Investitionen in sozialen Netzwerken

In Würde Altern: Strategien gegen die Vereinsamung

Im Januar wurden zwei Fälle aus Berlin bekannt, bei denen zwei alte Menschen erst Jahre nach ihrem Tod in ihren Wohnungen gefunden wurden. Über Strategien gegen die Vereinsamung in einer alternden Gesellschaft sprachen wir mit dem Sozialwissenschaftler Prof. Thomas Klie.

Herr Prof. Klie, ist der einsame, unentdeckte Tod ein Großstadtphänomen?

Thomas Klie: Keineswegs, aber in Großstädten leben mehr alleinstehende ältere Menschen. Die soziale Aufmerksamkeit in Nachbarschaften ist in Städten nicht überall selbstverständlich wie im ländlichen Bereich. Anonymität, Individualismus und Mobilität sind Merkmale urbaner Lebensweisen. Da fällt es dann nicht auf, wenn der Nachbar sich nicht mehr rührt.

Gibt es Zahlen, wie oft Menschen sterben und ihr Tod lange unentdeckt bleibt?

Klie: Nein, das wird statistisch nicht erfasst. Die öffentliche Aufmerksamkeit für solche Fälle steht in keinem Verhältnis zu ihrer absoluten Zahl. Was uns die Reaktionen lehren ist, dass wir Autonomie und Selbstbestimmung – die Zentralwerte unserer Zeit – nicht ohne Einbettung in tragfähige Beziehungen denken und leben können: Unsere Autonomie braucht immer den Anderen.

Die Gesellschaft altert zunehmend, bedeutet das auch mehr Vereinsamung?

Klie: Wir müssen unterscheiden. Alleine leben muss nicht heißen: vereinsamen. Aber Freundschaften, Nachbarschaften wollen gepflegt werden. Vor allem dann, wenn man nicht mehr selbstverständlich auf traditionelle Netzwerke wie Familien setzen kann. Investitionen in die soziale Qualität des Wohnens sind gefragt: vom Bürger und von der Kommune.

Geht das konkreter?

Klie: Wir brauchen nicht nur eine Wohnungs- sondern auch ein Wohnpolitik, die die soziale Architektur, die Möglichkeiten und Gelegenheiten zum Miteinander mitbedenkt. Nachbarschaftstreffs, Quartiersmanagement, Mehrgenerationenhäuser unterstützen das, was zum guten Leben im Alter beitragen kann: Dazugehören und bedeutsam sein für Andere. Die hohe Kunst gelingenden Alterns liegt in der Pflege sozialer Netzwerke.

Mancherorts bekommen schon 60-Jährige erstmals Post vom Altenreferat, fühlen sich aber gar nicht alt.

Klie: Viele Kommunen bemühen sich um gute Lebensbedingungen im Alter. Die Gerontologie lehrt uns aber, dass Menschen im Alter verschieden sind. Wir leben in einer bunten Altersgesellschaft und dürfen die Menschen 65+ nicht über einen Kamm scheren und dem Paradigma der Fürsorge unterwerfen. Wir wissen aber, welche Menschen im Alter potenziell Hilfe benötigen und Risiken ausgesetzt sind. Ihnen präventive Hausbesuche – durch Ärzte bei gesundheitlichen Risiken, durch Sozialarbeiter bei sozialen Risiken – anzubieten macht Sinn.

Welche Strategien empfehlen Sie denn?

Klie: Zunächst sollte man sich gerade auf kommunaler Ebene um differenzierte Altersbilder bemühen: Ältere bringen viele Potenziale für das soziale Miteinander mit, suchen oftmals nach identitätsstiftenden Aufgaben in Familie, Nachbarschaft, Kirche und Freundeskreis. Gelegenheiten zur Mitgestaltung des kulturellen und sozialen Lebens sind gefragt.

Wer soll das tun?

