Weiter Weg zur Energiewende: Wer zahlt was?

In acht Jahren, zu Silvester 2022, soll der allerletzte Tag sein, an dem Deutschland Atomstrom produziert hat. Was bringt 2015? Fragen und Antworten:

2014 hat die Bundesregierung versucht, per Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) Energiewendekosten zu zügeln. Und 2015? 

Im neuen Jahr geht es vorrangig um den Umbau des Strommarktes. Die Erneuerbaren sind auf Platz eins im Strommix vorgerückt (siehe „Wendejahr“ unten). Die Vollversorgung ist aber noch weit entfernt, Überbrückung aus anderen Quellen im Winter, zu sonnen- und windschwachen Zeiten bleibt nötig. Mit einem Grünbuch hat Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel im Herbst Umbaumöglichkeiten skizziert – bis März können sich Betroffene äußern, dann sollen erste Gesetze folgen.

Was wird zum Strommarktumbau diskutiert? 

Im Kern behandelt das Grünbuch zwei Modelle: einen Kapazitätsmarkt, bei dem Kraftwerksbetreiber auch dafür bezahlt werden, dass sie anders als Solar- und Windanlagen immer eine gesicherte Stromleistung (Kapazität) anbieten können. Oder eine Entwicklung des bisherigen Marktes, wo nur für produzierte Energie gezahlt wird. Durch enorme Preisspitzen in Phasen knappen Stroms sollen sich auch Kraftwerke rechnen, die nur wenig laufen. Viele Investoren halten das für zu unsicher, da unklar sei, ob es ausreichend Preisspitzen von etwa 3000 Euro die Megawattstunde gibt, statt wie an normalen Tagen 40 bis 50 Euro.

Haben wir nicht ab und an Riesen-Stromüberschüsse? 

Doch - wenn der Wind bläst, die Sonne knallt, Kohle- und Atomkraftwerke weiter produzieren, weil die nicht stundenweise ausgeknipst werden können. Unsere Möglichkeiten, Strom zu speichern, sind großtechnisch längst nicht weit genug. Stromüberschuss wird noch ins Ausland verschenkt - Geld gibt’s für Abnehmer dazu.

Ist die Energiewende bis 2022 denn so zu schaffen? 

Nein – das war auch nie so geplant. Deutschland will weg von der Kernkraft und zugleich den Klimawandel bremsen helfen. Neue Technik ist eingeführt, der Markt wird umgebaut. Später sollen Strom, dann auch Heizung und Sprit komplett auf Erneuerbare umgestellt werden.

Wie lange dauert das voraussichtlich? 

Bis 2050 oder später, sagen Experten, noch ein weiter Weg also. Ins Energiewendepaket gehört aber auch – was gern übersehen wird – tatsächlich weniger Energie zu verbrauchen und den Rest effizienter zu nutzen als heute. Da bleibt Deutschland weit hinter selbst gesteckten Zielen. Den Plan, den Primärenergieverbrauch bis 2020 um 20 Prozent gegenüber 2008 zu senken, hat die Bundesregierung jüngst geschrumpft. Auf sieben bis zehn Prozent.

Wie kommt es eigentlich, dass im Strommix direkt hinter den Erneuerbaren nun Strom aus Braunkohle liegt? 

Weil nach dem Beschluss, Atommeiler bis 2022 abzuschalten, Kohlekraftwerke nicht einfach mitverschwinden. Im Gegenteil: Vom Markt verdrängt werden durch den Siegeszug der erneuerbaren Energien vor allem Gaskraftwerke. Kohlemeiler, deren Brennstoff im Fall Braunkohle doppelt so klimaschädlich ist wie Gas, aber eben billiger, laufen auch in Überschusszeiten weiter. Sie können gar nicht anders. Den politischen Ausstiegsbeschluss gibt es – anders als für AKW – ja nicht. Vattenfall, Eon und RWE nehmen trotz Klagen über sinkende Rentabilität in Hamburg und Holland sogar neue Kohlekraftwerke in Betrieb.

Wie stehen wir Ende 2014 beim Netzausbau da? 

Weit hinter dem Zeitplan - laut Monitoringbericht der Bundesnetzagentur wurden bis zum dritten Quartal 2014 „etwa 23 Prozent der nach dem Energieleitungsausbaugesetz geplanten Stromleitungskilometer fertiggestellt. Ursprungsziel war es, einen Großteil der Vorhaben bis 2015 zu realisieren.“ Selbst schuld, rügt die Zukunftsenergie-Expertenkommission der Bundesregierung. Schwarz-Rot präsentiere immer noch Umfragen, in denen mehr als zwei Drittel der Befragten die Energiewende gutheißen. Wie Berlin aber für Akzeptanz bei jenen sorgen wolle, die für sich selbst Nachteile etwa durch den Leitungsbau fürchten, sei „wenig konkret“.

Was erwartet Verbraucher auf der Kostenseite? 

Die EEG-Umlage zur Finanzierung der erneuerbaren Energien sinkt erstmals ganz leicht – von 6,24 Cent/kWh auf 6,17 Cent. Die Summe aller Umlagen, Abgaben und Steuern geht um 0,15 Cent pro Kilowattstunde zurück. An der Börse geben Strompreise nach: Über 300 der 800 Grundversorger in Deutschland wollen im ersten Quartal 2015 für 16 Millionen Haushalte die Preise im Schnitt um 2,4 Prozent senken, meldete jüngst das Portal check24. Entwarnung also - aber: Ein Vier-Personen-Haushalt gibt heute auch fast das Doppelte für Strom aus wie zur Jahrtausendwende, sagt der Verbraucherzentrale-Bundesverband.

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