HNA-Standpunkt

Zu viel Romantik - Wolfgang Blieffert über Kennedy, Obama und die Deutschen

Vor 50 Jahren wurde US-Präsident John F. Kennedy in Dallas (Texas) erschossen. Rund um den Mord ranken sich bis heute Verschwörungstheorien. Ein Kommentar von HNA-Redakteur Wolfgang Blieffert.

Nicht nur ältere Amerikaner, auch viele Deutsche wissen heute noch genau, wo sie waren und was sie gerade taten, als sie die Nachricht von der Ermordung John F. Kennedys erreichte. In keinem Land außer den USA waren die Betroffenheit und die Trauer, ja der Schock so groß wie bei uns.

Wolfgang Blieffert, E-Mail: bli@hna.de

Das lag daran, dass Kennedy erst wenige Monate zuvor Deutschland besucht hatte und vor allem im geteilten Berlin umjubelt worden war. Mit dem Satz "Ich bin ein Berliner" belebte er die Erinnerungen an die Luftbrücke der Jahre 1948/49, und er erneuerte die amerikanischen Sicherheitsgarantien für die Stadt.

Die Begeisterung für Kennedy speiste sich aber auch aus dem Bild, das sich nicht nur die Deutschen vom US-Präsidenten gemacht hatten. Schon äußerlich so ganz anders als die Politikergeneration von Adenauer und Erhard, kam nun ein junger Mann daher, dynamisch, modern, weltoffen.

Aus dieser Sichtweise sprach vielleicht auch der heimliche Wunsch nach einer neuen Politikerfigur, ehrlich und gut, unverbraucht und charismatisch. Dass die Realität der amerikanischen Politik unter Kennedy vielfach ganz anders aussah, wurde kaum wahrgenommen und ist zum Teil erst in den vergangenen Jahren herausgearbeitet worden.

Eine ähnliches Phänomen ist im übrigen rund um jenen Mann zu beobachten, der sich so gerne auf Kennedy beruft, Barack Obama. Auch ihn feierten die Deutschen, als er - noch nicht Präsident, sondern nur Kandidat - 2008 vor der Berliner Siegessäule auftrat. Auch in ihn wurden naive, überzogene, manchmal sogar romantische Erwartungen projiziert.

Umso größer heute die Enttäuschung: In Guantanamo werden immer noch Verdächtige festgehalten, die amerikanischen Sicherheitsbehörden sind aus dem Ruder gelaufen, der große Bruder knackt sogar das Handy der Kanzlerin. In diesen Monaten wurde offenbar, dass die deutsche Politik den eigenen Sonntagsreden von den gemeinsamen Werten zum Opfer gefallen ist. In Wahrheit interpretieren die Amerikaner und wir Werte wie Freiheit, Sicherheit und Datenschutz anders.

Das war im übrigen schon unter Kennedy so. Wegen des Baus der Berliner Mauer wollte er keinen Konflikt mit Moskau riskieren. Und was er aus dem heraufziehenden VietnamKrieg gemacht hätte, ist unter Historikern umstritten. Insofern hat Kennedys früher Tod eine Gesamtbewertung seiner Politik verhindert. Dafür aber seinen Mythos in ungeahnte Dimensionen getrieben.

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