Todesfall wühlt Frankreich auf

Wurde Umweltaktivist Rémi Fraisse von Ordnungskräften getötet?

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Polizisten gegen Demonstranten: Nach dem Tod des 21-jährigen Rémi Fraisse eskaliert die Gewalt im Südwesten Frankreichs.

Paris/Sivens. „Rémi, Rémi, wir vergessen dich nicht“, riefen sie. „Bullen, Schweine, Mörder!“ Lautstark drückten hunderte Demonstranten in dieser Woche in mehreren französischen Städten ihre Bestürzung über den Tod von Rémi Fraisse und ihre Wut auf staatliche Ordnungskräfte aus.

Der 21-jährige Naturschützer und Biologiestudent war am Sonntag tot aufgefunden worden, nachdem eine Demonstration gegen ein geplantes Staudammprojekt im südwestfranzösischen Sivens, 40 Kilometer von Toulouse, eskalierte. Unter die fast 2000 friedlichen Teilnehmer mischten sich laut Polizei „100 bis 150 vermummte, in Schwarz gekleidete Anarchisten, die die Ordnungskräfte mit Brandsätzen und anderen Geschossen bewarfen“. Die Antwort: Tränengas und Gummigeschosse.

Kamen von den Gendarmen auch Handgranaten, von denen eine Rémi Fraisse getötet haben könnte? Spuren von TNT an seiner Kleidung scheinen den Verdacht zu bestätigen, der Wut auf Ordnungskräfte schürt. Laut Staatsanwalt Claude Dérens wies Fraisse am Rücken eine große Wunde auf, die „mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer Explosion herrührt“. Der Rucksack des Mannes, der explosive Inhalte enthalten haben könnte, wurde nicht gefunden. Nur eine Flasche und Chips befanden sich darin, versichern seine Freunde, die ihn als freundlich, sanftmütig, wenn auch „ein bisschen großmäulig“ beschreiben. „Rémi war nicht gewalttätig“, sagte sein Vater Jean-Pierre. „Er engagierte sich entschlossen im Umweltschutz. Ich denke, als er all die Gewalt sah, konnte er sich nicht zurückhalten.“ Die Familie klagt gegen Unbekannt wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung mit Todesfolge.

Der Vorfall gibt Gegnern des Staudamm-Projektes an dem in den Tarn mündenden Fluss Tescou Rückenwind, die es seit Jahren bekämpfen. Er soll zur Speicherung von 1,5 Millionen Kubikmeter Wasser dienen, mit dem Bauern Felder bewässern können. Kritiker beklagen die Zerstörung eines 13 Hektar großen Biotops und Kosten von 8,5 Millionen Euro des „überdimensionierten Projektes“, das ihnen zufolge 20 statt angeblich 85 Landwirten nutze. Ein vom Umweltministerium beauftragtes Gutachten unabhängiger Ingenieure gibt ihnen weitgehend Recht, rät aber vom radikalen Stopp der Bauarbeiten ab, die ausgesetzt wurden. Begonnen haben sie Anfang September. Seitdem kam es immer wieder zu Zusammenstößen. Bis zu 200 Gendarmen sind täglich auf dem Gelände. Die Vorfälle bringen auch die Regierung in Zugzwang. Die grüne Ex-Ministerin Cécile Duflot spricht von einem „unauslöschlichen Schandfleck“ und fordert eine Untersuchungskommission. Scharf kritisiert wird Innenminister Bernard Cazeneuve, der vor der „politischen Instrumentalisierung eines Dramas“ warnt und Gewaltexzesse verurteilt: In Albi, der nächstgrößeren Stadt, waren Frankreich-Fahnen angezündet, Banken, Geschäfte und ein Denkmahl angegriffen worden.

Von Birgit Holzer

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