Interview

Terroranschlag: Held von Wien blickte dem Attentäter direkt in die Augen: „Er zielte auf mich“

Kerzen und Blumen liegen auf einer Straße in Wien.
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Menschen gedenken der Opfer nach dem Terrorangriff am 2. November in der Wiener Innenstadt. Kerzen und Blumen sind im Bereich der Seitenstettengasse niedergelegt.

Zwei Männer begaben sich bei dem Terroranschlag in Wien in Lebensgefahr, um andere zu retten. Recep Gültekin spricht im Interview darüber, was in dieser Situation in ihm vorging.

Wien – Vergangene Woche tötete ein Attentäter in Wien vier Menschen, 23 weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Recep Gültekin und Mikail Özen retteten an diesem Abend drei Menschen das Leben, wie Handyvideos belegen. Seitdem werden die beiden als „Helden von Wien“ gefeiert und können sich vor Presseanfragen nicht mehr retten. Am Dienstag (10.11.2020) hatte Gültekin Zeit für ein Gespräch. Vom Vorwurf, er sei Mitglied der Grauen Wölfe, einer rechtsextremen Vereinigung, distanziert er sich.

Rettete beim Terroranschlag von Wien drei Menschenleben: Der Kampfsportler Recep Gültekin riskierte am Abend des Anschlags vergangene Woche in der Wiener Innenstadt zusammen mit einem Freund sein Leben.

Wird Ihnen der Presserummel langsam zu viel?

Ja, langsam ist dem so. Die Leute könnten denken, dass wir daraus jetzt eine Show machen und das möchten wir nicht.

Sie stehen nicht gerne nach Ihrer Heldentat in der Öffentlichkeit?

Grundsätzlich haben Mikail und ich damit keine Probleme. Wir sind aber ehrlich gesagt einfach nur froh, dass wir an diesem Abend Menschenleben retten konnten. Das war für uns Wichtigste. Aber da wir gerade ein Interview führen, nutze ich die Gelegenheit: Ich möchte den Hinterbliebenen und Verletzten mein Beileid bekunden.

Sie konnten sich vor Danksagungen kaum retten. Sie waren beim Wiener Oberbürgermeister eingeladen, der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat sie persönlich angerufen. Über welchen Dank haben Sie sich am meisten gefreut?

Wir haben uns über alle Bekundungen gefreut; ob es der Oberbürgermeister war, der türkische Staatspräsident oder andere Politiker.

Sprechen wir über ihre Heldentat. Es ist Montag, der 2. November. Sie waren abends mit ihrem Freund in der Wiener Innenstadt unterwegs. Es ist der letzte Abend vor dem nächsten Lockdown. Was hatten Sie eigentlich vor?

Wir wollten ein letztes Mal zusammen in der Innenstadt was trinken gehen. Ich kam gerade von der Arbeit nach Hause, als mein Freund mich anrief und sagte, ich komm dich jetzt abholen und wir fahren zusammen in die Innenstadt.

Wie haben Sie mitbekommen, dass etwas nicht stimmte?

Wir hatten gerade unser Auto am Schwedenplatz eingeparkt, der Motor ging aus, als wir Schüsse hörten. Plötzlich waren wir mittendrin.

Was haben Sie im allerersten Moment gemacht? Köpfe runter, um nicht getroffen zu werden?

Mein Freund dachte zunächst, es handele sich um einen Filmdreh oder jemand habe Silvesterknaller gezündet. Wir sind in Wien keine Anschläge gewohnt. Wir hätten nie gedacht, so etwas mal in unserer Heimatstadt zu erleben. Die Menschen auf der Straße hatten zunächst ihre Handys in der Hand, um das Ereignis zu filmen, bis der Attentäter zu sehen war und jeder wusste, wie ernst die Situation ist. Dann habe ich auch schon die Splitter von Schüssen vom Boden hochfliegen sehen.

Was haben Sie dann gemacht?

Ich bin ausgestiegen, weil ich eine verletzte Dame auf der Straße habe liegen sehen. Ich habe sie an einen sicheren Ort gebracht.

Das war eine lebensgefährliche Situation.

Kaum war die Frau in Sicherheit, stand der Attentäter wenige Meter mir gegenüber. Es kam zum Blickkontakt und er zielte auf mich. Instinktiv habe ich mich abgerollt und bin zickzack weggerannt. Er schoss mir hinterher und traf mich in die rechte Wade. Mein Körper war aber so voller Adrenalin, dass ich nichts gespürt habe. Ich bin zurück zum Auto und wir sind direkt zum nächsten Polizeirevier gefahren. Den Beamten haben wir dann den Täter beschrieben, was für eine Waffe er hat und in welche Richtung er sich bewegt hat. Es war wichtig, dass der Täter so schnell wie möglich eliminiert wird.

Sind Sie dann ins Krankenhaus gefahren, um ihre Schusswunder versorgen zu lassen?

Nein. Wir sind zum Tatort zurückgefahren und haben eine alte Dame aus der Schusslinie in Sicherheit gebracht. Direkt im Anschluss haben wir gesehen, dass ein Polizeibeamter angeschossen auf der Straße lag und schon viel Blut verloren hatte. Wir haben ihn zum nächsten Krankenwagen getragen. In all der Hektik haben wir keinen Gedanken daran verschwendet, dass uns selbst etwas passieren könnte.

Sie hatten wirklich keine Angst um ihr Leben?

Ich hatte keine Angst. Meinem Freund ging es genauso. Er hat eine Zeit lang im österreichischen Bundesheer gedient. Er war trainiert für solch einen Ernstfall. Wir wollten einfach helfen.

Sie haben zusammen beim Einsatz somit drei Menschenleben gerettet?

Ja, insgesamt drei.

Wann haben Sie erfahren, dass es sich um einen islamistischen Attentäter handelt?

Es handelt sich nicht um einen islamistischen Attentäter. Wir sollten den Islam da nicht mit hineinziehen.

Der Attentäter wollte zuvor für den Islamischen Staat in den Krieg ziehen.

Ich benutze die Bezeichnung Islamischer Staat nicht. Um es klarzustellen: Ich lehne jede Art von Terror ab. Für mich haben Terroristen aber nichts mit irgendeiner Religion zu tun. Dann ist es auch egal, ob wir vom Islam, dem Christentum oder dem Judentum reden. Terror hat für mich auch keinen Namen. Für mich war das ein geisteskranker Irrer. (Florian Quanz)

Zur Person: Recep Gültekin

Recep Gültekin (21) kam bei einem Türkei-Urlaub seiner Eltern zur Welt. Zu diesem Zeitpunkt lebten und arbeiteten die Eltern jedoch bereits in Wien. Gültekin besitzt nur die österreichische Staatsbürgerschaft. Gemeinsam mit seinem Freund Mikail Özen ist er Kampfsportler. Gültekin tritt im Leichtgewicht an. Vom Vorwurf, er sei Mitglied der Grauen Wölfe, einer rechtsextremen Vereinigung, distanziert er sich. (flq)

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