Funde in Kläranlagen

Interview: Mirkroplastik - Fast unsichtbare Gefahr?

Mikroplastik wird von Meeresorganismen und Fischen aufgenommen und gelangt so in die Nahrungskette.

Das Alfred-Wegener-Institut für Meeresforschung hat Abwasserproben untersucht und herausgefunden, dass herkömmliche Kläranlagen kaum etwas gegen Mikroplastik ausrichten. Im Interview erläutert Mikrobiologe Gunnar Gerdts, warum die Partikel gefährlich werden können.

Woher stammt das Mikroplastik, das Sie in den Kläranlagen gefunden haben? 

Dr. Gunnar Gerdts: Grundsätzlich möchte ich vorwegschicken: Als Mikroplastik bezeichnen wir Partikel, die kleiner sind als fünf Millimeter. Das geht hin bis in den Mikrobereich. Es gibt primäres Mikroplastik, dazu gehören sogenannte Produktionspellets. Das sind unter anderem Schmirgelzusätze, die in Zahnpasta, Duschgel und anderen Kosmetika eingesetzt werden. Davon abzugrenzen ist sekundäres Mikroplastik. Das entsteht dadurch, dass Plastik altert und Partikel von der Oberfläche abgehen. Man hat das lange im marinen Bereich beobachtet und nimmt an, dass Sonneneinstrahlung, Wind und Wellen zur Zersetzung beitragen, bis das Plastik nicht mehr zu sehen ist.

Was Sie in den Kläranlagen gefunden haben, kann doch nur primäres Mikroplastik sein, also aus Kosmetika. 

Gerdts: Nein, wir sind alle immer umgeben von Plastik. Zum Beispiel Frischhaltedosen, Frühstücksbrettchen oder Tischoberflächen - davon wird ständig Abrieb erzeugt. Fleecepullover geben beim Waschvorgang winzige Plastikfasern ab, die vom Flusensieb nicht erfasst werden und im Klärwerk landen.

Was geschieht, wenn das Mikroplastik in Flüsse und ins Meer gerät? 

Gerdts: Gute Frage, über die Auswirkungen ist wenig bekannt. Wir wissen von der Küste und aus dem Meer, dass Mikroplastik in vielen Organismen nachgewiesen worden ist: in Muscheln, Austern, Krebsen und Fischen. Was zwischen Kläranlage und Meer ist, also wie sich das Mikroplastik in Flüssen verhält, das ist noch nicht erforscht. Was das Plastik letztlich in den Tieren bewirkt, wissen wir auch noch nicht.

Ist es für Menschen gefährlich, wenn man etwa eine mit Plastik belastete Auster isst? 

Gerdts: Das hängt davon ab, wie viel Plastik aufgenommen wird und wie groß die Plastikteile sind. Vermutlich wird man das Mikroplastik einfach wieder ausscheiden. Das ist wahrscheinlich auch bei den meisten Tieren der Fall.

Dann stellt sich die Frage, warum Mikroplastik ein Problem sein soll? Vielleicht ist das einfach ein Phänomen, das im 21. Jahrhundert zum modernen Leben gehört. 

Gerdts: Es gibt Kollegen, die sagen, das ist ungefährlich. Letztlich wissen wir aber überhaupt nicht, welche Probleme Mikroplastik aufwerfen kann. An der Plastikoberfläche können sich Schadstoffe festsetzen und anreichern, das heißt, auf sehr wenig Oberfläche könnte sich eine hohe Schadstoffkonzentration festsetzen. Wenig Fläche - hohe Konzentration, das könnte zu Problemen führen. Da gilt es weiterzuforschen.

Müssen jetzt alle Kläranlagen mit teuren Filtern ausgestattet werden? 

Gerdts: Es gibt Überlegungen, Antibiotikarückstände zum Beispiel mit Aktivkohle aus dem Abwasser zu entfernen. Wenn man die Aktivkohle rausholt, könnte man gleichzeitig auch die Plastikteile rausholen. Das ist aber alles relativ teuer und auch noch nicht allgemein umgesetzt.

Gibt es eine Möglichkeit, wie Verbraucher Mikroplastik vermeiden können? 

Gerdts: Primäres Mikroplastik, zum Beispiel in Kosmetik, wird über kurz oder lang vom Markt verschwinden. Es gibt viele Hersteller, die angekündigt haben, Mikroplastik aus den Produkten zu nehmen, einfach weil die Kunden diese Artikel zunehmend im Regal stehen lassen. Anders ist das beim sekundären Mikroplastik: Das sind die Auswirkungen unseres modernen Lebens, und damit meine ich nicht nur die Plastiktüten, die unbedacht in die Natur gefeuert werden. Die Oberflächen um uns herum sondern ständig Partikel ab. Das lässt sich nicht mehr verhindern, es sei denn, man verzichtet komplett auf Plastik.

Von Tatjana Coerschulte

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