Beleidigende Kommentare im Netz

„Wie eklig muss man sein?“: Appell einer Grünen-Politikerin wird zum Klick-Hit

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Ricarda Lang, Bundessprecherin der Grünen Jugend.

Seit Oktober ist Ricarda Lang Bundessprecherin der Grünen Jugend. Seitdem erlebt sie vor allem immer wieder: beleidigende Sprüche im Netz. Jetzt wehrt sie sich - und bekommt viel Aufmerksamkeit.

Berlin - Seit Wochen sind Hasskommentare im Netz ein Aufreger-Thema - spätestens seit das „Netz-DG“, das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, in Kraft ist. Meist blieb die Debatte allerdings seltsam abstrakt. Dass der Tonfall in vielen Internet-Diskussionen aber auch schon abseits von Volksverhetzung und Morddrohungen für Politikerinnen und Politiker eine Belastung ist, hat nun Ricarda Lang greifbar gemacht.

Die Bundessprecherin der Grünen Jugend landete mit einem Appell gegen übergriffige Kommentare bei der jungen Seite des Spiegel, bento.de, offenbar einen unerwarteten Klickhit. Lang forderte dabei nicht etwa eine Gesetzesverschärfung. Sie nahm stattdessen die gesamte Gesellschaft in die Pflicht.

Grünen-Politikerin betont: Aussehen hat nichts mit politischen Aussagen zu tun

Lang eröffnet ihren Beitrag mit einem klaren Statement: „Ich bin dick“, erklärt sie. Dann schildert sie das mit diesem Umstand verknüpfte Problem für sie als Politikerin: „Egal, wozu ich mich äußere – Lohngleichheit, Kinderarmut oder Kohlekraft: Ich bekomme als Antwort Kommentare zu meinem Äußeren.“

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Die Bandbreite der Äußerungen reiche von vermeintlich gut gemeinten Gesundheits-Ratschlägen bis zu handfesten Beleidigungen und offenem Hass. „Fetti Mc Fett Fett“ sei sie genannt worden, berichtet die 24-Jährige - oder habe die Empfehlung erhalten, sich weiter „vollzustopfen“, bis sie platze - „weiter so und bald haben wir wieder eine Grüne weniger“, ätzte Anfang dieser Woche ein Twitter-User.

Schlimmste Kommentare kommen beim Thema sexuelle Übergriffe

Die schlimmsten Sprüche gebe es als Antwort auf ihre Äußerungen zu sexuellen Übergriffen und der #MeToo-Kampagne, klagt Lang. „Immer wieder musste ich lesen, dass ich doch eigentlich froh sein müsse, dass bei meiner Figur überhaupt jemand mit mir schlafen wolle“, schreibt sie: „Wie eklig muss man sein, um zu denken, dass sich der Wert einer Frau so sehr in ihrer Anziehungskraft gegenüber Männern bemisst, dass sie glücklich darüber sein sollte, begrapscht oder vergewaltigt zu werden?“

Die Chefin der Grünen Jugend betont aber vor allem: Ihr Körper habe nichts mit dem Gehalt ihrer politischen Aussagen zu tun. Ohne Folgen auch für ihr politisches Selbstbewusstsein seien die Kommentare gleichwohl nicht geblieben: Nach einer Weile habe sie bemerkt, dass sie „dreimal nachdenke, bevor ich etwas poste, da ich immer überlege, ob ich gerade Kraft und Lust habe, mich dem Hass auszusetzen“.

„Finde nicht, dass es meine Aufgabe ist, mich an ‚fette Fotze‘ zu gewöhnen“

Zwei Schlüsse zog Lang aus ihren Erfahrungen. Zum einen will sie künftig offen über die Anfeindungen sprechen, um auf die Probleme politisch aktiver Frauen hinzuweisen. Zum anderen möchte sie auch ihre Mitmenschen in die Pflicht nehmen. Ihr Appell: “Ich finde nicht, dass es meine Aufgabe ist, mich an ‚Fette Fotze‘ zu gewöhnen. Vielmehr ist es die Aufgabe aller, für eine Gesellschaft zu streiten, in der so etwas nicht mehr vorkommt.“

Zum Thema wurde Langs Gastbeitrag spätestens, als ihn am Mittwoch die Tagesschau auf Facebook teilte. Mehr als 6.000 Likes und mehrere hundert Kommentare sammelte das Posting. Trotz einiger User, die das „Bodyshaming“ zumindest relativieren wollten, zeigte sich Lang am Donnerstag glücklich über die Resonanz auf ihren Appell. „Bin total geplättet von dem ganzen Feedback. Das zeigt einmal mehr, wie wichtig das Thema ist!“, erklärte sie auf Twitter.

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fn

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