Klie: Durch Quartiersmanagement könnte diese dort geschaffen werden, wo sie bereits zur örtlichen Kultur gehören. Wohnungsbaugenossenschaften beteiligen sich zunehmend an entsprechenden Infrastrukturen, indem sie Räume zur Verfügung stellen. Auch der soziale Hausmeister, der sich nicht nur um die Technik, sondern auch um das Soziale kümmert, ist gefragt.

Spielen Wohnungsbaugesellschaften denn da mit?

Klie: Auch das ist unterschiedlich. Viele Wohnungsgesellschaften und Genossenschaften sind an Stabilität in der Mieterschaft interessiert. Da, wo der Wohnungsmarkt eng ist, haben sie es weniger nötig, auf soziale Aspekte zu achten. Sie werden die Wohnungen so oder so los. Dort sind die Kommunen besonders gefragt, etwas zu unternehmen. Viele Kommunen erkennen, dass Qualität im sozialen Miteinander mit den dazugehörenden Infrastrukturen auch Standortqualität ist.

Werden Ihre Forderungen ausreichend gehört?

Klie: Ja und nein. Der 7. Altenbericht der Bundesregierung greift die Probleme auf. Der derzeitige Immobilienboom löst sich aber völlig aus sozialer Verantwortung, da muss die Politik gegensteuern. Die Vertreibung gerade alter Menschen aus ihren Quartieren oder berlinerisch Kiezen durch die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen in den Ballungsräumen ist für die Betroffenen dramatisch. Dagegen wird gesetzlich und politisch zu wenig getan.

Was brauchen wir?

Klie: Wir brauchen mehr altengerechte und zugleich bezahlbare Wohnungen in Quartieren. An Konzepten einer integrierten Stadtentwicklung mangelt es nicht. Die Kommunen brauchen hier Unterstützung und kommunalpolitischen Willen und Intelligenz.

Zur Person: 

Der Altersforscher Prof. Thomas Klie (61) ist Professor für öffentliches Recht und Verwaltungswissenschaft an der Evangelischen Hochschule Freiburg. Der verheiratete Vater dreier Kinder, der aus Hamburg stammt, ist einer der führenden Sozialexperten Deutschlands und Mitautor des 6. und 7. Altenberichts der Bundesregierung. Viel beachtet war sein 2014 erschienenes Buch „Wen kümmern die Alten? Auf dem Weg in eine sorgende Gesellschaft“, Pattloch-Verlag München, 256 Seiten, 18 Euro.

Wenn Menschen unbemerkt sterben

• Ende November 2015 wird in Lohfelden (Landkreis Kassel) die Leiche einer 87-Jährigen in ihrer Wohnung entdeckt, sie hatte dort 15 bis 18 Monate gelegen.

• Im März 2013 fand ein Polizist in Düsseldorf die Leiche einer Frau, die seit fünf Jahren tot war.

• Im Mai 2012 findet fünf Jahre nach ihrem Tod ein Einbrecher in Hagen (NRW) die mumifizierte Leiche einer Rentnerin.

In allen Fällen wurde die Rente überwiesen, die Miete abgebucht – niemand hat die alten Menschen vermisst. Dass Menschen so vereinsamen, ist nicht gänzlich zu verhindern. Aber es gibt Initiativen, die sich damit nicht abfinden wollen.

Elke Schilling von der SeniorInnenvertretung Berlin-Mitte, baut gerade die kostenfreie Soforthilfe-Hotline „Silbernetz“ auf. Ab Ostern können ältere Menschen dort anrufen, auf Wunsch melden sich Ehrenamtliche bei den Senioren auch regelmäßig.

In Kassel und Umgebung hat die Nassauische Heimstatt/Wohnstadt einen Service aufgebaut für haushaltsnahe Dienstleistungen. Für einen kleinen Obolus helfen Mitarbeiter bei Aufgaben wie Glühbirnenwechsel, aber auch beim Einkauf.

Das Unternehmen will laut Regionalleiter Jürgen Bluhm dazu beitragen, „dass ältere Menschen so lange wie möglich in ihrer Wohnung bleiben können“. Insofern diene der Service auch dem Erhalt sozialer Kontakte. 

Rubriklistenbild: © dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.