Wuttiraden in der enthemmten Republik

Der Ton wird rauer: So wird Hass in sozialen Netzwerken ausgedrückt

Wer in Deutschland Hass empfindet, drückt das oft in sozialen Netzwerken und in Mails aus. Wir haben Entgleisungen gegen beliebte Ziele von Hassattacken dokumentiert: Migrantenverbände, Journalisten - und die AfD.

Deutschland ist derzeit eine aufgeregte, eine wütende Republik. Wer eine kontroverse Meinung öffentlich vertritt, muss damit rechnen, dass er mit Hass überschüttet wird. Nicht nur im Internet. 

Die Migrantenverbände

Gökay Sofuoglu

Gökay Sofuoglu, Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD), musste sich ein dickes Fell zulegen. Selbst Uralt-Beschimpfungen wie „Kümmeltürken“ werden wieder hervorgekramt. Die Anfeindungen kämen aber nicht nur von Rassisten. Nachdem sich der Verband gegen die Einführung eines Präsidialsystems in der Türkei ausgesprochen habe, hätten auch die Drohungen von Erdogan-Anhängern zugenommen. Bei konkreten Drohungen wende sich die Gemeinde an die Polizei. Das komme bei der Türkischen Gemeinde aber eher selten vor.

Unser Video zu Hasskommentaren:

Aiman Mazyek

Anders ist das bei Aiman Mazyek. Der 48-jährige Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD) hatte schon die Drohung „Ich schneide Dir den Kopf ab“ im Briefkasten. Der ZMD bekommt laut Mazyek Hunderte von Beschimpfungen und erstattet ein bis drei Anzeigen - pro Woche. Viele davon verliefen im Sand, sagt er. Die Wut entlädt sich keineswegs nur im Internet: „Verpisst Euch ihr schwulen Hassprediger“, schrieb ein Unbekannter in krakeliger Handschrift auf die Grußkarte einer Kinderhilfsorganisation - und schickte sie an die Geschäftsstelle des Zentralrats.

An die Öffentlichkeit gehen die Migrantenverbände mit gegen sie gerichteten Hassbotschaften nur selten. In sozialen Netzwerken wird darauf geachtet, dass Fäkal-Botschaften und andere Beleidigungen verschwinden.

Die AfD

„Die AfD ist täglich von Hasskommentaren sowie Hass- und Drohmails betroffen“, heißt es aus der Bundesgeschäftsstelle der Partei. Drei bis vier Hassbotschaften seien es jeden Tag. Führende Köpfe der AfD wie Beatrix von Storch erhielten sogar Morddrohungen. Diese Härtefälle sowie Androhungen von Gewalt bringe die Partei regelmäßig zur Anzeige, so ein Sprecher. Das ist manchmal auch im sonst eher anonymen Internet nicht schwer: „Na Du Arschloch“, wütet ein Mann aus Dortmund in einer Mail an die AfD. „Wir scheißen auf Dich und Alice Weidel.“ Nach weiteren Beleidigungen unterschrieb der Absender die Hassbotschaft mit seinem vollen Namen.

Die Journalisten

Hasskommentare unter Online-Artikeln oder wüste Beleidigungen bei Demonstrationen: Jeder zweite Journalist fühlt sich von Hassangriffen belastet. Das haben Bielefelder Konfliktforscher festgestellt. Was helfen könne, sei die Hasskommentare öffentlich und lächerlich zu machen.

Dunja Hayali

ZDF-Moderatorin Dunja Hayali hat das versucht. Die in Deutschland geborene Tochter irakischer Eltern wird in den sozialen Netzwerken immer wieder attackiert. Nutzer „Emre“ trieb es bei Facebook zu weit. Er pöbelte mit fragwürdiger Rechtschreibung, bezeichnete die Moderatorin als „Nutte“ und fragte, warum sie „so ein hass auf türken“ habe. Die 43-Jährige drehte den Spieß um. Und fragt Emre, „den endgeilen Ficker“, warum er „so ein hass auf deutsche“ habe. Später telefonierte man - und vertrug sich.

Auch die HNA erreichen täglich viele hunderte Zuschriften, vor allem über Facebook und die Webseite HNA.de. Der Anteil an Kommentaren, die ausschließlich Hass und Hetze enthalten, wächst dabei stetig. Einige besonders wüste Zuschriften haben wir in einem Video veröffentlicht. (mit dpa) Fotos: dpa

Hintergrund: Jugendliche wachsen mit Hass im Netz auf

Beleidigungen, Drohungen, Abwertungen: Fast alle jungen Internetnutzer stoßen im Netz auf Hass. 94 Prozent der 14- bis 24-Jährigen in Deutschland haben im Internet solche Angriffe erlebt und gesehen, ergab eine Umfrage der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen. Junge Menschen geraten damit deutlich häufiger mit hasserfüllten Beiträgen in Kontakt als der Rest der Befragten- im Schnitt haben zwei von drei Internetnutzern solche Anfeindungen wahrgenommen. Etwa die Hälfte der Befragten zögert, sich aufgrund von Hasskommentaren an Online-Diskussionen zu beteiligen.

Rubriklistenbild: © Photo by Andre Hunter on Unsplash

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