108 Schäden im Raum Völkersen gemeldet – Land: Zusammenhang mit RWE-Dea-Förderung „sehr wahrscheinlich“

Zahlen Gasbohrer nun für Beben?

Andreas Mattfeldt

Langwedel. „Muss einem Kind erst ein Balken auf den Kopf fallen, damit reagiert wird? Mein Haus hat gehüpft!“ Das Erdbeben, das am 22. November 2012 abends kurz vor zehn den niedersächsischen Flecken Langwedel im Kreis Verden durchschüttelte, regt die Leute immer noch auf. Gestern bestätigte Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD): Eine Studie der Bergbehörde hält einen Zusammenhang zwischen dem Beben, das nicht das erste in der Gegend war, und der Erdgasförderung für „sehr wahrscheinlich“. Das Land wolle nun mit dem Gasförderer RWE Dea verhandeln, damit dort Erdbebenschäden unbürokratisch und schnell ersetzt würden.

Erregte Bürgertreffen, 108 Hauseigentümer in Langwedel und Umgebung meldeten Bauschäden, die Regulierung ist bis heute offen. Lang hieß es von RWE Dea, das November-Beben sei viel zu schwach, um Häuser zu ramponieren. Immerhin zahlt das Unternehmen, über dessen Übernahme die Kasseler Wintershall nachdenkt, den Schadensgutachter - aus Kulanzgründen, ohne Anerkennung weiterer Folgen.

Andreas Mattfeldt war Bürgermeister in Langwedel. Seit 2009 sitzt er für die CDU im Bundestag. In Berlin war er auch, als daheim die Erde bebte: „Meine Tante sagte, es war, als ob sich das ganze Haus gehoben und wieder gesenkt habe. Ich persönlich habe meterlange Risse im Mauerwerk“, so der 43-Jährige zu unserer Zeitung. Bei ihm war der Gutachter bis Anfang der Woche noch nicht. Dabei würde Mattfeldt die Risse gern reparieren, „weil vermehrt Feuchtigkeit ins Mauerwerk eintritt und der Schaden sich ausbreitet“. Vielen anderen gehe es ebenso.

41 leichte Beben notierte Hannover seit Ende der 70er-Jahre. 33 davon im Umfeld der Erdgasfelder, räumte Minister Lies gestern ein. Fürs Feld Völkersen waren das Beben 2004, 2008, 2010, 2011 und zuletzt eben 2012. Andere Wissenschaftler lasten der Gasförderung zumindest die Mitschuld an Beben schon lange an. Die Landesbehörden ziehen ihre jüngsten Schlüsse aus dem zunehmend dichter geknüpften Netz seismischer Messgeräte.

Auch wenn deren Daten es nun nicht mehr zulassen, Bebenursachen von Gasbohrungen wegzuerklären und Mauerrisse auf Handwerkerfehler zu schieben – es bleiben Fragen: Werden Beben im Norden häufiger und heftiger, so wie in den Niederlanden (siehe Kasten)? Gefahren für Menschen sähen Experten nicht, sagt Lies dazu.

Und: Hilft die neue Studie des Landes, Ansprüche gegen die Gasbohrer durchzusetzen? Leute mit Mauerrissen hängen oft zwischen Baum und Borke: Ihre Gebäudeversicherung zahlt allenfalls nach natürlichen Beben, Gasfirmen zahlen nur, wenn ihre Rolle als Schadensverursacher klar belegt ist. Die Beweislast liegt beim Kläger. Mit diesem Prozessrisiko trauen sich nur wenige vor Gericht. Das Land will die Beweislastumkehr im Bergrecht: Dann müssten Gasfirmen ihrerseits nachweisen, dass sie nichts mit Erdbeben zu tun haben. Für außergerichtliche Einigung möchte Minister Lies zudem eine Erdbeben-Ombudsstelle einrichten.   kommentar • Erdbeben-Studie ab Dienstag im Netz: www.lbeg. niedersachsen.de/

Von Wolfgang Riek

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