Interview: Hoffnung auf Corona-Medikament

Medikamenten-Hersteller will Förderung: „Wir könnten so viele Leben retten“

Das Unternehmen Biotest möchte ein Medikament auf den Markt bringen, das bei schweren Verläufen von Covid-19 helfen und Leben retten soll.
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Das Unternehmen Biotest möchte ein Medikament auf den Markt bringen, das bei schweren Verläufen von Covid-19 helfen und Leben retten soll.

Im hessischen Dreieich entwickelt das Unternehmen Biotest ein Medikament, mit dem Covid-19-Patienten therapiert werden könnten. Mit ihren Anträgen auf staatliche Förderung ist die Firma bislang gescheitert.

Wenn alles klappt, so der Vorstandsvorsitzende Michael Ramroth im Interview, kommt das Medikament Trimodulin im Mai 2021 auf den Markt.

Herr Ramroth, warum setzen Sie so große Hoffnung in Trimodulin?
Wir haben es bereits an Menschen testen können, die an schweren Lungenentzündungen litten und vor einer künstlichen Beatmung standen. Dabei zeigte sich, dass Trimodulin die Sterblichkeit um bis zu 70 Prozent reduzieren konnte. Das Medikament ist in der Lage, Viren und Bakterien im Körper zu identifizieren und das Immunsystem so zu beeinflussen, dass es nicht überreagiert und so ein Multiorganversagen verursacht.  Bei schweren Covid-19-Verläufen sehen wir ähnliche Krankheitsbilder mit niedrigem Antikörperspiegel und starker Entzündung der Lunge. Deshalb haben wir eine Phase-2-Studie mit Covid-Patienten gestartet, um hoffentlich zeigen zu können, dass wir diese schweren Verläufe ebenfalls positiv beeinflussen können.
Das heißt, dass bald mit der Phase-3-Studie der letzte Schritt vor der Marktzulassung folgen könnte?
Mit der Europäischen Arzneimittel-Agentur haben wir sogar abgesprochen, dass wir bei guten Daten aus der Phase-2-Studie sofort eine bedingte Zulassung erhalten. Wenn alles klappt, ist Trimodulin bis Mai auf dem Markt. Dann dürfte es Covid-Patienten verabreicht werden, und die Phase-3-Studie könnten wir nachreichen.
Könnten Sie schon jetzt produzieren?
Das machen wir aus mehreren Gründen nicht. Zum einen ist das Blutplasma, das wir für Trimodulin brauchen, nicht nur teuer, sondern gerade jetzt in der Coronakrise auch knapp. Wir sind aber auf Blut- und Plasmaspenden angewiesen. Zum anderen ist Biotest bereits an der Grenze seiner Kapazitäten. Wir müssten die Herstellung anderer Medikamente unterbrechen und die Gefahr eingehen, dass die Testung von Trimodulin länger dauert oder das Mittel nicht zugelassen wird. Deshalb warten wir den Verlauf der aktuellen Studie ab. Was wir nicht müssten, wenn wir eine staatliche Förderung erhalten hätten.
Mit Ihren Förderanträgen auf 12 Millionen Euro für die Entwicklung von Trimodulin sind Sie beim Bund und beim Land Hessen gescheitert.
Zuerst haben wir bei der EU einen Antrag gestellt. Der wurde abgelehnt, weil wir keinen europäischen Partner haben. Der Bund hat uns mitgeteilt, dass er nur die Impfstoff-Entwicklung, Grundlagenforschung und die Digitalisierung des Gesundheitswesens fördert. Man hat uns an Hessen verwiesen. Von dort hieß es, dass das Sondervermögen von 12 Milliarden Euro bereits verplant sei. Nach unserem Hinweis, dass andere Länder gesonderte Töpfe schaffen konnten, sagte man uns, dass das zu lange dauern würde. Man verwies uns an den Bund, Finanzminister Michael Boddenberg hat sich bei Kanzleramtschef Helge Braun eingesetzt. Geklappt hat es bislang nicht.
Können Sie das nachvollziehen?
Natürlich war es sinnvoll, sich vor allem auf Impfstoffe und Digitalisierung zu konzentrieren. Allerdings, und ohne jemanden schlechtmachen zu wollen: Im Sommer letzten Jahres ist man offenbar davon ausgegangen, dass es glimpflich läuft und man das Schlimmste durch Impfungen verhindern könnte. Leider hat sich das Infektionsgeschehen anders entwickelt. Wir werden auch in Zukunft noch Covid-Patienten mit schweren Verläufen haben.
Das Bundesforschungsministerium hat weitere 50 Millionen Euro für die Entwicklung von Corona-Medikamenten angekündigt. Zuvor waren es 45 Millionen für die Erforschung des Virus und potenzieller Therapeutika. Versuchen Sie es erneut?
Ja, klar. Wenn sich nun aber zahlreiche Firmen um den 50 Millionen-Euro-Topf bewerben, können Sie sich vorstellen, wie groß die Zusagen sein können. So beeindruckend ist der Topf ja nicht im Vergleich zu den 750 Millionen Euro, die an Impfstoff-Entwickler geflossen sind.
In was würden Sie die Fördermittel investieren?
Das Geld wäre dafür gedacht, die Produktionsanlage für die Herstellung von Trimodulin zu erweitern. Dafür brauchen wir Technik. Zusätzlich bedarf es mehr Personal, denn wir würden die Produktion 24 Stunden am Tag über 7 Tage die Woche laufen lassen.
Gäbe es andere, private Geldgeber, um die 12 Millionen Euro aufzutreiben?
Wir haben gerade in Dreieich ein Investitionsvolumen von 300 Millionen Euro geschultert und eine neue Produktionsanlage gebaut. Es gibt also einen Finanzierungsrahmen. Mit unseren Kreditgebern haben wir vereinbart, dass wir keine zusätzlichen Kredite aufnehmen. Das würde einen Verhandlungsmarathon bedeuten. Deshalb wollen wir die staatliche Förderung, und die würden wir sogar zurückzahlen. Wir wollen uns nicht bereichern, sondern helfen. Es geht nur darum, über staatliche Mittel Risiken gesamtgesellschaftlich zu tragen.
Je mehr Menschen geimpft werden, desto weniger erkranken. In welchen Umfängen könnte Trimodulin überhaupt eingesetzt werden?
Man muss leider davon ausgehen, dass die Intensivstationen trotz der Impfungen in den nächsten Monaten weiterhin stark belastet sein werden. Wir rechnen damit, dass wir mit Blick auf das begrenzt verfügbare Blutplasma zwischen 800 und 1200 Covid-Patienten im ersten Jahr versorgen könnten, wenn wir sofort mit dem Ausbau der Produktionsanlage beginnen und die dafür benötigten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen einstellen könnten. Das mag erst mal nach wenigen klingen – doch Sie müssen bedenken, dass momentan jeder zweite Mensch stirbt, der wegen Covid-19 auf der Intensivstation beatmet wird. Wir könnten so viele Leben retten. (Von Maximilian Beer und Gregory Dauber)

