote gab es allein an einem Tag in Italien. Ein Bericht veröffentlichte, dass Italien seit 2006 eine Aktualisierung seiner Pandemiepläne versäumt hatte.

Die WHO streitet das alles ab und gibt an, dass ihr Bericht aus formellen Gründen einkassiert wurde. Eine angekündigte Überarbeitung des Papiers gibt es bis heute nicht. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Bergamo gegen Guerra.

Der Fall sorgte auch deshalb für Aufmerksamkeit, weil sie von einem Mitarbeiter der WHO mit ins Rollen gebracht wurde. Der italienische Gesundheitsexperte Francesco Zambon war Hauptautor des Berichts und später Empfänger mehrerer Drohnachrichten von Guerra.

WHO stark in der Kritik: Corona-Pandemiebericht aus Italien verschwand spurlos

In einem offenen Brief haben nun mehrere internationale NGOs der WHO ein bitteres Zeugnis ausgestellt und verlangen Konsequenzen. Zu den Initiatoren gehören unter anderem Transparency International und das Whistleblowing International Network (WIN). Weitere Organisationen und Personen, die sich gegen Korruption und für den Schutz von Informanten einsetzen, haben laut Medienberichten ebenfalls unterzeichnet.

Hintergrund sind die 74. Jahrestagung der WHO sowie die Diskussion um einen kritischen Pandemiebericht, den die Organisation im vergangenen Jahr nach nur einem Tag wieder heimlich unter den Tisch kehrte. Wie spiegel.de und andere Medien im Nachgang enthüllten, hatte sich zuvor der damalige WHO-Vizedirektor Ranieri Guerra intern eingeschaltet, um den Corona-Bericht zu stoppen und Änderungen nachträglich zu veranlassen.

Muss sich nun einer Prüfung stellen: Die WHO.

Coroina-Bericht zurückgezogen: Organisationen kritisieren „schwerwiegende Mängel“ in der WHO

Die verschiedenen Ankläger fordern nun, dass der Fall unabhängig überprüft wird. Zudem verlangen sie eine Reform der Standards zum Schutz von Whistleblowern, die Missstände in der WHO enthüllen. Die Maßnahmen seien notwendig, um die Glaubwürdigkeit der WHO zu sichern. „Die Unterdrückung des Berichts zeigt schwerwiegende Mängel“ heißt es in dem Brief. „Die Glaubwürdigkeit der Ergebnisse ist von entscheidender Bedeutung, wenn Regierungen auf der ganzen Welt daraus lernen sollen.“

Transparency International und die anderen Organisationen fordern deshalb stärkere Strafen und eine bessere Prävention von Machtmissbrauch. Zudem müssten interne Beschwerden schneller bearbeitet werden. Der Whistleblower Francesco Zambon wird von möglichen Reformen innerhalb der WHO allerdings nicht mehr profitieren. Er hat die Organisation Ende März im Streit verlassen. 

Nach Ansicht unabhängiger Experten hätte die Corona-Pandemie in ihren heftigen Ausmaßen verhindert werden können. Dazu hätten erste Warnsignale sofort beachtet, die WHO früher Alarm schlagen* sowie die einzelnen Länder konsequenter und schneller reagieren müssen. (luw/dpa) *hna.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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