Interview zu Antisemitismus

Jüdischer Gastronom hat Koffer immer gepackt - „Wir sind keine Opfertypen“

„Das Beste, was einem an Solidarität passieren kann, ist das ganz normale Akzeptiertwerden“: Uwe Dziuballa (rechts) und sein Bruder Lars Ariel vor ihrem jüdischen Restaurant „Schalom“ in Chemnitz (Sachsen). Foto:  dpa

Chemnitz. Nach den Terroranschlägen von Paris und Kopenhagen hat Israels Staatspräsident die Juden in Europa aufgefordert, nach Israel auszuwandern. Wir sprachen mit einem Juden in Deutschland: Uwe Dziuballa (49) lebt in Chemnitz.

Stimmt es, dass niemand die Fensterscheiben Ihres Restaurants versichern will, weil die so oft eingeworfen werden? 

Uwe Dziuballa: Nein, das ist so nicht ganz richtig. Damit wir unsere Versicherung nicht übermäßig beanspruchen müssen, tragen wir Schäden, die im Außenbereich entstanden sind, weitestgehend selbst. So können wir eine normale Police behalten, die sonst sehr teuer würde. Wenn man mehrere Schadensfälle hatte, kann es soweit kommen, dass man gar nicht mehr versichert wird.

Wie oft müssten Sie einen Schaden melden? 

Dziuballa: Früher, an unserem alten Standort, sechs bis zwölf Mal im Jahr. Jetzt, nach dem Umzug des „Schalom“, hat sich das fast auf Null reduziert.

Was ist an dem neuen Standort anders? 

Dziuballa: Das „Schalom“ ist eingebettet in eine ganz normale Wohnsituation. Am alten Standort waren wir in der Nähe des Hauptbahnhofs, zudem war ab 21 Uhr dort so gut wie alles unbelebt. Wenn am neuen Standort jemand ein Hakenkreuz ans Schalom schmieren will, muss er damit rechnen, dass einer fragt, was er da macht.

Sie sind in der DDR geboren und teilweise aufgewachsen. Sind Sie als Jude in der DDR auch bedroht worden? 

Dziuballa: Da ich in der DDR keine Gastronomie hatte und nur als Mensch als Jude aufgetreten bin, war das eine ganz andere Situation. Die Parallele von früher zu heute ist, dass es eine nahezu gleiche Betroffenheitskultur gibt. Die Befreiung von Auschwitz war in Ost und West historisch gleich hoch bewertet. Die Ablehnung von Israel, also dieser versteckte Antisemitismus in Form des Antizionismus, ist in Ost und West ebenfalls relativ gleich.

Was verstehen Sie unter Antisemitismus? 

Dziuballa: Das ist für mich das Ablehnen des Semiten in der Form, dass man eine stereotype Vorurteilsgeschichte permanent durchprägt. Wenn die Sprache darauf kommt, dass einer meiner gelernten Berufe Bankkaufmann ist, und es dann heißt: Klar, ihr macht ja alle was mit Geld. Antisemitismus ist für mich auch, wenn die Leute meinen, über Juden Bescheid zu wissen, obwohl das nicht so ist.

Zum Beispiel? 

Dziuballa: Nicht wenige sind der Meinung, dass wir hier zu Gast sind, irgendwie seit Jahrhunderten zu Gast. Wenn jemand sagt: Ja, in Ihrem Land sind ja bald wieder Wahlen. Dann sage ich: Ach ja, das wusste ich gar nicht. Die Leute unterscheiden nicht Nationalität und Religion.

Hat sich Ihr Sicherheitsgefühl in Deutschland in den vergangenen Monaten verändert? 

Dziuballa: Nein, es ist gleich unsicher geblieben, eine gleichbleibende Nervosität. Wenn unsere Mutter sich nach dem Tod unseres Vaters 1994 nicht so vehement für diese Stadt ausgesprochen hätte, wären mein Bruder und ich aber sicher nicht mehr in diesem Land.

In Deutschland tritt neuerdings Antisemitismus von muslimischer Seite zu Tage. 

Dziuballa: Dazu kann ich nichts sagen, da habe ich keine negativen Erfahrungen gemacht.

Was halten Sie für ein gutes Mittel gegen Antisemitismus? 

Dziuballa: Man sollte nicht solche Angst haben, auf das Land stolz zu sein. Dass Stolz auf die Nation mit nationalistisch gleichgesetzt wird, ist Quatsch. Gegen Antisemitismus hilft außerdem das, was wir machen, und zwar nicht nur an Gedenktagen, sondern an 365 Tagen im Jahr. Bei uns im Restaurant sehen die Menschen: Die sind ja normal. Man sollte Hysterie lassen. Das Beste, was einem an Solidarität passieren kann, ist das ganz normale Akzeptiertwerden, eine gewisse Gelassenheit und Neugier.

Sie sind ein recht kräftiger Mann. Werden Sie vis-a-vis angepöbelt? 

Dziuballa: Direkt Auge in Auge, auf einen Meter Entfernung? Nein, auf keinen Fall. Wenn mich so ein junger Mann anpöbelt, dann liegen immer mindestens zehn Meter dazwischen, damit er noch wegrennen kann. Es hat mal ein paar Übergriffe gegeben, aber mein Bruder und ich, wir sind keine Opfertypen. Anrufe kommen, aber direkte Konfrontationen gibt es eigentlich gar nicht.

Israels Staatspräsident Benjamin Netanjahu hat die Juden in Europa nach den Anschlägen von Paris und Kopenhagen aufgerufen, nach Israel zu kommen. Was halten Sie davon? 

Dziuballa: Für mich und meine Familie spielt das im Moment keine Rolle. Aber das Wissen um die Existenz des Staates Israels ist wichtig. Seit vielen Jahren habe ich in der Wohnung einen gepackten Koffer, wo nur noch die Festplatte vom Rechner reinkommt. Diesen Koffer muss ich nur nehmen, zum Flughafen fahren, ein Ticket kaufen, und innerhalb von 24 Stunden habe ich dieses Land verlassen. Zu wissen, dass ich das kann und dass es den Staat Israel gibt, das gibt mir eine gewisse Sicherheit, in Deutschland zu leben.

Zur Person

Uwe Dziuballa (49) wurde als Kind einer jüdischen Familie in Karl-Marx-Stadt (DDR) geboren, wuchs in Belgrad (Jugoslawien) und in seiner Geburtsstadt auf. Nach der Wende lebte er einige Zeit in New York, bevor er nach Karl-Marx-Stadt, das nun Chemnitz hieß, zurückkehrte. Dziuballa ist gelernter Bankkaufmann und studierter Ingenieur für Elektrotechnik und Elektronik. Der verheiratete Gastronom betreibt das Restaurant "Schalom" gemeinsam mit seinem Bruder und seiner Mutter. Die Familie ist aktiv in der Jüdischen Gemeinde Chemnitz.

Weitere Informationen gibt es hier.

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