Aus diesen Ländern stammen die Flüchtlinge und darum kommen sie

Berlin. Bis zu 800.000 Flüchtlinge werden in diesem Jahr in Deutschland Schutz suchen. Fünf Gründe für die steigenden Flüchtlingszahlen:

1. Krisengebiete:  Die Zustände in vielen Herkunftsländern sind nicht besser oder sogar schlimmer geworden: Es gebe keine Anzeichen für eine positive Entwicklung in den Konfliktregionen des Nahen Ostens, am Horn von Afrika und in Nordafrika, erklärt das Innenministerium.

2. Wege in Etappen:  Oft fliehen Menschen zunächst in ein Nachbarland und versuchen dort Fuß zu fassen. Wenn sich herausstellt, dass sie nicht bleiben können, geht es weiter. So nahm etwa die Türkei zwei Millionen Syrer auf. Als Gerüchte von bevorstehenden Abschiebungen aufkamen, flohen sie weiter.

3. Geschäft mit der Not:  Schlepperbanden machen mit den Verzweifelten hoch lukrative Geschäfte. Die Überfahrt von Nordafrika kostet im schrottreifen Frachter bis zu 6000 Euro, im Schlauchboot kassieren Schlepper nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration bis zu 1600 Euro. Etwas billiger geht es von der Türkei nach Griechenland.

4. Durchlässige Grenzen: Europa lässt sich nicht abschotten. Die EU-Grenzschutzagentur Frontex kann die Grenzen nicht dicht halten. Das Dublin-Abkommens wiederum, wonach das erste EU-Land, das die Flüchtlinge erreichen, sie aufnehmen muss, wird zunehmend löchrig. Staaten an der Balkanroute lassen die Flüchtlinge lieber durchreisen, weil sie sonst für sie aufkommen müssten, auch Staaten wie Italien oder Österreich kontrollieren offenbar seltener.

5. Wohlstand lockt: Deutschland hat die Wirtschaftskrise gut überstanden. Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit ist niedrig. Flüchtlinge rechnen sich Chancen aus, hier eine Existenz aufbauen zu können.

Ein Überblick über die Staaten, aus denen die meisten Flüchtlinge kommen:

In den ersten sechs Monaten haben hierzulande fast 160.000 Menschen erstmals Asyl beantragt, mehr als doppelt so viel wie vor Jahresfrist. Die tatsächlichen Flüchtlingszahlen dürften weitaus höher sein, denn viele stellen ihre Anträge erst Wochen nach ihrer Ankunft. Wie hoch die Chance auf ein Leben in Deutschland ist, hängt vom Herkunftsstaat ab. Insgesamt liegt die Schutzquote, die aussagt, wie viele Flüchtlinge ein Recht haben, hier zu bleiben, bei 36 Prozent. Ein Überblick über die Lage in den Staaten, aus denen die meisten kommen:

Syrien: Der Bürgerkrieg, der seit 2011 das Land zerstört, hat bisher 220 000 Menschen das Leben gekostet, schätzen die Vereinten Nationen. Truppen des Regimes von Präsident Baschar al-Assad, regierungsfreundliche Milizen und andere Kriegsparteien nehmen die Zivilbevölkerung unter Beschuss. Die Zahl der syrischen Flüchtlinge in Deutschland hat sich in Jahresfrist mehr als verdoppelt. Viele von ihnen waren zunächst in den Libanon oder in die Türkei emigriert und hofften, bald zurückkehren zu können. „Die Menschen versuchen erst einmal, in ihrer Region zu bleiben“, sagt Mehmet Ata, Sprecher des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. Die Chancen, bleiben zu dürfen, sind hoch: Schutzquote: 85,4 Prozent

Kosovo: Seit 2008 unabhängig, ist das Balkanland der jüngste Nationalstaat Europas und einer der ärmsten. Die Wirtschaft ist schlecht entwickelt, ein Drittel der Bevölkerung arbeitslos. Die Lage hat sich weiter verschärft: „Kosovo hatte immer viele Arbeitsemigranten“, sagt Bernd Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer der Organisation Pro Asyl. Doch seit 2008 brauchen die Kosovaren ein Visum, das sie kaum bekommen. Zudem unterstützen viele früher ausgewanderte Verwandte die Daheimgebliebenen nicht mehr. Chancen, als Flüchtling anerkannt zu werden, haben Kosovaren kaum. Schutzquote: 0,38 Prozent Albanien: Die Wirtschaftskrise hat das Land schwer getroffen und Fortschritte teilweise zunichte gemacht. Schattenwirtschaft und Korruption sind stark ausgeprägt. Viele Albaner, die in Griechenland arbeiteten, haben dort ihre Arbeit verloren und kehren zurück. Schutzquote: 0,4 Prozent

Serbien: Die Wirtschaft steckt in der Rezession, eine schwere Flut zerstörte vor einem Jahr Häuser, Schulen und Straßen. Die Lebensbedingungen wurden immer schlechter. Besonders zu leiden haben Roma. „Sie werden extrem ausgegrenzt“, sagt Mesovic. Die Roma werden medizinisch schlechter versorgt als Serben, ihre Kinder haben wenig Chancen auf einen Schulbesuch, die Möglichkeiten, aus der Armut herauszukommen, sind gering. Schutzquote: 0,1 Prozent

Irak: Der Sturz des Diktators Saddam Hussein und der Abzug der US-Truppen hinterließen einen instabilen Staat. Politische und ethnische Konflikte kosteten mehrere Hunderttausend Menschen das Leben. Die Terrororganisation Islamischer Staat kontrolliert weite Teile des Zentral- und Nordiraks, es kam zu Massenexekutionen und Angriffen auf die Zivilbevölkerung. Irakische Flüchtlinge dürfen meist in Deutschland bleiben: Schutzquote: 89,3 Prozent

Afghanistan:  Das Land steckt im Umbruch. Die Nato-Mission Isaf ging 2014 zu Ende. Die Sicherheitslage hat sich seitdem verschlechtert, ethnische Konflikte und Stammesfehden flammen wieder auf. Mehrere tausend Zivilisten kamen im vergangenen Jahr im Konflikt zwischen Regierung und Taliban und anderen regierungsfeindlichen Truppen um. Schutzquote: 41 Prozent

Video: Flüchtlinge in Calden - Ein Ort zwischen Sorge und Mitgefühl

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- Kommentar zur Haltung der EU zu Flüchtlingen

Rubriklistenbild: © dpa

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