„Wir brauchen mehr Stations-Personal“

Kassel / Berlin. Deutschlands größte Bahngewerkschaft fordert angesichts zunehmender Gewalt gegen Mitarbeiter von Bahngesellschaften mehr Personal. Ein Interview.

Der stellvertretende Vorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), Klaus-Dieter Hommel, sagte im Interview unserer Zeitung, auf manchen Strecken könne Passagieren und Personal das Grausen kommen.

Herr Hommel, die Zahl der bekannt gewordenen Gewalttaten gegen Bahnpersonal ist in den ersten neun Monaten des Jahres um elf Prozent gestiegen. Tun die Arbeitgeber genug für die Sicherheit ihrer Mitarbeiter?

Klaus-Dieter Hommel: Sie tun etwas, aber aus unserer Sicht noch viel zu wenig. Vor allem auf sogenannten Unterwegsbahnhöfen fehlt uns Personal. Es könnte bei Konflikten helfen, wenn Züge dort stoppen. Fahren Sie mal mit der S-Bahn nach 22 Uhr in den Randbereich von Berlin. Da könnte Ihnen manchmal das Grausen kommen.

Könnte nicht auch mehr Videoüberwachung helfen?

Hommel: Videoanlagen helfen bei der Aufklärung von Straftaten. Dann ist es aber schon zu spät. Mehr Videoanlagen verhindern Gewalt nicht. Wir fordern, alle Möglichkeiten zu nutzen. Welche davon am besten geeignet sind, muss immer im Detail und vor Ort entschieden werden. Unser Hauptanliegen bleibt mehr Personal.

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Sie sind nicht nur Gewerkschafter, sondern auch Mitglied im Aufsichtsrat der Deutschen Bahn. Da hören sich solche Forderungen nach einer Gratwanderung an.

Hommel: Ich sehe überhaupt keinen Anlass, hier von Gratwanderung zu sprechen. Die Forderung nach mehr Sicherheit für das Personal wird in der Folge auch mehr Sicherheit für die Passagiere bringen. Und wer sich in Bahnen sicher fühlt, wird sie auch gern benutzen. Mehr Sicherheit für das Personal in Zügen und Bahnhöfen muss also ureigenes Interesse aller Eisenbahnverkehrsunternehmen sein.

Was passiert, wenn beispielsweise eine Zugbegleiterin Opfer von Gewalt geworden ist und nun nicht mehr im Zug arbeiten will?

Hommel: Wir kennen solche Fälle. Die betroffene Mitarbeiterin wird, wenn es machbar ist, in einem anderen Bahnbereich eingesetzt. Frauen im Zugdienst sind vor allem von sexueller Belästigung bedroht. Bei der Besetzung von Zügen wird versucht, Frauen nachts nicht allein fahren zu lassen.

Gibt es psychologische Hilfe für Opfer?

Hommel: Ja, die Deutsche Bahn bietet den betroffenen Kollegen Hilfe durch den psychologischen Dienst an, der beispielsweise auch Lokführern hilft, die in Suizidfälle verwickelt waren. Die Mitarbeiter müssen aber auf diesen Dienst zugehen.

Und was tut die EVG für ihre Mitglieder, damit sie nicht Opfer von Rowdys und Schlägern werden?

Hommel: Wir haben ein Programm unter dem Motto „Sicher unterwegs“ gestartet. Es beschäftigt sich vor allem mit der Vorbeugung, also mit Präventionsmaßnahmen. Mitarbeiter können lernen, was ihnen dabei hilft, Konfliktsituationen zu entspannen und zu lösen.

Von Jürgen Umbach

Zur Person

Klaus-Dieter Hommel ist stellvertretender Vorsitzender der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Der 55-Jährige lernte ab 1978 bei der Deutschen Reichsbahn (DR) im Bahnhof Cottbus und arbeitete als Fahrdienstleiter. Neben der Arbeit studierte der gebürtige Hertener Verkehrskybernetik. 1990 gehörte Klaus-Dieter Hommel zu den Gründern der Verkehrsgewerkschaft GDBA-Ost und wurde ihr Vorsitzender.

Seit 2003 war er Bundesvorsitzender der GDBA, die vor gut einem Jahr in Fulda mit der Gewerkschaft Transnet die EVG (240 000 Mitglieder) gründete. Hommel ist als Arbeitnehmervertreter Mitglied im Aufsichtsrat der Deutschen Bahn AG. Er ist verheiratet, hat vier Kinder und lebt in Frankfurt/Main. (jum)

Hintergrund: Ein Fall pro Woche in der Region

Übergriffe auf Personal von Eisenbahnverkehrsunternehmen gibt es auch in der Region: Die zwischen Göttingen und Kassel, zwischen Kassel und Eisenach sowie zwischen Bad Hersfeld und Göttingen verkehrende Cantus-Bahn meldet durchschnittlich einen Übergriff von Passagieren auf Zugbegleiter pro Woche. Meist bleibt es bei üblen Beschimpfungen. „Aber der Ton wird rauer“, sagt die Sprecherin des Nordhessischen Verkehrsverbundes (NVV /Kassel), Sabine Herms. Cantus verkehrt im Auftrag des NVV in Südniedersachsen und Nordhessen. Erst in der vergangenen Woche sei ein Cantus-Mitarbeiter von einem Fahrgast bespuckt worden. Die als durchaus robust geltenden Cantus-Beschäftigten entscheiden selbst, welche Arten von Übergriffen sie melden. (jum)

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