Zur Person: Michael Ramroth

Dr. Michael Ramroth (59) ist seit 2019 Vorstandsvorsitzender der Biotest AG in Dreieich, seit 2004 ist er Mitglied des Vorstands. Zuvor war er unter anderem Vorstand Unternehmensentwicklung bei der damaligen MG Technologies AG. Ramroth ist Jurist. Er promovierte in Volkswirtschaftslehre.

Hintergrund: Trimodulin

Trimodulin ist ein Immunglobulin-Therapeutikum. Es wird aus menschlichem Blutplasma gewonnen und enthält Antikörper, die Erkrankten zu einem funktionierenden Immunsystem verhelfen können. Das Medikament wird für die Behandlung von Patienten mit schwerer ambulant erworbener Lungenentzündung oder Covid-19 mit schwerem Krankheitsverlauf entwickelt. Nach bisherigen Untersuchungen könnte es laut Biotest unter anderem Atemstörungen und Multiorganversagen vorbeugen sowie verhindern, dass sich das Immunsystem gegen das körpereigene Gewebe richtet.

Hintergrund: Biotest AG

Die Biotest AG mit Hauptsitz in Dreieich entwickelt und vermarktet Plasmaproteinprodukte und biotherapeutische Arzneimittel. Diese werden laut Unternehmen in mehr als 80 Ländern vertrieben. Eigene Vertriebsgesellschaften gibt es demnach in Europa und Brasilien. Weltweit beschäftigt Biotest rund 2000 Mitarbeiter, davon 1350 in Dreieich. Laut Vorstandschef Michael Ramroth begleiten derzeit 35 bis 40 Personen die aktuelle Studie zu Trimodulin. Im Jahr 2019 machte Biotest einen Umsatz von 419,1 Millionen Euro.

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