Ehemaliger Europa-Abgeordnete der Linken geht mit seiner Partei hart ins Gericht

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André Brie

Wenige Wochen vor den Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern dümpelt die Linkspartei in Umfragetiefs. Mit ihrem Loblied auf Fidel Castro sorgte Parteivorsitzende Gesine Lötzsch fraktionsübergreifend für Empörung.

Warum driftet die Partei immer wieder in ideologische Debatten über Klassenkampf und Mauerbau ab? Dazu befragten wir den Linken und ehemaligen Europa-Abgeordeneten André Brie.

Herr Brie, warme Worte für einen Diktator, Abgeordnete, die sich die Mauer zurückwünschen - welche Zukunft hat eine Partei, die offenbar in der Vergangenheit lebt?

André Brie: Natürlich keine. Eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist aber ungeheuer wichtig, wie uns der Brief an Fidel Castro ja gerade eindrucksvoll gezeigt hat. Die darin verwendete Sprache könnte aus dem Politbüro der SED stammen. Natürlich darf eine Partei die Aufarbeitung der Vergangenheit aber nicht zum Selbstzweck verkommen lassen, sondern muss sich den Aufgaben der Gegenwart zuwenden.

Die da wären?

Brie: Die Linke sollte sich wieder den Alltagsfragen der Menschen widmen und zu rein ideologischen und rückwärtsgewandten Kräften klar Position beziehen. Wir müssen zu Entscheidungen gelangen, anstatt linke Politik mit faulen Kompromissen zu verbrämen. Auf drängende Fragen geben wir viel zu oft die Antworten der Vergangenheit und blenden aus, dass die Menschen sich weiterentwickelt haben. Sie haben heute eigene, individuelle Lebensentwürfe. Dem müssen wir gerecht werden.

Wie erklären Sie sich, dass sich Ihre Partei immer wieder in interne Debatten verstrickt?

Brie: Zum einen haben wir nicht verkraftet, dass mit Oskar Lafontaine und Lothar Bisky zwei herausragende Persönlichkeiten nicht mehr an der Spitze der Partei stehen. Zweitens sind zwar viele unserer sozialen Themen äußerst bedeutsam, aber wir finden nicht genügend öffentliche Aufmerksamkeit. Die Partei versteht es nicht, Politik in einer modernen Weise zu organisieren, um das Vertrauen der Menschen in die Linke zurückzugewinnen.

Wer braucht dann die Linke eigentlich noch?

Brie: Für die soziale Frage brauchen wir mehr denn je eine linke Kraft in der Parteienlandschaft. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer und ist eine gesellschaftlichen Bedrohung, die sich auch auf die Wirtschaft negativ auswirkt. Den Kampf zu führen gegen Lobbyismus, gegen Banken, gegen kapitalistisches Machtmonopol - dazu braucht es schon eine linke Partei.

Mit welchen Erwartungen sehen sie den beiden Landtagswahlen entgegen?

Brie: Für Mecklenburg-Vorpommern glaube ich an einen Wahlerfolg - wenn auch an einen bescheidenen. In Berlin sind sie Umfragewerte dagegen deutlich problematischer.

Noch immer wird Ihre Partei vom Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet. Mit Recht?

Brie: Nein, das finde ich albern. Ich bedaure sehr, dass meine Partei immer wieder diese ideologischen Debatten führt, zumal sie mir inhaltlich in vielen Bereichen sogar zu bieder ist.

Sie gelten als einer der schärfsten Kritiker Ihrer Partei. Werden Sie von Genossen manchmal als Nestbeschmutzer beschimpft?

Brie: Mindestens einmal in der Woche. Ich erhalte regelmäßig beleidigende E-Mails, in denen ich als Verräter, Überläufer oder Ähnliches bezeichnet werde. ‘Geh’ doch in die CDU’ heißt es da häufig. Trotzdem verbinde ich mit dieser Partei viele Menschen, mit denen ich meine Überzeugungen teile und mit denen ich gerne Politik mache. Vielleicht streite ich für eine Partei, die es noch gar nicht gibt.

Von Kristin Dowe

André Brie (61, Linke) wurde in Schwerin geboren und war von 1999-2009 Mitglied des Europäischen Parlaments. Mit seiner Vergangenheit als Mitglied der SED und ehemaliger IM (Inoffizieller Mitarbeiter) in der DDR ging der studierte Politologe stes offensif um. Brie ist mit der Linken-Politikerin Ingrid Mattern verheiratet und hat zwei Töchtern aus erster Ehe.

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