„Wir brauchen kein neues Gesetz“

Ökonom Sievert: Einwanderer sollen höheres Sprachniveau erreichen

Integration: Diese Türkinnen besuchen einen Kurs, um ihr Deutsch zu verbessern. Die Sprache ist das größte Hindernis, das die Einwanderer haben. Archivfoto: dpa

Im vergangenen Jahr sind so viele Menschen in Deutschland zugewandert wie zuletzt 1993. Das zeigt der Migrationsbericht der Bundesregierung, der heute im Kabinett beraten werden soll.

Über ein mögliches neues Zuwanderungsgesetz sprachen wir mit Stephan Sievert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. 

Herr Sievert, die Zahlen sind eindeutig, Deutschland braucht Zuwanderung. Aber haben wir sie nicht schon lange?

Stephan Sievert: Wir haben in Deutschland seit langer Zeit Zuwanderung. Das ging in den 60er-Jahren mit den sogenannten Gastarbeitern los und setzte sich in den 90er-Jahren mit den Spätaussiedlern fort. Seit 2000 gibt es vermehrt Zuwanderung aus Arbeitsmarktgründen. Besonders in den letzten Jahren gab es viele Einwanderer aus anderen EU-Staaten. Es gab aber immer wieder Jahre, wie 2009, in denen wir per Saldo gar keine Zuwanderung hatten. Erst durch die Wirtschaftskrise und die Eintritte neuer Länder in die EU verzeichnet Deutschland wieder eine hohe Zuwanderung.

Was ist nützliche Zuwanderung? 

Sievert: Aus ökonomischen Gründen sind Zuwanderer begehrt, die eine Beschäftigung finden und zum Wohlstand unseres Landes beitragen. Man kann nicht sagen, dass nur Hochqualifizierte nützlich sind. Sicherlich brauchen wir diese Leute vor allem, aber wir benötigen beispielsweise auch Pflegekräfte.

Welche Zuwanderer hätten wir lieber nicht? 

Sievert: Wir müssen differenzieren, aus welchen Gründen die Leute herkommen. Sind es wirtschaftliche oder familiäre Gründe, oder sind es Flüchtlinge? Im Falle von Letzterem stellt sich die Frage nicht, da wir jene aufnehmen, die in ihren Heimatländern verfolgt werden. Pauschal zu sagen, diese Zuwanderer hätten wir lieber nicht, ist schwierig und würde dem Einzelfall nicht gerecht werden.

Viele wollen ein neues Zuwanderungsgesetz, was müsste es vor allem leisten? 

Sievert: Wir haben ein Zuwanderungsgesetz. Wir brauchen kein neues. Man sollte versuchen, in dem Gesetz möglichst alle wichtigen Regelungen zu bündeln und übersichtlich zu gestalten. Da sind wir schon relativ weit: Im Aufenthaltsgesetz sind alle wesentlichen Regelungen zur Zuwanderung enthalten, etwa zur Zuwanderung aus Gründen der Erwerbstätigkeit oder des Studiums, aus familiären und humanitären Gründen.

In Kanada gibt es den Punkteplan bei der Einwanderung. Hat sich das bewährt? 

Sievert: Es hat sich dahingehend bewährt, dass sich das Qualifikationsniveau der Einwanderer erhöht hat. Sie sind besser gebildet als die kanadische Bevölkerung. Trotzdem haben sie oft keinen Job gefunden, der ihren Qualifikationen entsprach. Häufig sind sie in die Städte gegangen und nicht dorthin, wo sie aus volkswirtschaftlichen Gründen benötigt worden wären, wie in der Ölindustrie. Es gibt das Punktesystem noch, aber es ist ein Wechsel zu beobachten. Es wird nun versucht, Einwanderer zu holen, die schon einen Job haben.

Warum halten Sie es für kontraproduktiv, die Auswahl der Einwanderer nur auf bestimmte Berufsgruppen zu beziehen? 

Sievert: Bei Berufsgruppen müssen wir Informationen darüber haben, welchen Beruf wir brauchen und das nicht nur heute, sondern auch in zehn Jahren. Das hat sich zum Beispiel in Kanada in der IT- Branche gezeigt. Es gab zu viele Spezialisten und am Ende waren alle arbeitslos. Breiter qualifizierte Menschen können sich besser zurechtfinden. In Bereichen, wo sich ein langfristiger Bedarf abzeichnet, wie bei den Pflegekräften, da ist es anders.

Was ist das größte Hindernis, das Einwanderer vor einem Jobeinstieg meistern müssen? 

Sievert: Das ist ganz klar die Sprache. Die Einwanderer müssen erst ein Niveau erreichen, das eine professionelle Beschäftigung ermöglicht. Ein Integrationskurs genügt da nicht. Sie bräuchten stärkere Unterstützung und Kurse mit einem berufsspezifischen Vokabular.

Von Leona Nieswandt

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