Zahlenfrisur vor dem Euro-Beitritt: „Auch wir haben gerechnet“

Griechische Euromünze: Die Aufnahme Griechenlands in den Euro war von Anfang an umstritten. Führende Politiker wie der damalige Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD, kleines Bild oben) setzten sich dagegen durch. Kleines Bild unten: Ex-Bundesbankchef Ernst Welteke (SPD). Foto: dpa

„Griechenland ist meiner Meinung nach keineswegs reif für die Währungsunion“ - mit diesem Satz vor Journalisten sorgte der damalige Präsident der Hessischen Landeszentralbank, Dr. Hans Reckers, im April 2000 für Kursstürze an der Athener Börse. Wäre es damals nach ihm gegangen, lägen heute die 300 Milliarden Euro für Griechenland nicht im Feuer. Doch dann wurde er kaltgestellt. Mit Hans Reckers sprach HNA-Nachrichtenchef Tibor Pézsa.

Herr Reckers, was hat Sie damals zu Ihrer Warnung vor Aufnahme Griechenlands in die Eurozone bewogen?

Hans Reckers: Der Euro wurde ja 1999 mit zunächst elf Mitgliedern eingeführt. Da war Griechenland ausdrücklich für zwei Jahre zurückgestellt worden, weil es nicht als euroreif angesehen wurde. Das war zwei Jahre später nicht anders, wie übrigens nicht nur ich fand, sondern viele andere Fachleute auch. Aber die Politik hat es anders entschieden, obwohl Griechenland die Stabilitätskriterien des Maastricht-Vertrages eindeutig nicht erfüllte.

Wie klar war denn die Datenbasis der Griechen?

Reckers: Das war zumindest gut einzuschätzen. Es war beispielsweise allgemein bekannt, dass der Militärhaushalt Griechenlands nicht im nationalen Haushalt auftauchte. Übrigens haben damals viele Länder vor dem Eintritt in den Euro ihre Zahlen verändert. Auch wir in Deutschland haben gerechnet. Wir haben zum Beispiel die öffentlichen Krankenhäuser herausgerechnet - allerdings in einem formalen Verfahren mit der europäischen Statistikbehörde Eurostat. In südeuropäischen Ländern gab es zum gleichen Zweck befristete Steuererhöhungen.

Sie sind damals nach Ihrer Äußerung zu Griechenland kaltgestellt worden. Wie lief das, hat der damalige Bundesfinanzminister Hans Eichel Sie angerufen?

Lesen Sie hier den ersten Teil unseres Interviews mit Dr. Hans Reckers.

Reckers: Nein. Er hat einen Brief an den Bundesbankpräsidenten Ernst Welteke geschrieben und meine Äußerung kritisiert. Ich war selbst etwas überrascht, dass meine Meinung, Griechenland noch ein zweites Mal von der Euroaufnahme zurückzustellen, von den Märkten so heftig aufgenommen wurde. In den Finanzmärkten wussten alle Fachleute, dass Griechenland nicht euroreif war. Darauf mussten natürlich die politisch Verantwortlichen in Deutschland und Griechenland reagieren.

Haben Sie sich damals isoliert gefühlt mit Ihrer Einschätzung?

Reckers: Nein, ich glaube, dass alle meine Kollegen im Zentralbankrat meine Meinung geteilt haben. Sie haben es nur nicht alle gesagt.

Wie konnte sich die Politik so brachial gegenüber den Fachleuten durchsetzen?

Reckers: Ich glaube, das ging nur, weil Griechenland ein kleines Land ist. Da meinte man, ein Auge zudrücken zu können.

Waren denn aber nicht auch die Zahlen von Italien und Belgien zweifelhaft?

Reckers: Die berühmten Maastricht-Kriterien sagen: Das jährliche Defizit darf nicht höher als 3 Prozent sein, der Schuldenstand nicht höher als 60 Prozent. Italien und Belgien hatten mehr als 100 Prozent. Deshalb hatte Theo Waigel als ein Vorgänger Hans Eichels als Bundesfinanzminister in einer vertraulichen Sitzung des Bundestags-Finanzausschusses ja auch die Aufnahme Italiens in den Euroraum als nicht selbstverständlich bezeichnet.

War die Aufnahme Italiens in den Euro ein Vertragsbruch?

Reckers: Nein, es gibt eine Fußnote im Maastricht-Vertrag, welche die Aufnahme von Ländern mit einem höheren Schuldenstand als 60 Prozent in die Währungsunion erlaubt, wenn der Schuldenstand zurückgeht.

Welcher Schaden hätte vermieden werden können, wenn Ernst Welteke und Hans Eichel Ihre Kritik ernstgenommen statt zurückgewiesen hätten?

Reckers: Jetzt ist der Schaden natürlich sehr groß. Über 300 Milliarden Euro wurden Griechenland bereitgestellt.

Haben Sie sich später mit Hans Eichel ausgeprochen?

Reckers: Ja, ich respektiere Herrn Eichel durchaus. Trotz der damaligen Meinungsverschiedenheit.

Sind Sie denn zu einer gemeinsamen Sicht auf Griechenland gekommen? Hans Eichel verteidigt ja die Aufnahme der Griechen in den Euro unter anderem damit, dass dabei alle mitgemacht haben.

Reckers: Das stimmt nicht ganz. Es gab eine fachliche Diskussion vor der Aufnahme Griechenlands, die ja auch zur Zurückstellung des Landes geführt hatte. Und die gab es zwei Jahre später nochmal. Ich war nur einer der wenigen, welche ihre Zweifel öffentlich gemacht haben. Bundestagsabgeordnete der Union haben das auch getan.

Zur Person

Der gebürtige Salzbergener (Emsland/Niedersachsen) Dr. Hans Reckers (62) war Präsident der Landeszentralbank Hessen (1999-2002) und Mitglied des Zentralbankrates, als er wegen Kritik an der Euroaufnahme Griechenlands von Bundesbankchef Ernst Welteke gemaßregelt wurde. Der promovierte Jurist arbeitete zuvor in den Bundesministerien für Finanzen, Verteidigung und dem Bundeskanzleramt. Der Christdemokrat und verheiratete Vater von vier Kindern war von 2002 bis 2009 Vorstandsmitglied der Bundesbank. Heute arbeitet Hans Reckers als Rechtsanwalt in einer internationalen Wirtschaftskanzlei in Berlin.

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