„Wir möchten mehr Solidarität haben“

Interview: Politikberater Andrew B. Denison über das Verhältnis Deutschland-USA

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Andrew B. Denison

Kassel. Das Verhältnis zu den USA wurde durch die Abhöraffäre US-amerikanischer Geheimdienste zuletzt stark auf die Probe gestellt. Deshalb lädt die Gesellschaft für Sicherheitspolitik in Kassel heute Abend zu einem Vortrag des Politikberaters Andrew B. Denison ein.

Thema ist der Stellenwert Deutschlands für die US-Außen- und Sicherheitspolitik. Wir sprachen vorab mit Denison über das deutsch-amerikanische Verhältnis.

Herr Denison, wie würden Sie aktuell das Verhältnis zwischen Deutschland und den USA beschreiben?

Andrew B. Denison: Es gibt auf jeden Fall mehr gemeinsame als unterschiedliche Interessen. Es gibt keine zwei Machtzentren dieser Welt, die so viele gemeinsame Interessen haben, wie Deutschland und die USA.

Wo liegen denn die gemeinsamen Interessen?

Zur Person: Andrew B. Denison

Andrew Blair Denison (52) ist US-amerikanischer Politikberater und Publizist, der seit den 80er-Jahren in Deutschland lebt. Als Experte für transatlantische Themen ist er häufig in politischen Talkrunden zu sehen. Denison studierte Politikwissenschaft in Wyoming und Hamburg. Seit 2001 ist er Direktor von Transatlantic Network, einem Zentrum für politische Beratung in Königswinter. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Denison: Die gemeinsamen Interessen fangen mit dem europäischen Frieden an. Wir haben weitgehend Interesse an einer Gesellschaft in Deutschland, wie sie heute herrscht, und nicht wie vor 70 Jahren. Dass in Europa Frieden herrscht und nicht Krieg, dass in Europa Rechtsstaatlichkeit herrscht und nicht Diktatur. Letztlich liegt das gemeinsame Interesse darin, dass Amerika und die Exportnation Deutschland eine Weltwirtschaftordnung aufgebaut haben, auf Freihandel und Privatbesitz basierend, und sie möchten gemeinsam diese erhalten und erweitern. Die gemeinsamen Interessen sind also Frieden, Freiheit und Wohlstand – oder Life, Liberty and the Pursuit of Happiness.

Die NSA-Abhöraffäre hat das Ansehen der USA in Deutschland stark beschädigt. Verstehen Sie, dass viele das Vertrauen in die USA verloren haben?

Denison: Ich kann verstehen, dass Menschen das Vertrauen in die USA verlieren, wenn sie meinen, Amerika bedroht ihre Interessen und Werte mehr als andere Länder. Es ist auch so, dass Deutschland den USA nie völlig vertraut hat. Umfragen sagen, dass Deutsche den Amerikanern weniger Vertrauen als Amerikanern den Deutschen. Das liegt daran, dass die USA Deutschlands Schicksal auf beeindruckende Weise beeinflussen. Und Deutschland hat in Washington zwar sehr viel Einfluss, aber nicht so viel, wie es gern möchte.

Warum ist das Misstrauen der USA gegenüber verbündeten Staaten so groß?

Denison: Die Amerikaner haben in Deutschland schon immer abgehört. Im Internetzeitalter aber noch sehr viel umfangreicher als früher. Was im Internetzeitalter auch anders ist: Es ist einfacher, alle Daten, die durch eine Leitung gehen, abzufangen als nur bestimmte Daten. Daher glaube ich, die Deutschen übertreiben es, wenn sie den USA unterstellen, sie wollten die Privatsphäre deutscher Bürger ausspionieren. Zudem vertraut die amerikanische Regierung Deutschland nicht hundertprozentig. Sie trauen den Deutschen nicht zu, amerikanische Sicherheitsinteressen in Deutschland voll zu gewährleisten. Sie trauen den Deutschen auch nicht zu, Spionageabwehr und die Terrorismusbekämpfung selbst leisten zu können. Daher werden die USA in Deutschland immer abhören.

Politiker und Bürger diskutieren über die Frage, ob Deutschland mehr Verantwortung in der Welt übernehmen sollte. Wie sehen Sie das?

Denison: Es gibt Deutschland mehr Einfluss und Ansehen in den USA, wenn es sich mehr engagiert, etwa bei der Bewaffnung der Kurden im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat. Das allein reicht aber nicht. Deutschland muss mehr Geld für die Außenpolitik ausgeben, ob für Soldaten, Diplomaten oder Entwicklungshelfer.

• Der Vortrag findet am Dienstag, 19 Uhr, in der Schauenburger Märchenwache, Lange Straße 2, in Schauenburg-Breitenbach (Kreis Kassel) statt. Der Eintritt ist frei.

Von Daniel Göbel

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